Der Bratspiess-Bernhardiner

Vom Grossen Sankt Bernhard über zwei Pässe nach Ferret (VS)

Am Vortag hatte es wild geregnet. Nun kam der Sommer zurück. Die Sonne vernichtete wütend, was an Wolken noch da war. Als wir auf dem Grossen Sankt Bernhard aus dem Bus stiegen, war die Luft freilich eiskalt. Die Bise stach uns nadelscharf in die Ohren.

Wir flohen in den Souvenirshop, begutachteten die Auslagen, wechselten ins Hospiz; Jean-Marie Lovey, der diesen Sommer ernannte neue Bischof von Sitten, war übrigens bis vor kurzem Propst der auf dem Pass seit Jahrhunderten wirkenden Augustinerchorherren. Ihre Kirche verharrte in zeitlosem Halbdunkel, es roch nach Weihrauch, ich stellte mich vor das Gnadenbild der Jungfrau und sprach in Gedanken zu ihr: Gib, dass ich heute nicht erfriere, Mutter Gottes!

Weisswein auf dem Pass

Kurz gingen wir auf der Passstrasse retour. Dann zweigten wir links in den Hang ab. Eine Hochgebirgswelt, die Felsblöcke überwachsen mit grünen Flechten. Unsere Wanderstöcke klackten auf dem Stein, letzte Nebelfetzen schlichen über die Fluhen, bald erreichten wir unser erstes Ziel, den Col des Chevaux. Der «Pferdepass» heisst so, seit man im 18. Jahrhundert vom Val de Ferret her eine pferdetaugliche Transportroute zum Grossen Sankt Bernhard einrichtete.

Auf dem Pass war eine Schar älterer Walliser daran, zwei, drei Flaschen Weisswein zu leeren. Irgendwie war ich neidisch, ich möchte auch zu einem derart genussfreudigen Stamm gehören. Freilich war ich froh um meine alkoholfreie Trittsicherheit, als wir in ein Zwischental abstiegen. Der Boden war mal erdschwarz und bröselig und glitschig, mal geröllbedeckt. An einer Stelle querten wir auf schmaler Spur ein Schneefeld halbharter Konsistenz. Parfait im Gelände.

Als wir unten waren, mussten wir gleich wieder nach oben, zum zweiten Pass, dem Col du Bastillon. In den Hang vor uns waren Seelein eingestreut, am Ufer des einen rastete eine grössere Gruppe junger Leute. Pfadfinder? Oben noch mehr hohe Gipfel rundum, die wir nicht kannten, die aber herrlich anzuschauen waren. Der eine gefiel mir sprachlich besonders: Pointe de Godegotte.

Erneut stiegen wir ab. Wandergefährtin Karin fand den Pfad grenzwertig, während ich ihn knapp okay fand. Immerhin mussten ihn bei aller Steilheit und Rutschigkeit einst Pferde bewältigen; und was ein Pferd kann, kann der Widmer doch wohl auch. Unter uns zeigte sich ein grosser See, einer der Lacs de Fenêtre. Ganz nah bei ihm nahmen wir ein Fussbad in dem ihm zuströmenden Bach. Das Wasser war brutal kalt, doch seit längerem hatte die Sonne geschienen und uns ins Schwitzen gebracht.

Nutztier Hund

Der Rest der Wanderung: ein gemächliches Absteigen, zuerst ruppig, dann immer leichter, zum Miniweiler Ferret. Dort erwarteten uns zwei Dinge: erstens der noch abgeschlossene Bus, mit dem wir später hinab zum Bahnhof von Orsières fahren würden. Und zweitens eine Kapelle. Das Wirtschäftchen, das es in früheren Jahren gab, hatte leider zu; ob es irgendwann wieder aufgeht, ist ungewiss.

Karin packte nun ihr Souvenir aus. Sie hatte sich zu Wanderbeginn einen kleinen Plüsch-Bernhardiner gekauft. Das Abbild Barrys, der von 1800 bis 1814 auf dem Grossen Sankt Bernhard lebte und 40 Menschen aus Lawinen gerettet haben soll. Die Hospizmönche züchten schon viel länger Bernhardiner. Ein Chronist notierte um 1700, dass einer der Mönche ein grosses Laufrad konstruierte habe. Man stellte einen Bernhardiner hinein. Seine Aufgabe war es, den Bratspiess zu drehen. Was für ein nützliches Tier!

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Route: Grosser Sankt Bernhard, Hospiz – Col des Chevaux – Petit Lé – Col du Bastillon – Lac de Fenêtre – La Chaux – Les Ars Dessous – Ferret.

Wanderzeit: 4 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 580 Meter aufwärts, 1340 Meter abwärts.

Sicherheit: Dies ist eine hochalpine Wanderung. Warme Kleider mitnehmen, nur bei stabilem Wetter gehen. Der Abstieg von beiden Pässen, vor allem der vom Col du Bastillon, ist steil und rutschig. Stöcke helfen.

Wanderkarte: 5027 T Grand St-Bernard – Combins – Arolla (Zusammenzug).

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von Ferret zum Bahnhof von Orsières. Via Sembrancher nach Martigny.

Charakter: Hochalpin, herrlich zivilisationsfern, man wandert inmitten schneebedeckter Bergriesen. Mittlere Anstrengung. Streckenweise rutschig und sehr steil.

Höhepunkte: Die Einfahrt beim Passhospiz des Grossen Sankt Bernhard; der Weihrauchgeruch in der alpinen Kirche. Der Panoramablick vom ersten und vom zweiten Pass. Der untere Lac de Fenêtre.

Kinder: Machbar, in den Steilpassagen gehören sie geleitet.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Nur am Anfang auf dem Grossen Sankt Bernhard.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmer privatem Journal.

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4 Kommentare zu «Der Bratspiess-Bernhardiner»

  • Danke fürs Lob und die sehr wertvollen Ergänzungen.

  • Ändu sagt:

    Der Zufall will es, dass ich diese phantastische Tour 10 Tage bevor dieser Artikel publiziert wurde, absolviert habe. Die Schroffheit der Bergriesen in diesem alpinen Grenzgebiet haben mich zu tiefst beeindruckt. Der Abstieg vom Col du Bastillon war auch aus meiner Sicht grenzwertig und die mitgeführten Stöcke hochwillkommen. Von einer Begehung bei Nebel oder starken Niederschlägen rate ich ab.
    Anzufügen sei noch, dass diese Tour öv-technisch nur zwischen Juni und September machbar ist, da der Bus aus Orsières nur in dieser Periode bis auf die Passhöhe verkehrt.

  • ferdinand sagt:

    Ich werde mir auch so einen Hund zulegen. Das Rad krieg ich schon irgenwie hin. Hab nur Bedenken dass der Hund
    dann den Braten vom Spiess frisst.

  • Daria sagt:

    Schön, dass Sie so oft unterwegs sind. Da bekomm sogar ich (ewiges Couchpotatoe) wieder einmal Lust aufs Wandern!

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