Ich trank aus der Raspille, um bilingue zu werden

Diese Woche von Rumeling auf Suonenwegen nach Siders VS

Alle wollten sie durch die Jahrhunderte nach Leukerbad, ins heilende Heisswasser. Goethe, damals im November 1799, kam von Siders und beschrieb die Passage der Varner Leitern kurz vor Rumeling so: «Ein Kerl, der mit einem Maulesel neben uns hinabstieg, fasste sein Tier, wenn es an gefährliche Stellen kam, beim Schweife, um ihm einige Hülfe zu geben.»

Als grosser Erzähler übertreibt Goethe die Gefahr. Oder war der damalige Pfad heikler als der heutige? Jedenfalls stellte ich bei meiner Begehung eine ziemliche Harmlosigkeit fest. Ohnehin führt das Wort «Leitern» in die Irre. Zwar gibt es am gegenwärtigen Weg Leitern, doch gehören sie zu einem Klettersteig, mit dem wir Wanderer nichts zu tun haben. Die historischen Leitern aus Holz, die den Namen prägten, sind längst entschwunden.

Bartlme Kraniger, Wegbauer

Eines schönen Tages fuhr ich von Leuk Richtung Leukerbad. In Rumeling stieg ich schon wieder aus – mein Plan war es, umgekehrt zu Goethe zu gehen, also von Rumeling über die Leitern aufzusteigen und dann hinab nach Siders zu halten. Unangenehm die ersten zehn Minuten, der Wanderweg war identisch mit der Strasse nach Leukerbad. Bereits hatte ich die monumentale Felswand vor mir, die ich durchqueren wollte.

Bald war ich im Grünen. Dann der Leiternweg. Eine Inschrift im Fels erinnerte an Meister Bartlme Kraniger, den Tiroler, der den Komfortweg 1739 in den Stein haute. Die nächste Viertelstunde durch die Wand bereiteten mir Vergnügen. Der Steig war breit und stellenweise mit einem Seilgeländer gesichert – keine Probleme. Tief unter mir nun die Schleifen der Strasse.

Oben ein Bildstock. Und ein totaler Szenenwechsel. Das Bergabenteuer war zu Ende, es begann der lange Mittelteil meiner Wanderung. Auf einem schönen, sanft sich senkenden Höhenweg hielt ich vorwärts, sah unter mir das Weindorf Varen, das den Leitern den Namen gegeben hatte. Später ging es auf einer Strasse wieder aufwärts, ich kam an der Feriensiedlung Taschunieru vorbei.

Schliesslich die Grossi Wasserleitu, die auch Varner Suone heisst. Anders als andere Suonen, also traditionelle Walliser Wasserkanäle, erwies sich diese als harmloses Ding: keine Abgründe, stattdessen viel Geradeaus durch lichten Wald auf einem perfekten Begleitweg. Unter mir lag der Pfynwald, gegenüber hatte ich den Gorwetschgrat, dessen Flanke von nackten Rüfen durchfurcht war.

Pizza zum Schluss

Mit der Suone endete bei La Proprija meine Passage durch die Varnerplatten, ein prähistorisches Bergsturzgebiet. Ich erreichte die Raspille, jenes Flüsschen, das auch die nächste Suone namens Bisse Neuf speist. Die Raspille ist berühmt, weil sie im Kanton Wallis den deutschen vom französischen Teil trennt. Der Bisse Neuf: Das waren wieder pflegliche Verhältnisse, wieder Gehfreude, wieder Plätschern und Baumschatten und ab und zu ein Wasserschieber.

Nah Venthône nahm ich Abschied vom Bisse Neuf. Ich stieg ab ins Dorf und weiter durch die Reben nach Siders. Dort setzte ich mich auf den grossen Platz und bestellte eine Pizza. In meinem holprigen Schulfranzösisch. Schade. Es hatte nicht funktioniert. Ich hatte oben am Hang einen Schluck aus der Raspille genommen – in der Hoffnung, dass mich das Wasser aus dem mythischen Grenzgewässer bilingue machen würde.

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Route: Rumeling (Bushaltestelle der Linie Leuk–Leukerbad) – Varner Leitern – Taschunieru – Grossi Wasserleitu (Varner Suone, Bisse de Varone) – La Proprija – Bisse Neuf – Venthône – Siders Bahnhof.

Wanderzeit: 4 Stunden.

Höhendifferenz: 265 Meter auf-, 685 abwärts.

Wanderkarte: 273 T Montana, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Kürzer: In Venthône nach 3 1/4 Stunden aufhören und den Bus hinab nach Siders nehmen. So geht man gut 280 Höhenmeter weniger abwärts.

Charakter: Zuerst ein spektakulärer, aber gefahrloser Steig durch eine Felswand. Dann leichtes Suonenwandern mit Weitblick übers Wallis und auf viele hohe Gipfel.

Höhepunkte: Die Varner Leitern. Die beiden Suonen Grossi Wasserleitu und Bisse Neuf. Der historische Kern von Siders.

Kinder: Sie gehören in der Varner-Leitern-Passage beaufsichtigt.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr unterwegs: Erst ab Venthône.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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1 Kommentar zu «Ich trank aus der Raspille, um bilingue zu werden»

  • Tyrannosaurus sagt:

    Lieber Herr Widmer, noch selten habe ich von Ihnen einen leidenschaftsloseren Bericht gelesen. Es scheint Ihnen nicht unbedingt gefallen zu haben in dieser Region. Weshalb wohl?

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