Ein Klassiker der Romandie

Diese Woche von Derborence über den Pas de Cheville nach Gryon (VS/VD)

Wir fuhren im Bus von Sion Richtung Derborence. Nach dem Dörfchen Aven schied sich das Passagiergut blitzartig. Die Abgebrühten drängten an die Fenster zur Linken, so sie nicht schon dort sassen, und zückten ihre Kameras und Handys. Die nicht so Abgebrühten wiederum, die mit der Höhenangst, taumelten bleich auf die rechte Seite des Busses und hielten sich die Augen zu.

Die Schlucht der Lizerne ist ein Walliser Höllenschlund. Die enge Strasse verlangte dem Chauffeur alles ab. Einige Male fuhren wir hart an der Kante. Ich gehörte zwar zur Linksfraktion, musste aber schwer schlucken. Und die Gruselpassage wollte nicht enden.

Albtraum bewirkt Traum

Dann wurde alles lieblich, wir erreichten den Kessel von Derborence unterhalb des Diablerets-Massivs. Berühmt ist sein Urwald aus Fichten, Föhren, Lärchen, Birken, Weiden – der Traum aller Grünen. Das Idyll ist allerdings aus dem Schrecken geboren. Aus der Katastrophe. 1714 kamen die Diablerets ins Rutschen. Die Felsmassen verschütteten viele Hütten, töteten 15 Menschen und 100 Stück Vieh. Der Roman «Derborence» handelt davon. Dichter Charles Ferdinand Ramuz erzählt wundersam lakonisch vom jungen Bauern Antoine, der eines Tages wie ein Zombie – okay, das Wort ist jetzt nicht Ramuz – ins Dorf hinab wankte, zu seiner jungen Frau, die ihn tot glaubte.

1749 kam gleich noch einmal Geröll herab. Es staute den See auf, an dem wir nun standen. Wir tunkten die Füsse ins milchige Wasser, vermuteten in einem Baumstamm ein Krokodil, tranken einen Kaffee auf der Prachtterrasse des nahen Restaurants. Und wir beschlossen ad hoc, den Pas de Cheville zu machen; wir hatten den Wanderplan des Tages vorher nicht ausformuliert.

Der Pas de Cheville ist ein leichter Übergang hinüber zum Alpboden von Anzeindaz im Nachbarkanton Waadt. Man findet die Route in fast jedem Wanderbuch der Romandie, sie ist ein Klassiker. Wir gingen los, eroberten uns den Zwischenboden von Le Grenier mit einer Alpwirtschaft; der Weg schlängelte sich hernach in Kehren hinauf zum Pass. Schön, die nahen Berge wie Tête Pegnat und Tête Tsernou. Die meisten Gipfel konnten wir als Regionsfremde allerdings nicht benennen.

Gedächtnis verschüttet

Vom Pass hielten wir über sanft sich senkenden Alpboden vorbei an immer neuen Kuhballungen nach Anzeindaz. Dort kehrten wir ein, tranken etwas in einer Alpwirtschaft, die nach der nahen Tour d’Anzeindaz benannt ist, sozusagen ihrem Hausberg. Da war viel Volk; man ist am Pas de Cheville bei gutem Wetter nie einsam. Danach die Steilstufe hinab nach Solalex und dort noch mehr Leute und dazu viele Autos. Souverän überragte der Felsriegel Arête de l’Argentine das Gewusel.

Wir hätten in Solalex den Bus Station La Barboleuse nehmen können. Doch wir waren erst drei Stunden gelaufen. Verlängerung! Auf leichten Wegen wanderten wir hinüber ins Touristendorf Gryon und nahmen erst dort das Zahnradbähnchen hinab nach Bex im Rhonetal. Mir kam das Zuckelding sehr, sehr bekannt vor; eine Kindheitserinnerung zuckte auf. Gryon ist der Nachbarort von Villars-sur-Ollon. Mit den Eltern und Geschwistern war ich dort in den späten Sechziger- oder frühen Siebzigerjahren in den Ferien. Die Jahrzehnte seither und all ihre Ereignisse haben mein Gedächtnis verschüttet wie das Geröll die Gegend von Derborence.

***

Route: Derborcnce (Anreise mit dem Bus ab Sion via Aven, nur ein Morgenbus) – Le Grenier – Pas de Cheville – Anzeindaz – Solalex – La Benjamine – Matélon – Gryon Bahnhof.

Wanderzeit: 4¾ Stunden.

Höhendifferenz: 640 Meter aufwärts, 962 Meter abwärts.

Wanderkarte: 272 T St-Maurice, 1: 50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Gryon mit dem Bähnlein hinab nach Bex im Rhonetal.

Kürzer: In Solalex aufhören. Mit dem Bus nach La Barboleuse, Gare. Mit dem Bähnlein hinab nach Bex. 3 Stunden. Je 580 Meter auf- und abwärts.

Charakter: Leichte Bergwanderung, etwas steil im Aufstieg von Le Grenier zum Pas de Cheville. Viel Alpenflora, gewaltige Berge rundum.

Höhepunkte: Die Postautofahrt nach Derborence. Der milchige See. Die lange Alprinne hinab nach Anzeindaz. Die Bergkulisse von Gryon.

Kinder: Gut machbar.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Refuge du Lac direkt am See, kein Ruhetag, o27 346 14 28. Gîte du Grenier de Cheville, in der Alpsaison offen. Refuge de La Tour d’Anzeindaz, kein Ruhetag. Restaurant du Miroir de l’Argentine in Solalex, Mo/Di geschlossen.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

2 Kommentare zu «Ein Klassiker der Romandie»

  • Alina sagt:

    Auf jeden Fall sind die Bilder echt gut geworden ! Bei uns geht es die nächsten Tage auch auf eine Wanderung :)

  • Louisa sagt:

    Wow, das hört sich nach atemberaubenden Wanderungen an! So etwas findet man wie immer nur im Wanderland Schweiz. Ich hoffe, dass ich auch mal die „Ehre“ haben werde, diese tollen Wanderwege wandern zu dürfen. :)

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.