An der Tour de Freaks

Ein wenig absurd ist die Situation schon. Im prasselnden Regen radeln wir mitten auf der Strasse, fast allein. Durch den dichten Nebel sehen wir knapp bis an den Strassenrand, und dort stehen und sitzen unzählige Menschen. Alle tragen Pelerinen und sitzen unter Regenschirmen auf kleinen Campingstühlen fast am Boden, manche halten sich eine Plastikplane, Liegematte, irgendwas über den Kopf. Sie warten hier, an einer kleinen Passstrasse in den Vogesen. Stundenlang. «Freaks, diese Franzosen», denken wir im Vorbeiradeln amüsiert. «Ils sont fous, ces cyclistes», werden die sich ihrerseits gedacht haben, als sie uns im strömenden Regen dem Col des Chevrères entgegen pedalen sahen. Das alles kann nur eines bedeuten: Es ist Tour de France!

Die zehnte Etappe der diesjährigen Tour (hier die offizielle Zusammenfassung als Video) führt unweit der Schweizer Grenze entlang. Für uns Grund genug, am Vortag ab Basel hinzuradeln, um uns das Spektakel anzusehen. Mit sieben Pässen ist die Etappe gespickt. Es ist ein grosser Tag für die französischen Fans: Es ist Nationalfeiertag, und ein Landsmann fährt die Etappe im Gelben Trikot des Leaders.

Zwei Stunden vor den Profis

Wir fahren von Thann über den Ballon d’Alsace an und biegen bei Le Thillot für die letzten drei Pässe in die Route der Tour ein, etwa zwei Stunden vor den Profis. Ab hier wird die Ruhe durch Rummel abgelöst. Wo die Fans mit Fahrzeugen parkieren dürfen, stehen Autos und Camper dicht an dicht am Strassenrand. Die Radsportfans sitzen in ihren Campern oder an mitgebrachten Campingtischen, viele sind am Picknicken: du pain, du fromage, du vin rouge. Man weiss zu leben hier – es ist schliesslich nicht irgendeine Tour, sondern die Tour de France! An der offen stehenden Tür eines Campers sehe ich ein grosses Plakat mit den Umrissen Frankreichs und der gesamten Route der diesjährigen Rundfahrt. Ob es Fans gibt, die dem Tour-Tross während dreier Wochen durch ganz Frankreich nachreisen und einen Grossteil ihrer Ferien für die Tour opfern?

Ich halte nicht an, um nachzufragen, denn am Fuss des zweitletzten Passes beginnt es monsunartig zu regnen. Doch das Velofahren am Col des Chevrères gibt warm: Der happigste Kilometer hat im Durchschnitt eine Steigung von 15 Prozent, mit Stellen bis zu 18 Prozent. Das ist verdammt viel, wenn man mittendrin ist. Später bin ich enttäuscht, dass im Fernsehen gar nicht zu erkennen ist, wie wahnsinnig steil es ist. Das hat auch damit zu tun, dass die Profis mehr oder weniger leichtfüssig hinauftänzeln, während wir uns im Zickzack mühsam eine Pedalumdrehung nach der anderen abwürgen.

Keuchen unter dem Jubel der Fans

Bevor wir uns vor den Fernseher setzen können, blüht uns noch die Planche des Belles Filles. Nochmals eine stotzige Sache! Die Fans stehen und sitzen hier bereits dicht nebeneinander. Wortfetzen aus den mitgebrachten Radios dringen an meine Ohren: «…Tony Gallopin dans le maillot jaune…», «Thomas Voeckler, il fait cet effort…». Hier sind wir nicht mehr die Einzigen: Hunderte andere Velofahrer nehmen die Strecke vor den Profis unter die Räder. Sie alle keuchen unter dem Jubel der Fans die steile Rampe hoch. Viele schieben ihr Velo, ihr Kind oder ihre Freundin den Berg rauf. Vor mir radelt einer mit einem künstlichen Bein. Am Strassenrand wird grilliert, Ball gespielt, gelesen und geschlafen. Normalerweise ist hier keiner, heute sind es Tausende.

Wenig später, wir sind zurück am Fuss der letzten Steigung, sausen die Radprofis in Gruppen an uns vorbei (Dieses Video des Teams Garmin-Sharp-Barracuda zeigt, wie so etwas aus Sicht der Fahrer aussieht). Im Café beobachten wir danach am Fernseher, wie die Fans an der Planche des Belles ihre Idole anfeuern, welche die letzte Steigung des Tages hochpedalen, wie immer in einem unglaublichen Tempo. Vincenzo Nibali holt sich den Etappensieg und das Maillot jaune von Tony Gallopin zurück. Peter Sagan legt die letzten Meter auf den Hinterrad zurück – freihändig. Von allen anwesenden «Fous» sind die Radprofis wohl doch die verrücktesten.

Und jetzt die Frauen

Die Tour de France dauert noch bis am 27. Juli. An diesem Tag sprinten in Paris nicht nur männliche Radprofis um den Sieg: Wenige Stunden vor den Männern findet auf den Champs-Elysées ein prestigeträchtiges Rennen für die Rad-Elite der Damen statt. «La Course» könnte dem Damenradsport einen wichtigen Impuls geben. Die weiblichen Radsportlerinnen träumen davon, ebenfalls an der Tour dabei sein zu können. Womit die Tour dann auch eine «Tour des Folles» würde.

10 Kommentare zu «An der Tour de Freaks»

  • Eduardo sagt:

    Höchst seltsam in Frankreich ist die Massenbegeisterung für die Tour de France, weil gleichzeitig bei der breiten Masse offenbar jeder als ziemlich exzentrisch, ja verrückt gilt, der das Fahrrad im Alltag verwendet, zum Beispiel für die Fahrt zur Arbeit oder zum Einkaufen. Wie passt das zusammen?

    Geht es den Fans der Tour vor allem darum, vor unmenschlicher Anstrengung verzerrte Sportlerfratzen zu sehen (speziell bei Bergetappen), oder sind es in erster Linie die Geschenke der kilometerlangen Werbekolonne, die die Massen an die Strassenränder locken?

  • Jürgen sagt:

    Wie immer ein toller Artikel von Ihnen, Anette! In den letzten Jahre überwog ja in den deutschsprachigen Medien tendenziell die negative Berichterstattung, deshalb umso schöner, dass es auch Journalisten gibt, die sich für die Touren, den Giro und die Vuelta begeistern können. Auch insgesamt scheint mir das Interesse an den grossen Rundfahrten wieder gewachsen zu sein. Viele Grüsse und weiter so!

  • Eggu sagt:

    Nun, dass jemand Freude haben kann am Velofahren, das leuchtet ein. Schon schwieriger ist es, zu verstehen, weshalb sich Leute, die Freude am Velofahren haben, mit anderen Leuten, die Freude am Velofahren haben, messen wollen. Dass es also erstrebenswert ist, als Velofahrerfreund schneller zu sein, als ein anderer Velofahrerfreund. Was ich nie begreifen werde ist, dass es Leute gibt, die irgendwohin reisen, um Velofahrern zuzusehen, wie sie velofahren.

    • Eggu, noch knackiger und treffender kann man das ebenso menschliche wie hirnrissige „Schneller-höher-weiter“ nicht zusammenfassen.

    • Thomas Mader sagt:

      sehe ich genauso. das schöne am Velofahren ist doch, dass man in der Natur ist; Blumen und Wiesen, Wälder und Landschaften, Berge, Panoramen, Farbspiele, Wetterphänomene und das alles in der Ruhe, an der frischen Luft. Je mehr aber die Hobbyfahrer den Profis nacheifern und in ein konkurrenzdenken, in ein sich Übertrumpfenwollen hineinkommen, desto weniger können sie das eigentlich schöne und faszinierende am Radfahren dann wahrnehmen. Ausserdem tut es weder gut noch ist es gesund, sich ständig an der Leistungsgrenze oder darüber hinaus zu bewegen. So ist die Tour halt einfach ein Spektakel aber nicht unbedingt nachahmenswert.

    • sehen wir genau so und trotzdem lieben wir sie heiss die tour. zur feier gibt es heute zum mittagessen galette mit einem feinen französischen rotwein. die velorunde haben wir schon gemacht, ohne stopuhr.

    • Ivo Steinmann sagt:

      Menschen messen sich nun mal gerne! Einige machen es beim Sport, andere am Abend im Ausgang bei einer Schlägerei. Wiederum andere bei Diskussionen und sehr viele im Job. Man will ja seinen Job besser machen als der andere. Beim Tennis ist es sogar so grotesk, dass man sich misst, wer den Ball besser auf die andere Seite des Netzes schlagen kann. Und beim Fussball versuchen die Deppen irgend so ein komisches stehendes Rechteck zu treffen – was ja eigentlich völlig sinnlos ist.

    • Eugen koch sagt:

      Aber du kannst nachvollziehen warum leute in Stadions mit zig Tausenden Menschen gehen und diesen beim Fussball zuschauen? oder noch besser beim Curling? soll ja auch eine sehr spannende Sportart sein! villeicht hast du ja schon davon gehört, dass man bakannltich nicht über den Geschmack streitet ;) und außerdem viele Menschen die dort die Fahrer anfeuern verbinden es mit ihrem Bergurlaub!

      • eggu sagt:

        Hallo Eugen, nein, kann ich nicht nachvollziehen. Aber meine Haltung ist keineswegs als Arroganz gemeint, ich gönne allen die Freude, die den Plausch am Sport oder am Zusehen von Sport haben. Streiten will ich auch nicht, ich bin ein friedlicher Mensch. Wie alle hier. Und die braucht es, die friedlichen Menschen, heute wieder mehr denn je. Mein Problem mit dem „Messen“ ist, dass auch dem Krieg das Phänomen des „Messens“ (zwischen verfeindeten Gruppen oder Völkern) zugrundeliegt. Daher meide ich das Messen wie der Teufel das Weihwasser…

  • Vive le Tour sagt:

    Bin kein Sportfan. Habe keinen einzigen Match der Fussball WM gesehen. Jedoch jedes Jahr im Juli ,(und nur dann) schaue ich wenn immer möglich die täglichen Etappen der TdF. Faszinierend was diese Fahrer leisten, sei es gedopt, oder nicht. Am Anfang musste auch ich zuerst lernen, dass das ganze aus Taktik besteht. Aber wenn sie dann an so einem Tag 6 bis 7 Pässe überqueren mit eben z. T. bis zu 18% Steigung und das teilweise mit einer anscheinenden Leichtigkeit, da bleibt einem wirklich die Spucke weg. Dann gibt es Momente, da kann ich kaum hinschauen, wenn diese Kamikaze Fahrer mit bis zu 85 kmh. einen Berg runter fahren und dabei noch einen Müsli Riegel auspacken und essen. Und dann schlussendlich die Unmengen Zuschauer, welche an den Strassenrändern stehen und ihre Idole anfeuern, zum Teil aber auch mit unmöglichen Taten gefährden, das alles ist einfach FASZINIEREND

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