Der Mann, der klettert wie ein Affe

Er ist 26-jährig, stammt aus Südindien, und seine Biografie bewegt sich irgendwo zwischen einem Sozialmärchen à la «Slumdog-Millionär» und «Der mit dem Wolf tanzt». Mit dem Unterschied, dass Jyothi Raj noch keine Millionen scheffelt und nicht tanzt, sondern klettert – und zwar wie ein Affe. Sie sind seine Lehrer, seine Vorbilder. Deshalb wird Raj auch «Affenkönig» genannt. Touristen filmen seine akrobatischen Kletterkünste seit Jahren, auf Videoportalen wie Youtube finden die Videos millionenfach Zuschauer. Mehr als jene der bei uns berühmten Profikletterer.

Er wollte nicht mehr leben

Angefangen hat sein Leben im Elend. In ärmsten Verhältnissen wächst Raj als Waisenkind in Tamil Nadu bei einem Ziehvater auf, der ihn misshandelt. Mit sieben denkt der Bub an Suizid. Er läuft weg, schlägt sich alleine durch, kommt schliesslich als Haushilfe zu einer Familie, die ihn dann bezichtigt, Geld gestohlen zu haben. Raj wird depressiv, will sich das Leben nehmen und «landet» im Chitradurga Fort, einer historischen Festung nordwestlich von Bangalore. Das Bauwerk liegt malerisch eingebettet in einer Stein- und Felslandschaft. Raj sucht sich einen Felsen aus, von dem er sich hinabzustürzen gedenkt. Aber er kommt nicht hinauf, die Kletterei ist zu schwierig. «Dann kam ein Affe und machte es mir vor.»

Raj übt – und er schafft es bis ganz hinauf. Fort-Besucher beobachten ihn, applaudieren und feuern ihn begeistert an. Vor der angesammelten Menschenmenge traut er sich dann nicht mehr, in den Tod zu springen. «Unten fragten mich die Leute, ob ich ein ‹Champion Rock Climber› sei. Sie sagten, sie hätten noch nie jemanden gesehen, der ungesichert so hoch geklettert ist.» Erstmals im Leben wird freundlich mit ihm gesprochen. Das war 2007.


Mit solch wackeligen Aufnahmen wurde Raj als «Monkey Man» ein kleiner Youtube-Star.

Seither lebt Raj im Chitradurga Fort und gilt dort als Besucherattraktion. Gegen ein Entgelt klettert er für die Touristen Free Solo an den altehrwürdigen Steinmauern auf und ab. In der internationalen Kletterszene erregt er Aufsehen, wenn er zum Beispiel ungesichert den zweithöchsten Wasserfall Indiens über nasse Felsen hinaufklettert (ca. 250 Höhenmeter), oder neuerdings mit seinen «Spider-Man»-Aktionen an den Fassaden hoher Gebäude in Grossstädten. Inzwischen macht das Gerücht die Runde, Raj sei in einem früheren Leben ein Affe gewesen, anders sei seine Furchtlosigkeit nicht zu erklären. «Ich habe nie Angst», sagt er. «Ein Kletterer kann nicht sterben. Sein Körper kann tot sein, aber seine Leistungen leben für immer weiter.» Raj will noch in tausend Jahren leben. Seine Hochrisiko-Aktionen führt er durch, um auf die hohe Suizidrate aufmerksam zu machen.


Raj ungesichert im Fels, das Publikum klatscht.

Die Gefahren seines Tuns sind ihm bewusst. Raj trainiert hart und hatte schon etliche Unfälle, beide Beine gebrochen, die Hand, den unteren Rücken, den Schädel. Das ist ihm egal. Schmerzen spüre er keine. «Ich werde endlich als Mensch wahrgenommen. Die Leute im Dorf behandeln mich wie ihren Sohn.»

Im Dorf hat er eine Kletterschule gegründet, aber kopieren wird ihn keiner können. Sein Kletterstil und seine extremen Projekte machen Raj einzigartig. In Indien ist er bereits eine «Marke», wurde vergangenes Jahr als Schauspieler in einer grossen Produktion engagiert, und wie es heisst, soll jetzt auch sein Leben verfilmt werden. Vielleicht kommt er durch seinen Tanz mit den Affen doch noch zu Millionen und wird ein Bollywood-Star. Man würde es ihm gönnen.


Der Trailer seines Films.

6 Kommentare zu «Der Mann, der klettert wie ein Affe»

  • hallo mitenand
    ist doch fantastisch was dieser mann klettert. er macht doch das mit vollem herzblut.
    gruss von
    raphael wellig

  • Chris Rohrer sagt:

    Fantastisch, der junge Mann! Ob das Beklettern jahrtausendealter Kult- und Kulturstätten angemessen ist, scheint eine in Indien nebensächliche Frage zu sein.

  • Thomas Hürzeler sagt:

    Das darf doch wohl nicht wahr sein! Keine einzige Wortmeldung zu dieser outstanding performance?
    Man könnte ja auch ganz einfach einmal „Danke schön“ sagen für diese erstaunlichen Video-Clips.
    Aber offensichtlich wird nur noch kommentiert, wenn man (ja nach eigener Position) über die bösen Biker, Wanderer, Basejumper oder Helikopter schnöden kann. Oder wenn es professoral einen Satzvehler zu korrigieren gilt.
    Darum: Herzlichen Dank, Frau Knecht.

    • Natascha Knecht sagt:

      genau, das kann ja wohl nicht wahr sein! an stelle von raj danke ich ihnen für ihren outstanding kommentar, herr hürzeler. namaste.

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