«Niente», seufzten die Jäger

Diese Woche auf den Monte San Giorgio (TI)

Das Postauto trug mich von Mendrisio hinauf nach Serpiano. Schön, wie sich der Bus aus der vom Transitverkehr geplagten Ebene frei fuhr. Irgendwann vor Meride erreichte er offenes Gelände, um gegen Serpiano durch einsamen Herbstwald zu brausen.

In Serpiano eine Überraschung. Nein, gleich zwei. Erstens ein Hotel, wie man es heute nicht mehr bauen würde, ein Betonklotz. Und zweitens ein grosses Stück Luganersee direkt unter der Terrasse des Hotels, dessen Lage grandios ist. Auch hohe Berge sah ich, bloss wusste ich sie nicht zu benennen.

Das Horrorhaus von Forello

Ich zog gleich los Richtung Monte San Giorgio, auf der Direttissima. Der Berg, 1097 Meter hoch, ist ein Mischwesen, gebaut aus Gesteinsarten von Gneiss über Tuff bis Ölschiefer. Berühmt ist er für seine Meeresfossilien aus dem Erdzeitalter Trias; jene Funde trugen ihm den Status des Unesco-Weltnaturerbes ein.

Ganz unbeleckt von Titelehrfurcht wanderte ich. Was ich sah, war gegenwärtig, schlicht, mythisch: lichter Wald, Buchen, Eichen, Kastanien. Der Boden geröllig, wurzeldurchzogen, bisweilen auch von alten Kastanienhüllen gepolstert. Einmal wanderte ich nah an einer Abrisskante hinab zum See. Dann wieder stieg ich in einer hohlen Gasse höher.

An einer Stelle kamen mir Jäger entgegen, ein junger und ein alter. Ich fragte, was sie jagten. «Cervi e cinghiali», antworteten sie. Hirsche und Wildschweine. Und ob sie schon ein Tier geschossen hätten? «Niente», seufzten sie unisono. Sie waren auf dem Heimweg.

Zehn Minuten vor dem Gipfel ein verfallenes Haus auf der Lichtung von Forello. Ich dachte an Geistergeschichten und den Horrorfilm «Blair Witch Project», in dem junge Leute im Wald mit einer Kraft konfrontiert sind, die körperlos bleibt und umso unheimlicher ist.

Oben wieder ein Haus, eine Schutzhütte. Ein Jogger stand davor, ass einen Riegel, wir redeten ein wenig – und ich muss nun eine Unsicherheit gestehen: Tage später las ich im Wanderführer, dass auf dem Monte San Giorgio auch eine Kapelle stehe. Ich sah sie nicht. Schaute ich zu wenig genau hin, hatte mich der Jogger abgelenkt, war die Schutzhütte gleichzeitig eine Kapelle?

Jedenfalls war da die Weite des südlichen Himmels. Und ein umfassendes Panorama mit dem Seedamm von Melide und dem San Salvatore gegen Norden. Der Jogger verabschiedete sich, ich setzte mich auf die Bank, trank Wasser, schaute und schaute und schaute. Ein paar SMS verschickte ich auch, um Freunde mit dem perfekten Wanderbild zu beglücken. Oder zu quälen, die Sache war zweideutig.

Horror in Zürich

Der Abstieg gestaltete sich leicht. Retour nach Forello, dann via Cassina – erneut eine Schutzhütte – hinab nach Meride. Der Ortsname wird im Unterschied zu Melide übrigens auf der ersten Silbe betont: Méride. Die alte Pfarrkirche San Silvestro am oberen Rand von Meride: wieder ein Ort der Aussicht, diesmal Richtung Italien.

Dass man nun nicht einfach heimfährt, sondern sich im von Mario Botta umgestalteten, 2012 neu eröffneten Fossilienmuseum umschaut: ein Muss. Wenige Tage danach besuchte ich in Zürich das Paläontologische Museum der Uni, das auch Exponate vom Monte San Giorgio (und von anderswo) zeigt. Ich sah Präkrokodile, Wasserreptilien, Riesenschildkröten, Monsterhechte mit bösartigen Schnauzen; ein bizarres Kabinett der Evolution. Gut, dass der Mensch noch nicht auf der Welt war, als diese Viecher lebten.

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Route: Serpiano, Albergo (Endhaltestelle des Busses von Mendrisio) – Cave Boscaccio – Forello – Monte San Giorgio – Forello – Cassina – Alboree – Meride, San Silvestro – Meride, Paese (mit demselben Bus wie auf dem Hinweg wieder nach Mendrisio).

Wanderzeit: 2 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 470 Meter auf-, 520 abwärts.

Wanderkarte: 286 T Malcantone, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Charakter: Wandern im Tessiner Herbstwald mit steilen Passagen. Gut signalisiert. Um diese Jahreszeit einsam. Sehr aussichtsreich mit Weitblicken über den vielarmigen Luganersee und nach Italien.

Höhepunkte: Der Blick von der Terrasse des Hotelrestaurants Serpiano auf den See. Derselbe See vom Gipfel. Das schön verschachtelte Dorf Meride am Schluss.

Kinder: Keine Probleme, aber an einigen Stellen gehören Kinder beaufsichtigt.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Nur am Anfang (Serpiano) und am Schluss (Meride).

Tipp: Das Fossilienmuseum in Meride, Botta-Umbau, vor zwei Jahren neu eröffnet, besuchen! Versteinerte Tiere und Pflanzen aus dem Unesco-Weltnaturerbe des Monte San Giorgio. Montag geschlossen.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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9 Kommentare zu ««Niente», seufzten die Jäger»

  • Thomas Widmer sagt:

    Vielen Dank für die Ergänzungen, vor allem was Kapelle-Schutzhütte angeht…

  • josef fischer sagt:

    Dass das eine fantastische Wanderung und oben ein wunderschöner Blick auf den ganzen Luganersee gewährt kann ich bestätigen. Ich war zwar nur zweimal oben und bin von Riva San Vitale den direkten Wanderweg hinauf gestiegen. Ein schweisstreibender Aufstieg, der mit einer sagenhaften Aussicht belohnt wird. Dass Thomas oben die Kapelle nicht erkannt hat, erstaunt mich allerdings etwas.

  • Hans und Marie-Louise Widmer-Borter sagt:

    Richtig, das „Schutzhaus“ ist die Kapelle (mit kleinem Türmchen und Glocke), welche aber normalerweise geschlossen ist. Nur der Vorraum (mit Getränken Selbstbedienung) ist offen bzw. kann geöffnet werden. Am Pfingstmontag trifft sich Meride mit dem Pfarrer auf der „Bergspitze“. Für Ältere und Wandermuffel fliegt mehrmals ein Helikopter ab Meride. Es gibt übrigens auch eine Seilbahn von Brusiono nach Serpiano und von dort ist die Aussicht noch schöner als vom Hotel Serpiano. Von der Funivia erreicht man mit einem schönen Spaziergang auch das Grotto Alpe di Brusono.

    • Thomas Abderhalden sagt:

      Wer Torta di Pane mag, reserviert sich im Grotto di Brusino am besten vor dem Aufstieg ein Stück, und kehrt dann auf dem Rückweg ein. Das letzte Mal war die Torta ausverkauft, bis ich ankam. Man kann vom lauschigen Grotto in ca. 40 Minuten nach Brusino absteigen.

  • granola sagt:

    Hola Thomas
    Deine Rubrik gefällt mir. Ich selber wandere in noch weiter südlicheren Gefilden. Manchmal seh ich ne Höhle auf der Karte eingezeichnet und finde sie nicht. Oder verirr mich, weil das Kartenmaterial oder der vorliiegende Beschrieb nicht aktuell sind. Ich finde, wenn schon Journalist, dann mit ’ner Wander-Rubrik.

  • luwe sagt:

    Sehr schöne Gegend, ich war schon dutzende Male hier. Das „Gehütt“ war ein Versuch nach dem 2. Weltkrieg mit Alpwirtschaft. Aus Wassermangel wurde die Alp aber schon bald wieder aufgegeben. Spannend auch der gegenüberliegende Poncione d’Arzo mit seiner Festung aus dem 1. Weltkrieg. Auf dem Weg hinunter über die Steinbrüche von Arzo findet man sogar noch Maulbeerbäume einer längst vergangenen Seidenraupenzucht. Ich lese die Wandervorschläge immer sehr gerne.

  • Thomas Widmer sagt:

    Lieber Uwe. Ich weiss nicht, was da schiefläuft. Alle Leute, die ich kenne, sehen sie… Anderer Browser?

  • uwe sagt:

    ich lese diese wander „geschichten“ wirklich gerne, aber man kann nie die bilder sehen, ist immer nur schwarz,

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