Den See entlang nach Morsee

Diese Woche von Lausanne-Ouchy via Saint-Sulpice nach Morges (VD)

Von Lausanne nach Morges wandern – ein guter Winterplan. Ich fuhr nach Lausanne, nahm im Bahnhof die Vertikalmetro hinab nach Ouchy. Unten merkte ich wieder einmal, dass Lausanne herrlich ist: die von Inlineskatern durchsausten Parkflächen, die Hotelbauten des 19. Jahrhunderts, das Quaken und Kreischen der Vögel, die Alpen Savoyens gegenüber.

Ouchy, übrigens, ist die Keimzelle Lausannes. Die Römer nutzten den Ort als Hafen und verluden Handelsware.

Ich zog los, genoss die Weite des grauen Sees, am Himmel kämpfte die Sonne um ihren Auftritt und konnte sich nicht wirklich durchsetzen. In Vidy musste ich grinsen. Wie kompliziert Französisch manchmal ist, wenn der Genitiv ins Spiel kommt. Ein Schild kündete von einer Einrichtung namens Centre de Formation du Cercle de la Voile de Vidy.

Der Vogelkongress

In der Mündung der Chamberonne hockten Dutzende von Enten und Schwänen auf engem Raum, eine Art Kongress. Bei Saint-Sulpice verlief der Weg längere Zeit nicht am See, sondern hinter der ersten Häuserreihe. Glücklich machte mich die Prioratskirche mit ihrem kantigen Burgunderturm aus dem 12. Jahrhundert; uralt auch das romanische Querschiff.

Ich trat ein, sass längere Zeit da, wäre vielleicht eingeschlafen, wenn es nicht so klamm gewesen wäre. Frösteln weckt.

Wieder Ufer, wieder Vögel, wieder das Schwappgeräusch des Wassers gegen die Ufersteine. Und ein zweiter Fluss, der im See endete. Diesmal war es die Venoge. Ich erinnerte mich, wie ich einmal oben in L’Isle eine Quelle des Waadtländer Nationalflusses besucht hatte und berührt gewesen war vom Urschauspiel, wie Wasser schwallweise aus dem Boden dringt; das war magisch und erotisch zugleich.

Das Gedicht «La Venoge» von Gilles fiel mir auch ein. Und siehe da: ein paar Schritte weiter stand ein abgewitterter Gedenkstein. Jean «Gilles» Villard war Dichter, Chansonnier, Schauspieler. Die Waadtländer lieben ihn bis heute. Man gehe auf Youtube und suche dort mit «Venoge». Gleich zuoberst findet sich ein Mann im Anzug und beginnt, wenn wir einmal klicken, sein Gedicht zu rezitieren. Herrlich, dieses saftige, melodiöse, von Esprit und Süffisanz triefende Französisch und besonders die Stelle, in der Gilles (1895 bis 1982) kurz mal einen Genfer parodiert.

Egli – mit Pommes-Frites!

Ich hatte nun Hunger. Eigentlich war ich darauf eingerichtet, erst in Morges zu essen. Doch in Préverenges entdeckte ich das Hotel la Plage. Es war offen. Ich trat ein, wurde freundlich platziert, hatte bald meinen Teller vor mir: Egli an einer aparten braunen Buttersauce mit Pommes-Frites. Jawohl, Pommes-Frites! Als Eglibegleiter finde ich sie langweiligen Butterkartoffeln aus dem Wasser bei weitem überlegen.

Der Rest der Wanderung war besonders schön. Man geht während der drei Stunden von Losanen nach Morsee – so die verblassten deutschen Namen von Lausanne und Morges – immer wieder auf Asphalt. Am Schluss aber kam ein durchwegs natürlicher Abschnitt: Kies, Sand, Parkwiesen. Dann war ich in Morges, wo ich noch nie war. Hier hatten die alten Berner, als sie die Waadt regierten, ihre Genfersee-Kriegsflotte stationiert als Abschreckung gegen die Savoyer. Davon war nichts mehr zu sehen. Stattdessen: sanft schaukelnde, winterfest gemachte Freizeitboote. In friedlicher Stimmung fuhr ich heim.

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Route: Lausanne-Ouchy/Seepromenade (Standseilbähnchen von Lausanne SBB) – Vidy – Saint-Sulpice – Préverenges – Morges/Seepromenade – Morges SBB.

Wanderzeit: 3 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: praktisch nur geradeaus.

Wanderkarte: 261 T Lausanne, 1: 50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Morges mit dem Zug direkt nach Lausanne.

Charakter: Meist wandert man am Seeufer. Abschnitte auf Asphalt, dazwischen Kies und Gras. Parkähnliche Passagen und Weitblick über den See nach Savoyen. Vögel, Jogger, Bänklisitzer, Kinderwagenschieber.

Höhepunkte: Der erste Anblick des Sees in Ouchy. Die Kirche von Saint-Sulpice. Der Egli in Préverenges.

Kinder: Perfekt. Natürlich sollten sie nicht ins Wasser fallen.

Hund: Perfekt, inklusive Bad.

Einkehr: Mehrere Gelegenheiten. Hotel La Plage in Préverenges: Sonntag und Montag geschlossen; auch zwischen den Esszeiten (15 Uhr und 18 Uhr) bleibt das Lokal zu.

Gedicht: «La Venoge» von Gilles auf Youtube.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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3 Kommentare zu «Den See entlang nach Morsee»

  • sam sagt:

    was für eine prompte und wunderbare antwort und weihnachtsfreude! danke!

  • sam sagt:

    danke für ihre wanderblogs, die ich immer neugierig lese, obwohl ich mich mehr mit mtb und velo bewege. was ich bei ihnen ganz genial finde: die gps-tracks. der biker ladet wohl keine in seinen blog, weil er diese verkaufen möchte, die rennvelofahrerin hat bedauerlicherweise ebenfalls keine gps routen, obwohl mich das am meisten interessiert. ihnen daher vielen dank, dass sie das alles mit uns teilen. ich werde wohl mehr wandern gehen, so einfach und verlockend machen sie es mir!

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