Show-Alpinismus zum Fremdschämen

Falls sie beim Aufstieg auf den Mont Blanc vor Anstrengung tot zusammenbreche, sollten die Bergführer wenigstens noch ihren Leichnam auf den Gipfel tragen. Diesen Wunsch äusserte die französische Adelige Henriette d’Angeville, bevor sie 1838 als erst zweite Frau den höchsten Berg der Alpen bestieg. Trotz Höhenkrankheit schaffte sie die weite Tour aus eigener Körperkraft, kehrte erfolgreich zurück nach Chamonix und ging in die Geschichte ein.

Ähnlichen Durchhaltewillen wollte letzte Woche Sam Branson am Matterhorn beweisen. Wie d’Angeville damals verfügt der 27-jährige Engländer über schier endlose Finanzmittel. Er ist, wie die internationale Öffentlichkeit nun erfahren hat, Sohn des Virgin-Multimilliardärs Richard Branson und verkehrt mit den Sprösslingen aus dem Buckingham Palast. In solchen Kreisen gehört es zum guten Ton, sportlich, abenteuerlustig und wohltätig zu sein. So auch Sam. Im Rahmen der Benefizaktion Virgin Strive Challenge – mit Marathons, Radfahren und Rudern durch den Ärmelkanal – nahm er zum Abschluss der Benefizaktion das 4478 Meter hohe Zermatter Wahrzeichen in Angriff – ein Berg, so prestigeträchtig und berühmt wie der Mont Blanc. Ohne sich genügend an die Höhe zu akklimatisieren, begann er mit zwei englischen Bergführern und einem Kamerateam den Aufstieg am Hörnligrat.

Zweihundert Meter unter dem Gipfel wurde der Neo-Bergsteiger unpässlich. Angeblich litt er unter starken Kopfschmerzen, konnte nicht atmen und musste ständig würgen. Seine Bergführer interpretierten die Symptome als Anzeichen von Höhenkrankheit und schlugen ihm vor, den Helikopter zu ordern. Sam wollte nicht. Obschon er «nicht atmen» konnte, würgte er sich auf wundersame Weise weiter bergauf. Auf dem Gipfel sank er vor laufender Kamera erschöpft in die Knie und sagte später, er habe sich mehrmals übergeben. Zu sehen ist jetzt in HD-Qualität lediglich ein kleines Spucken. Aber Bruno Jelk von der Air Zermatt musste kommen, Sam flog vom Gipfel zurück ins Tal, wo es ihm sofort wieder gut ging.

Das Würgen der Alpinisten

Ein Würgen verspürten auch viele Alpinisten, als sie von dieser Geschichte hörten. Weshalb steigt Sam Branson höher und höher, wenn er ernsthaft von Höhenkrankheit geschwächt ist? Jeder andere hätte in dieser Situation den Rückzug angetreten. Erstens, weil man auch in den Alpen an Höhenkrankheit sterben kann. Zweitens, weil man auf dem Gipfel noch die Kraft haben sollte für den Abstieg. Bricht man aber schon unterhalb zusammen, dann wird es weiter oben sicher nicht besser. Eine Rettung ist am Matterhorn nicht nur vom Gipfel möglich. Waren Kopfweh, Atemnot und Brechreiz vielleicht gar nicht so schlimm?

Sam wollte einfach ums Verrecken auf den Matterhorngipfel. Wohl ganz nach dem Motto: «Only the Horn matters.» Denn dort oben nahm die Virgin-Benefizaktion ihr Ende. Wie er zurück nach Zermatt gelangte, spielte im Drehbuch offenbar keine Rolle – und für die Fans auch nicht. In den Internetforen gratulieren sie ihm. Für sie ist er ein Held, der sich trotz Höhenkrankheit tapfer auf den Gipfel gekämpft hat.

Für die mediale Dramaturgie waren Sams Würgen und die Helikopterrettung sicher dienlich. Aber mit Alpinismus hat das nichts zu tun, es ist eher ein Reality-Fall zum Fremdschämen. Ein Gipfelerfolg gilt nur als solcher, wenn man aus eigener Körperkraft auf- und absteigt, wie Tausende vor ihm. Oder wie Henriette d’Angeville damals am Mont Blanc – und Tausende nach ihr. Hätte Sam zweihundert Meter unter dem Gipfel den Rückzug zu Fuss angetreten, wäre seine Leistung aus alpinistischer Sicht höher zu werten, gerade bei den momentan herrschenden Verhältnissen am Matterhorn.

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35 Kommentare zu «Show-Alpinismus zum Fremdschämen»

  • hallo mitenand

    die leute die am matterhorn den auf- und abstieg auf dem hörnligrat nicht in 8 – 10 stunden schaffen gehören nicht an diesen berg. sie sind dem berg nicht gewachsen. diese leute sind schlimm, sie bringen sich und andere in gefahr. auch haben diese leute keinen respekt und ehrfurcht vor dem berg.
    ich kenne auch leute die 18 stunden an der dufourspitze, oder 12 stunden am island 6192m unterwegs waren. was sind das für leute. ganz einfach, es sind leute die haben nichts an diesen bergen verloren.
    gute touren.

    gruss von
    raphael wellig

  • Oh ja, Frau Knecht, ich freue mich sehr, mit Notfall-Champagner auf Ihr Buch anzustossen.
    Meinen Kommentar zum beliebten süffigen Milliardärs-Bashing behalte ich aber lieber für mich – er wäre kaum kompatibel mit dem aktuell gültigen „gesunden Bergempfinden“.

  • Ich wurde in jungen Jahren am Weisshorn höhenkrank, ein einfacher Berg, ohne Klettern, ohne Anseilen – mein erster und einziger 4000er. Mich hat das gelehrt, dass ich mich anderem zuwende.

    Ich war fit, regelmässig mit schweren Rucksäcken in den Bergen unterwegs, aber noch nie auf dieser Höhe. Höhenkrankheit kann man nicht vorhersehen und auch nicht wegtrainieren. Ich finde es deplaziert, auf Kosten eines Milliardärsohnes in einem Blog sich wichtig zu machen und Sprüche zu klopfen.

    In jenem Zustand hätte ich an jedem schwierigeren Berg meine Kameraden gefährdet. So gesehen haben dieser Jüngling und sein Bergführer den richtigen Entscheid getroffen.

    • captain kirk sagt:

      Welcher richtige Entscheid? Die Tour hätte vor dem Gipfel beendet werden müssen sollte er wirklich Höhenkrank gewesen sein. Was im übrigen auf dem Hörnligrat auch kein Problem darstellt so weit ich weiss.

      • @doktor spok

        Richtig, wenn es vor dem Gipfel eine Möglichkeit gab, dann waren auch diese letzten 200 Meter ein gefährlciher Blödsinn. Die Hendriette d’Angelique als Vorbild zu nehmen, wie man es machen solle, das allerdings halte ich für Chabis. Ihren Leichnahm auf den Berg tragen? Wie melodramatisch, das ist genau die gleiche Bransonshow, einfach nach der Mode eines anderen Jahrhunderts.

  • captain kirk sagt:

    In Ausländischen Alpin-Foren wird die Schweiz immer wieder für ihre super Rettungsflugwacht gepriesen. Sprich Rega und Air-Zermat. Daher lauten dann die Empfehlungen auch immer man soll in die Schweiz gehen wenn man ein Projekt starten möchte welchem man nicht wirklich gewachsen ist. Denn hier wird man großer Wahrscheinlichkeit gerettet. In anderen Ländern ist dies nicht der Fall.

    Daher erstaunt es nicht, dass der Junge Branson sich für sein Projekt die Schweiz ausgesucht hat. Was ich von der Aktion halte sage ich jetzt besser nicht. Sonst wird der Beitrag nicht veröffentlicht.

  • Uwe Dengler sagt:

    Ganz richtig, wie das beschrieben wird. Eine alpinistische Glanztat ist das nicht. Medienwirksam ist es schon. Wegen eines leicht kritischen Kommentar meinerseits auf Facebook, wurde ich massiv angegangen. Es bleibt natuerlich jedem selbst ueberlassen, wie er diese Aktion beurteilt.

  • Meierzwo sagt:

    …und morgen lässt er sich vom Basecamp auf den Everest tragen, nachdem er auf die gleiche Art das Basecamp erreicht hat.
    Dann wird er der Erste sein, der den Everest ohne jegliche Akklimatisierung „bestiegen“ hat.
    Auch ein Rekord!

  • Darja Rauber sagt:

    Womit auch mal wieder gezeigt wäre, dass Frauen nicht grundsätzlich immer „schwächer“ sind als Männer, und dass wir heute nicht alles „besser“ machen als früher! Als Frau im vorletzten Jahrhundert diesen Gipfel bezwungen zu haben, ist tausendmal stärker denn als sportlicher, junger Mann mit Top-Ausrüstung den Gipfel heute nur unter Ächzg und Würg zu erreichen und sich dann vom Helikopter abholen zu lassen! Peinlich, diese „voll krasse, voll männliche“ Selbstinszenierung!

    • Eduardo sagt:

      Wer sagt, dass Frauen gesamthaft gesehen, also nicht nur bei reiner Muskelkraft, grundsätzlich schwächer als Männer sind? Bei Hungersnöten, Verletzungen und Epidemien überleben mehr Frauen als Männer, und die meisten Langstreckenschwimmerinnen sind Frauen. Auch an Mut fehlt es Frauen keineswegs, sie sind bloss weit vernünftiger, was Gefahren angeht, und exponieren sich deshalb bei Risikosportarten nicht so gedankenlos wie Männer.

    • @Darja Rauber

      Man nennt das Gaussche Verteilung und Quantile. Wenn 5% der Frauen stärker sind als 15% der Männer, dann werden sie immer ein Beispiel finden, das so aussieht als täte die Ausnahme die Regel bestätigen. Hurra!

  • Irene feldmann sagt:

    Alles Gute zur Vernissage Frau Knecht. Das Junior Branson höhenschwierigkeiten hat geht mir echt am a…. Vorbei, Hauptsache er ist gesund….:)

  • Felix Rothenbühler sagt:

    (Ich versuchs nochmal, vielleicht hat Frau Knecht die Güte, auch etwas Kritik an sich selber zu akzeptieren):
    Solche Ereignisse straft man mit umfassender Nichtbeachtung. Das ganze noch mit einem Blogeintrag zu ehren, selbst wenn er negativ ausfällt, ist exakt das Falsche, was man tun kann. Und ja: Mea culpa, auch das Kommentieren wäre wohl besser zu unterlassen.

  • C. Schmid sagt:

    Schön das sowas einen Artikel wert ist. Auch der Journalist und die Zeitung wollen von diesem wahrlich tollen Ereignis profitieren. Auch sonst profitieren doch alle, von der Zermatter Tourismusindustrie (hatte sicher einen Riesenhunger der Typ nach dem Heliflug, Unterbringung des Teams, Helikopterpilot etc etc.)und wehgetan hat er auch niemandem. Auch sonst ist der Heli in Zermatt mittlerweile allgegenwärtig, also ich finde die Geschichte hat sowas von viel Fleisch am Knochen wie ein Stück Wasser.

  • Hans sagt:

    Mount Everest Touristen jetzt am Matterhorn.

  • Marc Schinzel sagt:

    Wie wahr und wie traurig! Bedauerlich nicht zuletzt für diese Leute selber, die rast- und ruhelos hinter ihrem eigenen Leben herrennen und nie eine Ahnung von der Schönheit des Hochgebirges und der Natur überhaupt haben werden.

  • Lukas sagt:

    Soll er sich doch vor seinen Freunden gross fühlen. Wenn er jemals in den Kreis richtiger Alpinisten geraten sollte, wären ihm Hohn und Spott gewiss. Sollte ich der glückliche sein, dem die Begegnung wiederfährt, würde ich genüsslich an dieser Stelle berichten…

  • Chispa sagt:

    Im Grundsatz bin ich mit Ihnen vollkommen einig, Frau Knecht. Nur eine Frage: Welche Buckingham-Sprösslinge waren genau gemeint und aufgrund welcher Recherche kamen Sie darauf…..? Soweit mir bekannt ist, sind weder Thronfolger Nummer 2 noch Nummer 4 enger mit M. Branson bekannt. Oder habe ich da was übersehen?

  • Philipp Rittermann sagt:

    und nun offiziell -> liebe frau knecht – ich wünsche ihnen eine tolle vernissage und dass ihr buch ein erfolg werde.

  • Stefan Moser sagt:

    …Klettersteige, bei denen Tonnen von Material in den Felsen gehauen wird, habe ich vergessen zu erwähnen…

  • Stefan Moser sagt:

    Diese Show funktioniert aber auch nur dank willigen, einheimischen Helfern. Und alle 2 Kilometer eine Hütte mit Hotelstandard, zusätzliche Helikopterlandeplätze, immer höhere Seilbahnen machen unsere Alpen für solche Disneylandalpinisten noch viel attraktiver.

    • Paul Moser sagt:

      Sie treffen einen wichtigen Punkt. Die „Möblierung“ unserer Alpenwelt schreitet offenbar ungebremst voran. Neue Seilbahn und Skiliftprojekte werden praktisch durchgewunken. Wenn die Bergwelt einmal verschandelt ist, dann werden die Touristen nicht mehr kommen – aber das ist den heutigen Promotoren offenbar egal: Nach mir die Sintflut. Das Stichwort „Nachhaltigkeit“ ist da offenbar immer noch ein Fremdwort.

  • … und die Massenmedien machen dieses Spiel mit und verleihen dem ‚Ereignis‘ das nötige Echo.

  • Joerg Hanspeter sagt:

    Das Ganze ist wirklich peinlich, das stimme ich Ihnen zu, aber es passt wunderbar zum heute vorherrschenden Alpinismus. Den Mount Everest besteigen, entweder mit einem Riesenaufwand von Material und Geld, oder als Rekordjäger ohne Sauerstoff. Eine Anzahl Berge innerhalb einer bestimmten Zeit hochrennen. Der erste Linkshänder auf dem Matterhorn, der erste Rechtshänder mit roten Haaren auf dem Mount Everest, der jüngste Bergsteiger auf dem was auch immer usw. Aber nicht nur Bergsteigen, da ist doch auch noch der jüngste Pilot, der die Welt umrundete und ähnlich blödsinnige Rekordjagden. Es ist offenbar einfach die heutige Zeit.

    • Christoph Bögli sagt:

      Neu ist das Ganze eigentlich auch nicht, schon immer haben gerade die Wohlbetuchten nach absurden Rekorden und Pseudo-Abenteuern gejagt, wofür sie sich dann von irgendwelchen Trägern durch den Dschungel oder über Bergen tragen liessen. Das Problem heute ist eher: Zu viele Reiche und zu wenige naheliegende Rekorde, zudem ist heute auch der hinterste Winkel der Welt in einem Wochenendausflug erreichbar sowie – ganz wichtig – jeder ach so tolle Rekord in Sekundenschnelle in die Welt hinaus „getweetet“. Früher gab es gerade bei letzterem zumindest eine stärkere Verzögerung und damit auch eine Entschleunigung des Unfugs..

    • Joerg Hanspeter sagt:

      Es sind allerdings nicht nur die Reichen, auch Alpinisten, die ich als alpinistischer Laie zu den Spitzenleuten zähle, verfallen immer mehr dem Trend, aus ihren Besteigungen einen Zirkus zu machen. Einerseits verstehe ich das ja, ohne Zirkus keine Kohle, andererseits finde ich es schade. Was mir immer noch nicht klar ist, lohnt sich das wirklich? Kaufen die Bergsteiger wirklich Produkte der Firma XY, weil jemand irgendeinen Berg hochgejoggt ist, oder geht es gar nicht um die Bergsteiger?Kaufen Normalos die Produkte von XY, weil z.B. Messner die benutzt?

  • Jeanne sagt:

    Exklusiv vom Superchalet (siehe Artikel von heute..) aufs Matterhorn geschleipft und vom Helikopter wieder zum Aperocüpli geflogen um vor allem sich selber zu feiern… Die Reichen und Superreichen haben wohl das Gefühl die Alpen wurden nur für sie als Wellness- und Outdoorfunpark aufgestellt. Widerlich dieses Geprotze.

    • Daniel sagt:

      Ach nicht ärgern lassen. Ich warte darauf bis es mal wieder einen von diesen Leuten runter pustet und man ihn dann 4-5 Tage später als Iswürfeli ins Tal bringt. Mehr gibt es zu den Leuten nicht zu sagen. So fremd und desinteressiert sich die Superreichen über die normalen Bürger äussern (und diese ausbeuten), so wenig interessieren mich die Superreichen und frohlocke bei jeder Dummheit, wenn es mal wieder einen von den Idioten gegen die Wand klatscht.

  • Philipp Rittermann sagt:

    ich gehe mit ihnen völlig überein, frau knecht. wobei ich glaube, dass es sich hier nicht mal um eine ernsthafte bergbesteigung handelte, sondern schlicht und einfach um einen „nett….“ inszenierten pr-gag. wobei es sich zeigte, dass man sich (in form von branson jr.), nicht zu schön ist für peinlichkeiten. immerhin konnte er für einen kleinen medialen moment, aus dem schatten seines vaters treten. wenn man sonst nichts kann, entblödet man sich eben mittels einsatz des nötigen kleingeldes. ziemlich armselig, meiner bescheidenen meinung nach.

  • Rolf Bänziger sagt:

    Der ganze Bezahl-„Alpinismus“ ist zum Fremdschämen!

  • Paul Moser sagt:

    Die Geschichte bestätigt doch nur das alte Sprichwort, das Geld den Charakter verderbe – oder in der Steigerung, dass viel, sehr viel Geld vom Charakter wohl nichts mehr übrig lässt.

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