Die Iglus des Südens

Diese Woche Rundtour von Poschiavo auf die Geländeterrasse von Selva GR

Die Ferientage heuer im Puschlav – das sind starke Bilder. Die Gletschermühlen von Cavaglia. Der Palazzo Salis in Tirano mit seinen Prunksälen. Der Grabstein des Schriftstellers Wolfgang Hildesheimer auf dem Kirchhof in Poschiavo. Das Beinhaus mit den Schädeln ganz in der Nähe. Die Etruskersammlung in einem Saal des Talmuseums. Und die Hostaria del Borgo, ein Lokal im Zentrum Poschiavos, das gleichzeitig Café, Restaurant und Trendbar ist mit Popmusik, jungem Servierpersonal und einer grandiosen Polenta.

Natürlich wanderten wir auch, obwohl es an vier von fünf Tagen regnete. Wir zogen dem stillen Ufer des Lago di Poschiavo entlang. Wir umrundeten den Piz Lagalb beim Berninapass; fast erwischte uns dabei ein Gewitter. Und wir hielten vom Bernina-Hospiz über einen atemberaubenden Steig auf den Gletscher des Piz Palü zu, querten Hänge voller Türkenbund, streichelten das eine oder andere Edelweiss am Weg und kamen zu einem See, der erst wenige Jahre alt ist. Er wird vom Wasser des sterbenden Gletschers gespeist. Neuerdings hat das Gewässer in Anlehnung an den benachbarten Berg gar einen Namen: Caralin-See.

Zwei Kirchen – für wen?

Sehr gut gefiel mir auch eine halblange Wanderung von Poschiavo auf die Geländeterrasse von Selva zur, talaufwärts gesehen, Rechten. Durch einen feuchten, vermoosten Wald stiegen wir auf einem alten Säumerweg auf, kamen zum Alpweiler von Urgnasch, hatten nun hohe Berge vor uns wie den Piz Cancian. Ein wenig weiter hinten erreichten wir unseren höchsten Punkt des Tages bei Clef auf 1494 Metern. Ein Schild kündete von einem Serpentinsteinbruch im Val Quadrada. Freilich hatte uns ein Einheimischer verraten, dass der Betrieb eingestellt sei.

Kurz nach Clef kam Vamporti, wir hatten zu unseren Füssen die Wiesen von Selva. Der grüne Boden bot uns Attraktionen. Erstens gleich zwei Kirchlein, eines für die Reformierten und eines für die Katholiken. Eine kuriose Doppelung, wenn man bedenkt, dass Selva siecht und winters nicht mehr bewohnt ist; sommers kommen die Einheimischen auf ihre Maiensässe, um auszuspannen. Zweitens sahen wir beim Näherkommen einen alten Crot. So heissen die Steiniglus des Tals, Lager für Milch und Käse. Auch bei grosser Hitze soll in ihnen die Temperatur nie über sechs, sieben Grad steigen.

Dritte Attraktion von Selva war das Alprestaurant. Wir kehrten ein und tranken einen Apéro. Eine halbe Stunde später kehrten wir schon wieder ein. Eine Geländestufe tiefer, auf Madreda, gibt es ein Restaurant, das uns empfohlen worden war. Tatsächlich waren wir dann sehr begeistert. Unsere Gerichte, darunter ein Steinpilzrisotto, waren alle toll. Vielleicht noch wichtiger war die Wärme des Wirtepaars, denn es regnete wieder. Frau Migliacci bediente liebenswürdig. Ihr Mann trat aus der Küche, als wir gingen, und beide winkten uns zum Abschied.

Das Hängebrückendessert

Entsprechend gut gelaunt sind wir auf dem Abstieg zum Schluss. Wieder Wald, wieder Wildbäche, wieder der schimmernde Fels. Und dazu als Dessert eine Hängebrücke. Allzu hoch spannt sie sich nicht über den Fluss des Val Pedenal, ist aber immerhin 35 Meter lang und gefiel uns in ihrer schlichten Eleganz. Ein weiteres Kopfbild, noch eine starke Erinnerung an die Tage in Poschiavo.
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Route: Poschiavo Bahnhof – Wanderweg dorfseitig der Schienen – Bahnübergang – Val da Guli – Bignideu – Urgnasch – Clef, 1494 m, höchster Punkt – Vamporti – Selva, Restaurant – Madreda, Restaurant – Bosch da Selva/Val da Selva – Brücke von Pedenal – die letzte Viertelstunde nach Poschiavo wie auf dem Hinweg.

Wanderzeit: 3¾ Stunden.

Höhendifferenz: je 540 Meter auf- und abwärts.

Wanderkarte: 469 T Val Poschiavo, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Charakter: Angenehme Rundtour höchstens mittlerer Anstrengung. Einige steilere Passagen im Aufstieg und Abstieg sind feucht und rutschig.

Höhepunkte: Der stille Weiler von Urgnasch. Selva mit seinem Crot und den zwei Kirchlein. Die Einkehr im Restaurant von Madreda mit dem freundlichen Wirtepaar. Die hübsche Hängebrücke im Val Pedenal.

Kinder: Geht gut.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Ristorante Selva. Bei schlechtem Wetter ist das Restaurant am Montag eher geschlossen. 081 844 07 46. Ristorante Madreda. Bis Mitte Oktober durchgehend offen, abends relativ früh (circa 21 Uhr) geschlossen. Reservieren! 081 844 04 78.

Wanderbuch: Gute Routen und Informationen liefert der Führer «Das Puschlav» von Corina Lanfranchi. 36 Franken. Rotpunktverlag.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

 

4 Kommentare zu «Die Iglus des Südens»

  • Irene feldmann sagt:

    Auch die Konstante Temperatur ist ein Renner, was genau da in Frage käme, an dem brüte ich noch, doch die Ideen beginnen sich zu entwickeln….

  • Irene feldmann sagt:

    Also, erstens würde ich zuerst herausfinden wollen auf welcher Basis diese CROT funktionieren. Ob es der Stein alleine ist oder ob der erduntergrund auch eine Funktion in diesem Kühlsystem hat. Dann ist die Form dieser crot auch interessant, ein weiterer studienpunkt. Grundsätzlich ein Kühlschrank ohne Strom so zu sagen und dies gibt mehrere Möglichkeiten. Speziell in heißeren Ländern wäre das eine fabelhafte, simple Möglichkeit waren zu lagern und zwar nicht nur Lebensmittel.

  • Irene feldmann sagt:

    Das crot oder Steiniglu finde ich eine starke Idee, man könnte was draus machen. Sehr schöne Gegend!!!

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