Der Tag, als die Forelle schrie

Diese Woche von Noiraigue durch die Areuseschlucht nach Bôle (NE)
In meiner Erinnerung riecht diese Wanderung gut. Nach Laub auf feuchten Schluchtpfaden und nach schlaffem Farnkraut. Nach totem Holz. Aber auch nach Forelle Meunière. Und natürlich, wie könnte es anders sein im Val de Travers, nach Absinth.

Mit ihm begann die Wanderung in Noiraigue. Man darf den Kiosk Goût & Région im alten Bahnhofsgebäude nicht unbesucht lassen und einfach loswandern; es wäre ein Fehler. Der Terroirgedanke wird dort lebendig, dass es eine Lust ist. Und ausserdem gehören Leute unterstützt, die irgendwo in einer Randgegend etwas aufbauen.

Herrliche Abwärtswanderung

Wir traten ein, schauten uns um, degustierten Tomme mit Kümmel. Käse. Absinth-Pralinés, Wurst mit Absinthgout und Absinth pur. Einiges davon landete in unseren Rucksäcken – und um es vorwegzunehmen: Was folgte, war gleich wieder Genuss. Der Weg führt nah der Areuse abwärts und ist perfekt hergerichtet. Gute Schuhe tun trotzdem not. Es feuchtelt herbstlich in der Schlucht. Die Areuse entspringt übrigens weiter oben im Tal bei Saint-Sulpice aus einer Karstquelle. Ihr Name kommt aus dem Spätlateinischen, «Arrogium» gleich Fluss. Im Mittelalter gab es für einige Zeit auch die Form «Arosa».

Herrlich, diese Abwärtswanderei, bei der wir zuerst noch kurz der Bahnstrecke entlangliefen. Linker Hand sahen wir den Kamm der Tablettes, eines Höhenzuges, den ich vor langer Zeit einmal überwandert hatte; ich kann das nur empfehlen. Die Tablettes sind einsamer als der berühmte Creux-du-Van, der Canyon der Romandie, gegenüber auf der anderen Talseite.

Die Areuse ist ein arbeitsames Ding, sie wurde und wird gebraucht. Wir erblickten Stauwehre, Elektrizitätswerkgebäude, Schleusen, Kanäle noch und noch. Einst kamen dazu Sägereien, Stampfen, Färbereien, Waschhäuser, Schmieden, Papier- und andere Fabriken. Auch eine grosse Trinkwasserlieferantin ist der Fluss; viele Neuenburgerinnen und Neuenburger trinken Areuse.

Nach knapp anderthalb Stunden bei Champ du Moulin die Wandermitte. Hunger. Zeit fürs Mittagessen. Das Lokal unserer Wahl begeisterte uns schon baulich. La Truite ist über hundertjährig: ein Trutzdach im Heimatstil, grün-weiss-gestreifte Fensterläden, ein geräumiger Saal. Eine Freundesvereinigung trieb die Millionen auf, die zur Renovierung benötigt wurden; wenn ich es recht verstehe, bleibt noch einiges zu tun.

Der Forellenschrei

Wir setzten uns, bekamen von einem umtriebigen Jüngling die Karte und hatten bald unser Essen vor uns. Forelle, jawohl. Aus dem hauseigenen Weiher. Wie alle Tieresser habe ich bisweilen kurz ein schlechtes Gewissen. In diesem Fall ereilte es mich, weil mein Fischlein seinen Mund zum stummen Munch-Schrei aufgerissen hatte. Fein war es aber. Ich tröstete mich damit, dass es in Form guter Gedanken in mir weiterleben würde. Und dass ich es – siehe diesen Text – auch öffentlich feiern und verewigen würde.

Nach dem Mittagessen kam der Schlucht zweiter Teil. Wieder feuchte Enge, der Herbstwald, Brücklein, Stege, Stufen aus Kalkstein, der schäumende Fluss und die eine oder andere Wasserfassung. Endlich der Ausgang aus der Schlucht. Die letzten 20 Minuten durch das Acker- und Wiesland zum Bahnhof Bôle mit Sicht auf den Neuenburgersee hätten wir normalerweise als schön taxiert. Nach dem Schluchtparcours fanden wir sie langweilig. Die Gorges de l’Areuse sind Wanderadrenalin.
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Route: Bahnhof Noiraigue – Saut de Brot – Champ du Moulin – Bahnhof Bôle.

Wanderzeit: Knapp 3 Stunden.

Höhendifferenz: 125 Meter auf-, 310 abwärts.

Wanderkarte: 241 T Val de Travers und 242 T Avenches, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Bôle mit dem Zug nach Neuenburg.

Charakter: Wildromantischer Schluchtweg, teilweise feucht und etwas rutschig. Viele Treppchen und Stege.

Höhepunkte: Der Einkauf im Bahnhofsladen von Noiraigue. Die vielgesichtige Areuse. Das Forellenrestaurant in der Mitte der Wanderung.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Gitterstege.

Einkehr: Nach fünf Viertelstunden direkt am Fluss in Champ du Moulin. La Truite, schönes altes Haus, gute Forellen. Kein Ruhetag.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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7 Kommentare zu «Der Tag, als die Forelle schrie»

  • Da war ich mal mit meinem Sohn, einfach herrlich ist es da. Wenn man etwas mehr Zeit hat, kann man auch eine Absinth-Degustation im Val de Travers machen, nicht zu vergessen auch die Asphaltminen.

  • David sagt:

    Also dann würde ich von Noirague ausgehend doch eher die Wanderung zum Creux du Van empfehlen. Die ist mit Sicherheit eindrücklicher ;-) (wenn auch etwas anstrengender)

  • Patrizia sagt:

    Deine Wanderungen Berichte lese ich mir immer wieder gerne durch :) Die bringen mich doch immer zum Schmunzeln. Wir wollen auch noch dieses Jahr ins Wanderland Schweiz zum Wandern und um neue Wanderwege zu entdecken. Unsere Wanderkarte ist schon voll mit neuen Ideen!

  • Irene feldmann sagt:

    Auch dieses Mal eine tolle wanderbeschreibung und spezielle Bilder und als Bonus zeigen Sie auch noch RESPEKT vor dem nicht selbstverständlichem, dem Fisch. Schön!!!

  • Marcel Grandjean sagt:

    Tolle Wanderung, im Winter jedoch heikel, da Weg manchmal vereist.
    Korrektur beim Kartenblatt 242T: ist jenes von Bern und nicht Walenstadt.

    • Thomas Widmer sagt:

      Vielen Dank für die – korrekte – Bemerkung zum falschen Kartenblatt, Herr Grandjean. Der Fehler ist korrigiert.

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