Wie dumm kann ein Hund sein?

Zum Kaltstart das Video:

Allround-Hochrisikosportler und Hundehalter Dean Potter hat eine Welle der Entrüstung ausgelöst – oder zu Neudeutsch: einen Shitstorm. Dass der 42-jährige Amerikaner mit seinen «Kunststücken» immer wieder Aufsehen generiert, wäre nichts Neues: Potter spaziert ungesichert über Highlines. Potter klettert ungesichert 7b+-Mehrseillängenrouten wie «Deep Blue Sea» am Eiger. Und Potter hat die Disziplin «Free-Base» erfunden. Potter steigt in Patagonien free solo auf den Cerro Torre – für diesen mehrtägigen Alleingang hat er sein Gepäck auf ein Minimum reduziert, sogar auf den Gaskocher verzichtet. Deshalb konnte er keinen Schnee schmelzen und trank stattdessen seinen Urin. Man tut alles, um nicht zu verdursten. Dean Potter kommt ab und an mit dem Gesetz in Konflikt, weil er zum Beispiel in einem Nationalpark in Utah «halblegal» eine Steinarche erklommen hat, oder weil Basejumpen mit Flügelanzug in vielen US-Bundesstaaten verboten ist.

Mit seiner Hündin die Grenzen überschritten?

Dean Potter lebt extrem. Nun hat er sich wieder eine Pioniertat ausgedacht: Mit seiner 4-jährigen Hündin Whisper reiste er nach Grindelwald, stieg mit ihr am Eiger über die Westflanke empor bis zum berühmtesten Basejump-Exit der Welt: dem Pilz. Dort schlüpfte er in seinen Flügelanzug, packte Whisper bis zum Hals in einen Spezialrucksack, schulterte sie und stürzte sich mit ihr ins Tal. Wie es Whisper während des Ausflugs gefallen hat, filmte er mit Helmkameras. Kaum war das Video auf Youtube, entfachte sich eine Kontroverse. Tausende von Kommentaren und etliche kritische Artikel wurden geschrieben. Die einen finden diesen «ersten Basejump eines Hundes» cool, die anderen Tierquälerei:

«Riskiere doch dein eigenes Leben. Aber es gibt keine Rechtfertigung dafür, dass man das Leben eines Hundes riskiert. Niemals!» – «Ich glaube nicht, dass der Hund Freude an solchen Sachen hat.» – «Würde das jemand mit einem Kind wagen, wäre die ganze Welt schockiert. Aber mit Tieren?» – «Für Hunde ist das ein enormer Stress und man setzt sie dem nicht unnötig aus. Ich finde das einen Schwachsinn.»  – «Vollkommen sinnbefreit!!»

Hündin Whisper wird am Eiger von der Nordwestwand zum "Pilz" transportiert, eine beliebte Absprungstelle für Basejumper. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Macht sie einen verängstigten Eindruck? Hündin Whisper wird am Eiger von der Nordwestwand zum «Pilz» transportiert, eine beliebte Absprungstelle für Basejumper. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Macht sie einen glücklichen Eindruck? Whisper ist Dean Potters «Baby» und der erste Hund der Welt, der bei einem Basejump mitgeflogen ist. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Macht sie einen glücklichen Eindruck? Whisper ist Dean Potters «Baby» und der erste Hund der Welt, der bei einem Basejump mitgeflogen ist. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Wer will mit wem spielen?

Die Kritiker der Kritiker berichten dagegen von Hunden, die gerne Gleitschirmfliegen – und schier ausflippen vor Freude, wenn sie mitdürfen. Von Hunden, die ihren Kopf aus dem Autofenster strecken, um den Fahrtwind zu geniessen. Dass ein Hund niemals etwas tun würde, was er nicht will. Dass er sich zu nichts zwingen lässt.

Ich selber verstehe nichts von Hunden, habe also keine Vorstellung davon, wie hörig ein solcher seinem Herrchen oder Frauchen sein kann – wer da mit wem spielen will. Aber für Whisper war der Sprung vom Eiger nicht der erste Basejump. Dean Potter hat mit ihr davor sechs Sprünge über Big Walls ausgeführt. Somit wusste sie, was auf sie zukommt. Falls sie Angst gehabt hätte, hätte sie sich doch gewehrt, oder? Ich kann beim besten Willen nicht glauben, dass ein Hund so dumm sein könnte und sich für etwas einspannen lässt, vor dem er sich fürchtet. Tiere haben doch einen guten Instinkt?

Trotzdem bleibt die Frage des Verantwortungsbewusstseins für Tierhalter. Wo liegt die Grenze? Was hat sich wohl Dean Potter gedacht? Sicher nichts Böses. Ich hatte mal am International Mountain Summit in Brixen drei Tage Zeit, mit ihm zu plaudern und zu wandern. Sein Lieblingsthema: Whisper. Was für ein «good girl» Whisper ist, wie sehr er Whisper vermisst und deshalb so schnell wie möglich wieder nach Hause fliegen will. Er erzählte mir, dass er ein Kinderbuch schreibe. Ich sagte zu ihm: «Aber du hast ja gar keine Kinder.» Er antwortete: «Ich habe Whisper, sie ist wie mein Kind.» Auf Instagram postet er Bilder von Whisper und sich beim Klettern. Manchmal trägt er sie im Rucksack, manchmal läuft sie selber, unter anderem auf die 4158 Meter hohe Jungfrau – dann ist sie immer am Seil gesichert. Whisper ist Potters Ein und Alles. Bergsteigende Hunde gab es schon vor 150 Jahren.

«Nur weil ich etwas tun kann, heisst das nicht, dass ich es auch tun soll»:

Dean Potter klettert mit Whisper auf dem Rücken anspruchsvolle Routen free solo. Potter findet das gefährlicher als Basejumpen. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Dean Potter klettert mit Whisper auf dem Rücken anspruchsvolle Routen free solo. Potter findet das gefährlicher als Basejumpen. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Ich hatte Potter damals auch gefragt, ob er bei seinen Risiko-Aktionen keine Angst habe. Er sagte: «Klar habe ich Angst. Aber mein Wunsch, es zu machen, ist grösser als die Angst.»

Im vergangenen Jahr sind weltweit fast dreissig Basejumper tödlich verunglückt, auch einer der besten Freunde von Dean Potter. Seither ist er nachdenklicher geworden. In einem Interview mit dem «Outside Magazine» sagt er nun: «Ich weiss nicht, ob es richtig war, mit Whisper zu fliegen.» Bevor er sie wieder zum Basejumpen mitnehme, werde er erst einen neuen, besseren Wingsuit entwickeln. Er habe gelernt: «Nur weil ich etwas tun kann, heisst das nicht, dass ich es auch tun soll.»

30 Kommentare zu «Wie dumm kann ein Hund sein?»

  • hallo mitenand

    dean potter darf das machen. er kennt ja seinen hund. der hund sieht echt klasse aus mit brille.
    gute touren.
    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Ob es Sinn macht, einen Hund mit zum Basejumping zu nehmen sei dahingestellt, aber er macht nur beim Abseilen zum Pilz einen etwas nervösen/gequälten Eindruck und das vielleicht auch nur, weil Hundi VOR dem Herrchen abgeseilt wird. Ich denke sowieso, dass die negativ Kommentierenden hier sich besser Gedanken über tirquälerische Massentierhaltung machen sollten, als über einen solchen Beitrag, aber das ist dann wohl wieder zu unbequem.

  • Ruedi sagt:

    Wenn ich als Hund wiedergeboren werden sollte, dann lieber bei einem Herrchen wie Dean als bei einem Banker, der mich tagtäglich und Büro mitschleppt!

  • Mike sagt:

    Sorry, aber „Tiere haben einen guten Instinkt“ heisst genau rein gar nichts. Nein, ein Hund kann das Risiko beim Basejumpen selbstverständlich nicht einschätzen, und Hunde bringen sich andauernd aus allen möglichen Gründen selber in Todesgefahr, zum Beispiel, indem sie in Flüsse springen, wo sie dann ertrinken. Ich kenne mich mit Hunden recht gut aus und würde mich so oder so hüten, aufgrund von ein paar Sekunden in einem Youtube-Video über den Gemütszustand einer Hündin zu urteilen, die ich sonst nicht kenne, aber sie wirkt auf mich eindeutig nervös und verängstigt.

  • Marc Fischer sagt:

    Ich denke, wenn der Hund von Anfang an ein solches Leben gewöhnt ist, dann hat er keine Probleme damit und findet auch gefallen daran. Wenigstens muss er nicht den ganzen Tag alleine zu Hause herum sitzen und darf morgens und abens grad mal ein paar Minuten um den Block laufen.

  • Simone sagt:

    Ich finde sein Hund hat nichts da verloren und muss vielen hier zustimmen, dem gehört wirklich der Hund weggenommen!

  • Goran sagt:

    Die Frage sollte gestellt werden: Wie dumm ist die Besitzerin des Hundes, die dem armen Hund dies antut? Oder ist es ein Besitzer? Leider kann man das nicht so 100 % im Bild erkennen !

    • Roger Fankhauser sagt:

      Aber man könnte den Artikel lesen, dann wüsste man Bescheid. In meinen Augen ist das auch Voraussetzung, um einen Beitrag zu kommentieren. Mit Schlagzeilenlesen und Bildchenanschauen kommen Sie nicht wirklich weit.

  • Lukas sagt:

    Naja, bei einem Hund ist es ja eigentlich egal… Aber Hände weg von Katzen!

  • Philipp Rittermann sagt:

    ich hoffe, dass wenigstens der hund überlebt…

  • Miranda sagt:

    Der Hund von Paris Hilton wird auch den ganzen Tag in der Tasche rumgetragen… und keiner beklagt sich!

  • Schön, dass Sie wieder zurück sind, Frau Knecht.
    Nach einigen doch recht dödeligen Blödel-Blogs in den letzten Monaten freue ich mich jetzt auf währschafte Tourenberichte und wünsche Ihnen viel Freude und Spass am Berg.

  • Baumann sagt:

    Habe selber einen Hund, es ist teilweise wirklich unglaublich was die Hunde so mitmachen, ich bin sicher, dem hats gefallen.

  • Roger Fankhauser sagt:

    Grundsätzlich will der Hund bei seinem Herrchen/Frauchen sein. Meist spielt die Gefahr, die der Hund dafür eingehen muss, für den Hund keine Rolle. Ein Hund geht für sein Herrchen/Frauchen in den Tod, wenn es sein muss. Wer Hunde versteht, versteht, dass es schlimmer für den Hund wäre, wenn er zuhause vielleicht mit einem ‚fremden‘ Hundesitter ausharren muss, als mit seinem Rudelführer/-gefährten einen Basejump zu machen.
    Tiere haben eine andere Einstellung zum Leben, zur Gefahr und zum Tod. Jeder der hier falsches Mitleid zeigt, vermenschlicht Tiere und das ist viel schädlicher, als ein Fallschirmflug.

  • Oli Pfeffer sagt:

    Heutzutage ist es eher das Problem, dass viele Hunde ein zu langweiliges Leben haben. Ganzer Tag in der Wohnung und ein paar Mal um den immer selben Block herumlaufen. Das ist sicher eine grössere Tierquälerei als ein Fallschirm- oder Wingsuit-Sprung, aber deswegen regt sich kaum jemand auf.
    Wie erwähnt ist ohnehin der ungesicherte Aufstieg relativ gesehen gefährlicher als der Absprung, wenn schon sollte man sich also deswegen aufregen.

  • Irene feldmann sagt:

    Man sieht soviel liebe zum Tier, soviel Gefühl….auch die Reaktion vom Hund ist positive, tolles Team, auch beim fliegen….

  • Falscher Titel. WIE DUMMM KANN EIN MENSCH SEIN!!!!!! ist wohl eher am Platz.
    Egoismus pur – kann ich nicht auf meine exclusiven Kletter- und Flugtouren verzichten, muss ich auf den 4-beinigen Freund verzichten oder einen Hundesitter engagieren.
    Alexandra weber

    • Hans sagt:

      Danke. Meine ich aber nicht in Verbindung mit dem Hund. Wenn ihm gefällt… so what.

      Zudem: Die Eigenschaft „dumm“ kann nur auf den Menschen übertragen werden, nicht auf ein Tier. Apostrophieren im Titel hätte also gereicht, so aber bekommts einen etwas schalen Beigeschmack.

      • Rima sagt:

        Stimmt, Hans! Es gibt keine dummen Tiere. Auch wenn uns das manchmal so erscheint. – Der Hund ist dem Hundehalter Mensch ausgeliefert und tut alles für ihn wenn er das muss sprich hier, einfach eingepackt wird. Hunde können sich auch verweigern . Dies sollte der Halter in der Regel akzeptieren es sei denn, der Hund wird durch sein Verhalten selber gefährdet.

  • Thömu sagt:

    http://www.youtube.com/watch?v=T3wROTnDrJE

    Also dieser Hund ist bestimmt glücklich ;)

  • Markus Lüthi sagt:

    Die Damen und Herren, die sich über empören, sind natürlich alle Vegetarier und tun keiner Fliege etwas zu leide.

    • Dani Meier sagt:

      Was hat dies damit zu tun? Wird hier über Essens-Ethik diskutiert?

    • Manfred Kern sagt:

      KEINESWEGS !
      Aber wenn man sich ein Tier anschafft, sollte man in der Lage UND WILLENS sein, dieses auch artgerecht zu halten.
      Vermutlich ist er schlichtweg ein Egoist, der niemand gefunden hat, der ihn auf seinen hirnrissigen Ausflügen begleitet.
      Und deshalb hat er sich ein Hundelein angeschafft .
      das Praktische ist für ihn, daß er meint, er sei nicht allein / man kann mit ihm reden / es hört immer zu UND WIDERSPRICHT NIE !

      Im Notbiwak kann man sich an ihm wärmen (eine Zeitlang wenigstens),

      – und zur Not hat man auch eine warme Henkersmahlzeit… [Sarkasmus: A U S !!]

  • Sandra sagt:

    @Werner: Oh Mist, da ist bei uns anscheinend etwas schief gelaufen bei der Bindung. Mein Hund ist mir nicht mal mit ins Wasser gefolgt. ;-) Ich bin ihr aber natürlich auch nicht bis zum Horizont davon geschwommen.

  • Tschannen Werner sagt:

    ein treuer Hund folgt dem Herrchen überall hin, und genau dieser Umstand brauchen viele Besitzer um gewisse egoistische Taten zu verschönern. Ob nun der Hund mit an ein lautes Konzert kommt, mit von einer Brücke springt oder sich in ein Sack binden lässt um dann zu basejumpen. Alles das selbe, aber äbe, spricht man solche Leute an heisst es immer : der Hund ist ja freiwillig mitgekommen.

  • diva sagt:

    dem gehört der hund weggenommen!

    • Karin Meier sagt:

      Wie dumm kann der Mensch sein? So lautet die Frage! Eine Sauerei – wirklich mir bricht es das Herz, wie kann dass jemand seinem Tier antun. Der Mensch wird noch viel lernen müssen…ich bin entsetzt!

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