Hässlichkeit kann von Vorteil sein

Diese Woche vom Chaumont auf den Chasseral (NE/BE)

Die Neuenburger haben den Chaumont. Und die Leute von Biel und Umgebung haben den Chasseral. Eines schönen Tages studierte ich zu Hause auf dem Sofa genüsslich Karten und überlegte, wo man wandern könnte. Dabei kam ich auf die Idee: Vom Chaumont zum Chasseral, das wärs doch!

Bald danach fahren wir nach Neuenburg. Auf der Nordseite des Bahnhofs nehmen wir den Bus 107 Richtung Hauterive und wechseln bei der Haltestelle La Coudre auf die Chaumont-Standseilbahn. Sie ist recht voll. Das Radio hat für Lagen über 1000 Metern Sonne versprochen; das Flachland steckt im Nebel.

Stossgebet für die Biker

In unserem Abteil stehen vier junge Biker. Sie haben den Helm mit dem aufgeklappten Visier in den Nacken geschoben, ein Bild verwegener Männlichkeit. Mit anderen Worten: hohes Unfallrisiko.

Oben tatsächlich Sonne. Und der Alpenkranz am Horizont. Wir schauen kurz noch den Bikern zu, die sich rüsten und abbrettern; wäre ich gläubig, würde ich ein kurzes Gebet für sie sprechen: «Herr, behüte sie vor ihren Hormonen, steh ihnen bei auf ihren Wegen downhill.» Dann mustern wir den Aussichtsturm, eine filigrane Betonkonstruktion von 1912, die aussieht wie ein Minarett.

Auf der Strasse wandern wir los, biegen rechts in den Wald. Bald kommt das erste Trockenmäuerchen in Sicht. Kühe weiden, später sehen wir Pferde, weit sind die Weiden mit eingestreuten Bauminseln. Typischer Jura.

Es geht ein wenig aufwärts. Das Riesengehöft mit dem Namen La Dame beflügelt unsere Fantasie. Man könnte sich eine Liebesgeschichte vorstellen, hochromantisch mit einem jungen Dorfarzt, der einen Stehkragen trägt, einem finsteren Gutsbesitzer und seiner unglücklichen Gattin, die mit dem Dorfarzt verbotenerweise eine Liaison eingeht. Alles kulminierend in einer Sturmnacht mit schwankenden Laternen und einer fatalen Bodenspalte, in der ein Mensch den Tod findet.

Wir umrunden La Dame in einer Linksschleife und kommen nach Chuffort. Eine Métairie, eine Bauernwirtschaft. Sie ist voll. Macht nichts, weiter oben gibt es die Métairie de l’Isle. Oh weh! Sie ist ebenfalls mehr als gut besetzt. Draussen gäbe es noch einige Plätze, aber die Bise bläst. Schliesslich landen wir am letzten Tisch, der Kapazität hat. Er steht beim Eingang, es zieht, uns ist nicht wirklich wohl. Das gemischte Plättli mit Fleisch und Käse ist aber sehr gut. Wir essen schnell.

Die 114-Meter-Stange

Nun wird es streng, wir finden uns an einer steilen Halde mit ruppigen Kalkbrocken, dazwischen spriesst der Gelbe Enzian. Ein Schnaps von ihm, das wärs, denke ich, derweil es wieder geradeaus geht. Der Chasseral ist jetzt nah. Wir passieren den Kulminationspunkt der Passstrasse. Eine Viertelstunde später sind wir beim Hotel. Wir kehren ein, essen ein Stück Torte, nehmen einen Kaffee. Was für ein unglaublicher, unangenehmer Rummel!

Durch den Biswind halten wir anschliessend hinauf zur Antenne, einer 114-Meter-Stange in Rot-Weiss. Ihr Unterbau ist ein ungeschlachter Klotz. Aber dank ihm erkennt man den Chasseral von überall in der Schweiz, etwa vom Säntis; die Verdickung auf der lang gezogenen Krete ist unverkennbar. Erst die Sendeanlage macht den Berg wirklich zur Marke, Hässlichkeit ist manchmal von Vorteil.

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Route: Chaumont, Bergstation (Bus ab der Nordseite des Bahnhofs Neuenburg, Linie 107 Richtung Hauterive bis Haltestelle La Coudre, dort umsteigen auf die Standseilbahn und Fahrt auf den Chaumont) – Petit Chaumont – Grand Chaumont – La Dame – Chuffort – Métairie de l’Isle – Chasseral, Kulminationspunkt des Strassenpasses – Chasseral, Hotel.

Wanderzeit: 4¼ Stunden.

Höhendifferenz: 640 Meter auf-, 180 abwärts.

Wanderkarte: 232 T Vallon de St-Imier, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Vom Chasseral per Bus nach St-Imier Bahnhof. Nur wenige Kurse, Fahrplan studieren. Bis und mit 19. Oktober.

Verlängerung: Vom Chasseral-Hotel in drei Viertelstunden leicht aufwärts zur Antenne auf dem höchsten Punkt und retour. Grandioser Aussichtspunkt.

Charakter: Typisch Jura, Kalk, Trockenmäuerchen, locker mit Bäumen bestandene Weiden. Steiler Aufstieg zwischen Métairie de l’Isle und Chasseral.

Höhepunkte: Die Fahrt auf den Chaumont, die Anfangsaussicht dort. Die Einkehr in der Métairie de l’Isle. Die Aussicht vom Chasseral.

Kinder: Gut machbar.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Métairie de Chuffort, Di Ruhetag, bis Ende Oktober offen, 032 751 22 58. Reservieren! – Métairie de l‘Isle, Mi, Do Ruhetag bis Ende Oktober. Hernach Winterbetrieb mit Öffnung nur am Wochenende. 032 751 27 33. Reservieren! – Das Chasseral-Hotel und –Restaurant ist derzeit immer offen. Viel Rummel.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

2 Kommentare zu «Hässlichkeit kann von Vorteil sein»

  • Corinne Widmer sagt:

    Legendär sind die Fondues in der Métarie de l’Isle und wer noch mag danach : Meringue und Nidle! Der Weg lohnt sich, aber der Platz drinnen ist nur für etwa 20 Personen bemessen!

  • Hans Müller sagt:

    Meine bevorzugte Aufstiegsroute auf den Chasseral ist von Villeret bei St. Imier durch die Combe Grède, eine äussert abwechslungsreiche und eindrückliche Schlucht und garantiert weniger stark begangen. Auf das Fleischplättchen muss man dort allerdings verzichten, es sei denn man trage es selber mit.

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