Grenzenlos wandern

Ein Gastbeitrag von Christian Andiel*

Es ist ein herrlicher, wolkenloser Septembermorgen. Beim Aufstieg vom Rifugio Vallanta zum Pass auf 2811 Metern sind wir trotzdem enorm froh, dass wir Handschuhe und Mützen eingepackt haben: Der Monviso, den wir in drei Tagen umrunden, wirft noch seinen Schatten. Erst als die Sonne höher steht, steigen die Temperaturen, dann allerdings rapide, am Ende werden wir wieder 28 Grad haben.

Zuvor aber geht es über ein kleines Schneefeld, dann öffnet sich am Passo di Vallanta der Blick ins Valleé du Guil. Noch ein Schritt, und wir haben Italien verlassen, sind in Frankreich. Das sagen uns aber nur die Namen der Täler und Berge, die Farben der Wegmarkierungen. Kein Schild weist darauf hin, kein Zöllner steht herum – hier in den Cottischen Alpen, etwa 90 Autokilometer südwestlich von Turin, geniessen wir grenzenloses Wandern.

Der Monviso ist mit seinen 3841 Metern eine imposante Erscheinung. Natürlich kann man den «Re di Pietra», den König aus Stein, besteigen. Aber wir halten uns an die Bergsteigerbibel, und der Rother Wanderführer Piemont Süd sagt: «Stellt sich noch die Frage, ob eine Umrundung des Mythosbergs nicht der mühsamen Quälerei durch brüchiges Gestein auf den Gipfel vorzuziehen ist – wo doch seine formschöne Pyramide die eigentliche Augenweide darstellt.» Eben.

Die Rundwanderung, die nahe der Po-Quelle beginnt, führt über gemütliche Hütten mit ausgezeichneter Küche. Sie ist technisch wenig anspruchsvoll; wer am Tag bis sieben Stunden gehen kann, hat keine Mühe. Aber sie bietet aussergewöhnliche Blicke auf den Monviso, in wunderschöne Täler. Und wo kann man schon innerhalb einer Stunde erst auf der einen Seite den Montblanc sehen, dann am Horizont einen Streifen des Mittelmeeres?

Wir gehen auf alten Saum- und Militärpfaden. Den Colle Traversette kann man eigentlich umgehen, der Markgraf von Saluzzo liess Ende des 15. Jahrhunderts etwas unterhalb den vermutlich ersten Strassentunnel der Alpen bauen. Er wollte damit den Transport von Salz, einem der damals wichtigsten Handelsgüter, sicherstellen – auch im Winter, und auch wenn feindliche Markgrafen den Pass besetzt hielten. Doch der Tunnel wird gerade saniert, er soll 2015 wieder passierbar sein. Was eigentlich gut ist, denn der Blick vom Colle Traversette (2950 Meter) Richtung Valle Po ist atemberaubend.

Hier kehren wir nach Italien zurück. Und wir denken wieder an unsere grenzenlose Wanderung. Das ist doch der wahre Kern des modernen, vereinten Europa, das gerade hier einst von schweren Kriegen heimgesucht wurde. Aus umkämpften Militärwegen wurden Wanderwege, aus befestigten Grenzposten wurde – nichts mehr. Bilder aus dem Nordirak tauchen auf, IS-Milizen, die Verbindungsstrassen bauen, um ihren Vormarsch effizienter durchführen zu können. Was wird einst aus diesen Wegen?

Neben dem Rifugio Quintino Sella steht eine kleine Kapelle. Hier wird der Bergsteiger gedacht, die bei der Besteigung des Monviso ums Leben kamen. Die Fotos von Italienern hängen hier neben den Porträts von Französinnen, etliche waren zu Rettungseinsätzen unterwegs. Wir geniessen die Abendsonne, geredet wird in einem wunderbaren Mischmasch aus Italienisch und Französisch, aber man versteht sich bestens. Und es gibt leckere Pasta, dazu Wein aus dem Piemont … Haben wir eigentlich schon gesagt, wie sehr wir die Umrundung des Monviso empfehlen?

Video: Youtube

Giro del Viso. Pian del Re (mit dem Auto erreichbar) – Rifugio Quintino Sella – Rifugio Vallanta – Pian del Re. Die Tour kann in mehr Etappen unterteilt werden.

Literatur:
Iris Kürschner. Piemont Süd. Rother Wanderführer. 2. vollständig überarbeitete Auflage 2012.
Iris Kürschner. Hüttentrekking Westalpen. Frankreich-Italien. 2. Auflage 2012.

Karten:
Valle Po, Monviso. Carta sentieri e stradale 1:25’000; Blatt 10
Monviso. Nr. 106 der Carta die Sentieri e dei Rifugi 1:25’000, Instituto Geografico Centrale Torino.
Für Kartenmaterial der Gegend wendet man sich am besten an Lieni Roffler von der Buchhandlung Piz, Buch & Berg, Müllerstrasse 25, Zürich (Pizbube.ch). Er hat die meisten verfügbaren Karten vorrätig und weiss, welche Karten noch aufgelegt werden. Roffler war zudem schon auf dem Gipfel des Monviso.

Andiel ChristianChristian Andiel ist Produzent und Sportredaktor beim «Tages-Anzeiger».

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