St. Galler Wasserwunder

Diese Woche von der Pizolhütte via Wildseeluggen und Lavtinasattel nach Weisstannen

Auf dieser Wanderung kommt es zu einer Offenbarung. Zur Ansicht purer Schönheit. Zu einer «Schau», um es mit Platon zu sagen. Gemeint ist der Augenblick, da man die Wildseeluggen erreicht und auf einen Schlag den Wildsee zu Füssen hat. Sein Dunkelblau wirkt wie aus einer anderen Welt.

Zwei Freunde verdächtigen mich, seit ich ihnen ein Foto des Sees gezeigt habe, dieses am Computer nachkoloriert zu haben. Habe ich nicht!

Crumble Cake im Gebirge

An einem verhangenen Sommertag fahren wir von Wangs per Gondel, dann per Sessellift hinauf zur Pizolhütte. Nebel treibt um das flache, abgewitterte Holzhaus mit den grossen Fenstern. Wir ziehen gleich los. Ich bin etwas verstimmt. Zu viel Volk!

Die Bergwelt entschädigt mich reichlich. Links haben wir die Wildseehörner, rechts die Schwarzen Hörner. Die Lavtinahörner und die Grauen Hörner weiter hinten sind aus derselben Bröckelmasse gebacken, Crumble Cake im Gebirge. So viele Hörner sind zu sehen, dass man einen Hörnerversandhandel aufbauen und den Rest der Alpen beliefern könnte.

In Kehren wandern wir hinauf zur Wildseeluggen. Dort der erwähnte Grossartigkeits-Moment, punktgenau bricht die Sonne durch den Restdunst. Der Wildsee unter uns ist pures Glück. Dieses verdoppelt sich, als wir nach der Rast links abbiegen. All die anderen Leute nämlich gehen nach rechts ab. Sie machen die Fünf-Seen-Tour, ein landesweit berühmter Wanderklassiker. Wir sind auf einen Schlag praktisch allein.

Hoch über dem Wildsee kraxeln wir über Felsplatten, einen planen Weg kann es im Blockschutt nicht geben. Auf einem Zwischenboden erreichen wir schliesslich ein Seelein, das keinen Namen trägt, aber einen verdient. Es ist von einem makellosen Hellblau, Gletscherwasser vermutlich; tatsächlich erblicken wir zu unserer Linken den Pizolgletscher.

Wir aber halten zum Lavtinasattel direkt vor uns, der Aufstieg ist ruppig, der Boden bröckelig-feucht, ich bin froh um meine Stöcke. Oben auf dem höchsten Punkt der Route, auf 2587 Metern, wieder Panorama; am Horizont hocken die Berge der Sardonagegend. Auf dem Gipfel unmittelbar rechts von uns, dem Hochwart, stehen auf einem Vorsprung reglos zwei Männer. Das sieht aus wie von Caspar David Friedrich gemalt.

Ronja und die Steingeiss

Mehr als 1500 Höhenmeter im Abstieg erwarten uns. Ronja, die mir bisher immer voraus war, bleibt bald deutlich zurück. Als ich mich einmal umdrehe, gestikuliert sie wild, zeigt in eine Wand. Sie hat einen Feldstecher. Steingeissen und Gemsen, erfahre ich später unten auf Oberlavtina-Stofel, wo der Senn grad draussen den Zmittag nimmt. Sind das Käshörnli?

Abwärts, abwärts, abwärts geht es mit uns. Vor Batöni wieder Begeisterung: drei Wasserfälle auf engem Raum, einer höher als der andere. Das Trio von Piltschinabachfall, Sässbachfall und Muttenbachfall vergisst man nicht wieder, wenn man es einmal gesehen hat. Ab Batöni ist es dann ein leichtes Auslaufen hinab nach Weisstannen, abgesehen von einer verdreckt-verschlammten Passage. Der Gufelbach begleitet uns; als er die Seez erreicht, sind auch wir am Ziel. In der «Gemse» setzen wir uns in den Garten, und bald habe ich eine Forelle aus hauseigener Zucht vor mir. Sie schliesst diese Wanderung mit Wasserwundern aller Art stilecht ab.
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Route: Pizolhütte (Gondelbahn, dann Sesselbahn in zwei Sektionen von Wangs aus) – Wildseeluggen – Lavtinasattel – Batöni – Weisstannen.

Wanderzeit: 4 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 400 Meter aufwärts, 1620 Meter abwärts.

Wanderkarte: 247 T Sardona 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von Weisstannen nach Sargans SBB.

Charakter: Aussichtsreiche Bergwanderung. Stellenweise ruppiges und anstrengendes Terrain, saftiger Abstieg vom Lavtinasattel nach Weisstannen. Besonders schön und sehr apart, eine Alternative zur Fünf-Seen-Wanderung im gleichen Gebiet, auf der es meist viele Leute hat.

Höhepunkte: Die Auffahrt zur Pizolhütte. Der Wildsee. Die Wasserfälle von Batöni. Die Forelle in der Gemse in Weisstannen.

Kinder: Etwas weit. Auf den schwierigen Passagen gehören sie beaufsichtigt.

Hund: Machbar.

Einkehr: Nur am Anfang und am Schluss. Pizolhütte. Gemse Weisstannen, Dienstag Ruhetag. Auch Hotelbetrieb.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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4 Kommentare zu «St. Galler Wasserwunder»

  • hallo thomas

    danke für den wunderbaren beschrieb dieser wanderung. ich kenne den zweiten teil deiner wanderung der aufstieg auf den lavtinasattel. da kommen schöne erinnerungen auf.
    in er tat herrscht bei den batöni wasseerfallen eine spezielle unbeschreibliche ambiance. energetisch gestrkt nimmt man den weiteren aufstieg oder abstieg mit Leichtigkeit unter die füsse.
    Ich empfehle diese eindrucksvolle wanderung mit der wasserfall-arena von batöni jedermann.

    hier noch einige eindrücke auf : http://www.gipfelbuch.ch/gipfelbuch/detail/id/61931

    ich wünsche allen schöne herbstwanderungen.

    gruss von
    raphael wellig

  • Meinrad Angehrn sagt:

    Ein sehr reizvolles und abwechslungsreiches Gebiet dort oben! Kenne halt nur die Fünf-Seen-Wanderung, den Klassiker, und habe noch gelungene analoge Fotos von damals. Wunder nahm mich indes, wie oft der Bus von Weisstannen nach Sargans fährt. Siehe da: Allpott! :-)

  • Peter Steiner sagt:

    Sehr schön. Ein allerdings sehr steiler Abstieg: Ich empfehle die umgekehrte Richtung mit schattigem Aufstieg.

  • Irene feldmann sagt:

    Diese Bilder und dann noch die Wasserfälle……wie wunderschön……

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