Nein, wir sind keine Egoisten!

 

Läufer sind keine Herdentiere. Zwar schwitzen sie in Fitnesscentren Seite an Seite, in freier Wildbahn sind sie aber meist Einzelgänger. Ab und an sind sie in kleinen Gruppen unterwegs. In Menschenmengen trifft man sie nur an Sportanlässen – und auch dort kämpfen sie meist alleine für ihr Ziel. Böse Zungen werfen ihnen vor, Egoisten zu sein – zu Unrecht. Ich habe etliche Situationen erlebt, die dies belegen. Mitstreiter, die ob meines gequälten Gesichtsausdrucks während eines Marathons ihr Tempo drosseln und sich nach meinem Befinden erkundigen; aufmunternde Worte, wenn mir die Energie ausging.

Gegen eine Szene am diesjährigen Marathon in Boston gibt es aber schlichtweg keine Argumente. Sie zeugt von unvergleichlicher Empathie und Sportgeist: Ein Läufer bricht kurz vor dem Ziel beinahe zusammen, seine Beine versagen ihm den Dienst. Ein Mitläufer fackelt nicht lange, stützt ihn und geht mit ihm mühsam weiter. Ein weiterer Läufer tut es ihm gleich, doch auch mit zwei Helfern geht es kaum vorwärts. Es dauert keine 20 Sekunden bis der Erschöpfte vier menschliche Stützen hat – und wer je einen Marathon bestritten hat, weiss: Kurz vor dem Ziel ist jeder am Ende. Die vier leisten einen regelrechten Kraftakt. Sie wissen wohl, was es bedeutet, aus eigenen Kräften über die Ziellinie zu gehen, und setzen den Mann kurz davor ab, der sie mit letzten Kräften überquert.

 

Ein Einzelfall? Keineswegs. Eine rührende Geschichte liefern zwei Mädchen anlässlich eines Cross-Country-Rennens in Amerika. Eine Sportlerin beobachtet eine andere Teilnehmerin, die mühevoll einen Fuss vor den anderen setzt. Mir nichts, dir nichts hackt sie sich bei ihr ein und hilft ihr damit ins Ziel. In einem Fernsehinterview sagte die grossherzige Läuferin später: «Man lässt einfach niemanden zurück, egal ob man die Person kennt oder nicht!»

Ein weiteres Argument gegen den Egoisten-Vorwurf liefert ein weiteres Mädchen. Diesmal spielt sich die rührende Szene anlässlich eines Bahnrennens ab. Eine blonde Athletin schleppt auf der Zielgerade ihre Konkurrentin regelrecht ins Ziel und erntet damit zu Recht frenetischen Jubel der Zuschauer.

Selbstlos agierte zudem eine Spitzensportlerin aus Kenia. Sie opferte ihren Sieg, um einem Athleten ohne Arme Wasser zu geben.

Deshalb: Nein, wir sind keine Egoisten!

5 Kommentare zu «Nein, wir sind keine Egoisten!»

  • Hendrik sagt:

    Tatsächlich finde ich das Marathon eine einzigartige Sportart ist, ich war früher selber Sportler bei uns gabe es leider nur das Konkurrenzdenken!

    ps: schöne Videos rausgesucht! ty

  • Eni sagt:

    Warum sollten Läufer egoistischer sein als Biker, Hundehalter, Autofahrer oder Reiter? In jeder Gruppe gibt es solche und solche. Das sage ich als Spaziergängerin mit Hund, Velofahrerin, früher auch Reiterin und ab und zu auch Autofahrerin. Hilfsbereite Personen gibt es überall, ebenso wie Leute, die einfach wegschauen.

  • Maxi sagt:

    Wow, bin echt überwältigt, dass es noch solche guten Menschen gibt. Als Team agiert man eh besser als alleine, aber wenn man jemanden hilft, um ans Ziel zu kommen, das finde ich einfach toll.

  • Markus Lindenmann sagt:

    In spezieller Erinnerung bleibt mir der Paris Marathon 2009. Mitten in einem Pulk von Läufern mit bunt gemischten Ethnien und Sprachen, welche alle auf den letzten 4 km versuchten, sich unter 3 Std ins Ziel zu kämpfen, auch mit Ellbogen, wurden plötzlich Schwämme und Wasserbecher untereinander verteilt und weitergereicht. Selbst für kurze gegenseitige Schulter „Klapse“ blieb noch Zeit. – Übrigens liefen alle vom beschriebenen „Pulk“ noch unter 3 Std ins Ziel.

  • Nun – ich würde sofort unterschreiben, dass Läufer und Triathleten einen gewissen Egoismus pflegen. Allerdings nicht unbedingt die negative Art – ich sehe es mehr so, dass wir uns bestens mit uns selbst zu beschäftigen wissen und nicht permanent die Bestätigung anderer „Herdentiere“, wie du es so schön schreibst, benötigen. Nur – gleichzeitig sind wir auch Sportler! Das heisst, wenn wir einen unseresgleichen (also einen „Fellow Egoist“) in Not sehen, helfen wir einander. Oder?

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