Die schönste Krümmung der Schweiz

Diese Woche vom Uetliberg zum Albishorn und entlang der Sihl nach Zürich.

Alles Mögliche kann eine Wanderung auslösen. In diesem Fall war es die Bemerkung meiner Schulkollegin Susan, dass auf dem Albishorn seit einiger Zeit neue Leute wirteten. Sie machten es sehr gut, hatte Susan gehört.

Mein Hunger war geweckt. Eines diesigen Tages fuhren wir im Züglein auf den Uetliberg – und jetzt eine Vorbemerkung für alle Nachwanderer: Natürlich hatte ich mich erkundigt, ob das Albishorn-Restaurant auch offen habe. Es hatte. Nach unserem Besuch kamen dann die Betriebsferien. Am Montag, 1. Dezember, öffnet das Restaurant wieder.

Gelobt sei der Felsenegg-Wirt

Bei der Bergstation zehn Minuten unterhalb des Uetlibergs ein Blick von der Terrasse über den erkalteten Wald und die aufsteigenden Nebelchen, dann starteten wir. Uto Kulm liessen wir links liegen, indem wir unterhalb des Gipfels rechts abbogen.

Die folgenden vier Stunden zum Albishorn: eine Beizenparade. Gelobt sei der Wirt der Felsenegg. Dort stiess Josephine zu uns, die mit der Seilbahn von Adliswil aufgefahren war. Sie erzählte, sie habe in der Felsenegg Kaffee trinken wollen, doch sei das Lokal morgens um neun noch geschlossen gewesen. Der Wirt habe sie aber gesehen und eingelassen, habe ihr einen Kaffee serviert und mit ihr gesprächlet. Bemerkenswert: ein Wirt, der ein gut frequentiertes Ausflugsrestaurant betreibt und doch den Einzelmenschen noch wahrnimmt. Auf der Felsenegg wirtet ein Unabgebrühter. Ein Nichtzyniker.

Der Gratweg zum Albishorn war Gehgenuss. Im ersten Teil wanderten wir auf einer breiten Kiespiste, Jogger und Kinderwageneltern kamen uns entgegen. Irgendwann nach dem Albispass wurde die Sache wilder: Geländer, steile Stufen, der eine oder andere Steg. Steil! Oben auf dem Bürglenstutz, dem höchsten Punkt des Albiskammes auf 915 Metern, keuchte ich arg.

Dann das Albishorn. Es liegt grandios mit Sicht auf die schönste Krümmung der Schweiz, den Zürichsee. Wir wurden im Säli am Fenster platziert und mochten das Flair der Wirtin für gehobene Brockenhausdinge wie ein blausamtenes Rösslein Hü. Die Karte war klein, aber mit Liebe gebaut. Ich hatte eine Rüebli-Ingwer-Suppe, Salat, Ghackets mit Hörnli, Vermicelleskuchen – alles fein.

Wir mussten weiter. Durch den Sihlwald ging es abwärts. Er ist ein sozusagen didaktischer Urwald, in dem die Natur schalten und walten darf, ausser sie blockiere den Wanderweg mit einem gestürzten Baum. In diesem Fall wird die Motorsäge angeworfen, auf dass der Mensch kein Problem beim Besichtigen stadtnaher Wildnis habe.

Tipp: Filetstück!

Unten an der Sihl nah der Station Sihlwald waren wir nicht willens, bereits mit Wandern aufzuhören. Den Fluss entlang zogen wir via Langnau und Adliswil Richtung Zürich. Ein imposantes Bild, eines der letzten: die Hochstrasse, die am Rand der grossen Stadt auf Stelzen in die Sihl gebaut ist. In Zürich-Selnau bei der Börse war Schluss. Doch, fanden wir: eine stolze Wanderung, mehr als acht Stunden Gehzeit.

Der Leser, die Leserin lasse sich nicht entmutigen. Aus der langen Route ist ein Filetstück präparierbar. Man startet erst auf der Albispass-Höhe, auf die einen der Bus von Thalwil oder Langnau trägt. Die Strecke zum Albishorn und hinab zur Bahnstation Sihlwald schafft man dann locker in zweieinhalb Stunden. Es gibt keinen Grund, nicht bald auf dem Albishorn einzukehren.
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Route: Uetliberg – Uto Staffel – Balderen – Felsenegg – Buchenegg – Albispasshöhe – Hochwacht – Schnabellücke – Bürglen – Albishorn – Langrain – Sihlwald Station – Sihlweg rechts des Flusses nach Langnau – Adliswil – Zürich-Manegg – Zürich-Selnau, Börse.

Wanderzeit: 8 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 475 Meter aufwärts, 880 abwärts.

Kurz (Filetstück): Erst auf der Albispasshöhe starten (Direktbus ab Thalwil oder Langnau). Dann wie in der Hauptvariante zum Albishorn und hinab nach Sihlwald Station. 2 1/2 Stunden, 240 Meter aufwärts, 550 abwärts. Von Sihlwald-Station direkte Zuglinie nach Zürich HB.

Wanderkarte: 225 Zürich, 1 : 50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Charakter: Angenehmer Albisgratweg mit kurzen ruppigen Stücken vor dem Albishorn. Auch der Abstieg vom Albishorn durch den Sihlwald zur Station Sihlwald ist teilweise steil.

Winter: Sobald die Wege überfroren sind, erreicht man das Albishorn leicht und gefahrlos ab Hausen am Albis.

Höhepunkte: Die Bergfahrt zum Uetliberg, immer wieder. Der Blick ins Reppischtal. Die gezähmte Wildheit des Albiskamms. Die Einkehr im Albishorn. Der stille Sihlwald, ein stadtnaher Urwald. Der Sihlweg nach Zürich.

Kinder: Sie gehören beaufsichtigt, an einigen Stellen verläuft der Weg gut gesichert an einer Kante.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Viele Möglichkeiten. Das Albishorn ist derzeit ferienhalber noch zu. Es öffnet wieder am 1. Dezember. Do geschlossen. Einfache, gute Küche.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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1 Kommentar zu «Die schönste Krümmung der Schweiz»

  • fufi sagt:

    Off topic, sicher, aber irgendwie ganz amüsant.
    Oder vielleicht nicht nur das?
    Jedenfalls zu Bild 12,zum Wanderende(?!?)
    Zürich ist wohl die einzige Börsenstadt, wo die Börse direkt gegenüber dem Sozialamt steht!

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