Die schwierigste Clean-Kletterroute der Schweiz geknackt

Heute ein Gastbeitrag von Yves Brechbühler*, der für uns den jungen Topkletterer Jonas Schild journalistisch begleitet hat.

Haben Sie schon einmal Kollegen über eine schwere Bergtour oder eine harte Kletterroute erzählen gehört? Stundenlang können sich da zwei über die kleinsten Unebenheiten in Felsstrukturen, eine kalte Biwaknacht oder die wilde Erstbegehung der Eigernordwand unterhalten. Man diskutiert über persönlich Erlebtes, aber auch über Geschichten, die in die Geschichte des Kletterns eingegangen sind.

Diese Geschichte handelt von Hanuman, der wohl schwierigsten Clean-Kletterroute der Schweiz. 33 Meter hoch, keine Bohrhaken, alle Zwischensicherungen werden selber gelegt. Kürzlich ist Jonas Schild gelungen, woran sich zwei Generationen von Schweizer Spitzenkletterern die Zähne ausgebissen haben: Der 22-jährige Berner kletterte dieses Projekt in Brigerbad im Oberwallis als erster frei.

Schwierig zu sagen, was ausser der leicht überhängenden, wie perfekt abgeschnittenen Tafel den Reiz dieses Ortes ausmacht. Um von der Bushaltestelle im Dorfkern zu den Felsen zu gelangen, läuft man an alten Bausünden, ewigen Baustellen und einem gammeligen Froschteich vorbei. Oben bei den Felsen angekommen ist immer noch das anhaltende Quaken der Frösche zu hören.

Bohrhakenstreit inklusive

Seit über zwanzig Jahren pilgern Sportkletterer an diese Wand. Zu ihnen gehört Ende der 1990er-Jahre auch Didier Berthod aus Sion. 2003 schafft er mit Greenspit (8b/+)  im Valle Orco die erste Begehung der schwierigsten Risskletterei in Europa und 2005 beinahe auch die damals schwerste Risskletterei der Welt, den legendären Cobra Crack (8b+) in Kanada. Für die nachkommende Klettergeneration, zu der auch Schild gehört, ist Berthod zu dieser Zeit die Ikone schlechthin. «In meinem Zimmer hing wie bei vielen meiner Kollegen ein Poster von ihm», sagt Schild.

Vor zehn Jahren macht sich Berthod – gerade aus Amerika zurück – daran, ein ungeklettertes Projekt im rechten Teil der Wand in Brigerbad zu versuchen. Noch ist die Route mit Bohrhaken abgesichert. Als er merkt, dass sie sich auch mit Friends und Keilen absichern lässt, entfernt er die Bohrhaken, was zu einem kleinen Streit mit seinem Kollegen Alex Devaux führt. Auch dieser hat die Route im Visier. «Ich wollte ihn fragen, ob es für ihn okay ist, wenn ich die Bohrhaken rausnehme – leider habe ich ihn nicht erreicht», so Berthod. Die Route kann er aber nie punkten. Knapp zwei Jahre später hört Berthod mit dem Klettern auf und lebt seither in einem Kloster in der Nähe von Freiburg. Er studiert Theologie und Philosophie an der dortigen Universität. Seine Ausbildung zum katholischen Priester wird er in zwei bis drei Jahren abgeschlossen haben. (Beitrag zu Berthods extemem Lebenswandel in der Sportlounge des SRF hier)

Bei einem Sturz kommt man dem Boden extrem nahe

Das Projekt im Brigerbad bleibt weiterhin ungeklettert.

 Eines Tages funkeln wieder Bohrhaken in der Route. Lionel Clerc, ein Kletterer aus dem Unterwallis, der Routen bis 9a klettert, versucht sich darin. Doch auch ihm gelingt – mit Bohrhaken – kein Durchstieg. Dann kommt Patrik Aufdenblatten aus Zermatt. Er will die Linie, wie einst Berthod, clean – ohne Bohrhaken – klettern und befreit die Route erneut von den Haken. Ab 2011 beginnt er dann zusammen mit Jonas Schild, die einzelnen schwierigen Stellen der Route einzuüben.

Die erste sturzfreie Begehung der ganzen Clean-Route hat Jonas Schild jetzt im März 2014 geschafft. Alle mobilen Zwischensicherungen – Friends und Keile – setzte er während des Kletterns. In der Schlüsselstelle liegt der Abstand zwischen den beiden möglichen Sicherungspunkten über sechs Meter auseinander. Weite Stürze wären daher garantiert. Der Ausstieg sei physisch etwas einfacher, sagt Schild. Dafür werde die psychische Beanspruchung nochmals gesteigert. «Man steigt sieben Meter über einen Mikrokeil, bis man den Stand erreicht. Wenn dieser Mikrokeil im Falle eines Sturzes nicht hält, kommt man dem Boden extrem nahe. Zum Glück wurde dies noch nie getestet.» Jonas Schild, der 8c-Sportrouten und 8b+-Mehrseillängenrouten wie etwa Zahir in den Wendenstöcken meistert, nennt die Route Hanuman und schlägt für den Schwierigkeitsgrad 8b bis 8b+ vor.

Mit Schilds Erstbegehung geht diese Geschichte vorläufig zu Ende. Eine Geschichte vom Klettern, die wohl in die Schweizer Klettergeschichte eingeht.

Yves Brechbühl* Yves Brechbühler studiert Philosophie und Germanistik. Er ist Kletterer, arbeitet als Journalist bei der «Jungfrau Zeitung» und lebt in Bern.

24 Kommentare zu «Die schwierigste Clean-Kletterroute der Schweiz geknackt»

  • Aschi sagt:

    „Die Eroberung des Unnützen“ Lionel Teray! Die eigenen Grenzen ausloten macht Spass und ist preiswerter als zum Psychiater zu gehen.

  • Olaf Schlied sagt:

    Ja, die haben wohl alle nichts Besseres zu tun.
    Ich würde sagen, das Leben unterfordert sie.

  • Dominik sagt:

    Gratulation an Jonas für seine gute Leistung. Schade finde ich jedoch, dass über den Sport Sportklettern häufig über Solo- und Cleanbegehungen berichtet wird. Diese Begehungsformen werden nur von einer minimalen Anzahl Kletterern praktiziert und haben nur eine marginale Bedeutung in der heutigen Praxis des Sportkletterns. Es ist als wenn in der Leichtathletik vielfach über die Rekorde von Gehern berichtet würde. Aus sportlicher Sicht sind im Klettern Rotpunkt- und Onsightbegehungen von schweren bohrhackengesicherten Routen, das Bouldern sowie vielleicht noch Wettkampfergebnisse relevant, den dass ist das was 95% der sportlich ambitionierten Kletterer hauptsächlich praktizieren.

    • Thomas Giger sagt:

      Respekt vor dieser Leistung!
      Aber wir haben ja auch im Klettern (Nina Caprez) und im Bouldern Schweizer die an der Weltspitze klettern.
      Fred Nicole das Urgestein schlechthin und noch immer aktiv.
      Giuliano Cameroni hat im Tessin einen der schwersten Boulder der Welt wiederholt (StoryoftwoWorlds, 8C) und
      Martin Keller hat auf dem Sustenpass nach jahrelanger Vorarbeit gerade einen Boulder im toppbereich (8C) erstbegangen

    • David Schneeberger sagt:

      Lieber Dominik

      Gerade weil es sich in diesem Fall nicht um den üblichen Bohrhacken Einheitsbrei handelt, ist diese Leistung erwähnenswert. Zudem muss beachtet werden wie viel Vorbereitung und Zeit in ein solches Projekt investiert wird!

      Zur minimalen Anzahl Kletterer, welche diese Spielart praktizieren: Andere Länder andere Sitten. Wir in der Schweiz sind einfach „verwöhnt“. Alle zwei Meter glänzt ein neuer Bohrhacken, in vielen Teilen der Welt ist das anders.

      Ich jedenfalls bevorzuge einen solchen Bericht immer einer langweiligen Geschichte von der Begehung eines Klettersteiges, einer in Ketten gelegten Hochtour oder eben von zugenagelten Wegen!

  • RoadRunner sagt:

    Gratulation!
    …aber… wieso mussten die Bohrhaken entfernt werden?

    • Aschi sagt:

      Das ist ja der Witz: Clean

      • Daniel Heierli sagt:

        Richtig clean wäre eigentlich, wenn man sich eine neue Linie suchen würde, wo noch niemand Haken gesetzt hat.
        Wozu das Abschlagen von Haken gut sein soll, ist rätselhaft. Man könnte sie auch einfach ignorieren. Bei Free Solo – Begehungen machen das die meisten Kletterer so.
        Aber eben: Die Gedankengänge der „Kletterethiker“ sind manchmal geheimnisvoll…

  • Hat mich echt umgehauen zu lesen wie weit man es bringt mit körperlicher Leistung und Ausnutzen der technischen Möglichkeiten. Erfindergeist und Risikobereitschaft ist immer wieder gefragt.

  • Matthi sagt:

    Ganz starke Leistung Herr Schild!!! Und ein top Bericht Herr Yves!!!

  • Nenad sagt:

    Interessant wie leidenschaftlich sich Leute über etwas äussern können..ich gebe jetzt auch noch meinen Senf dazu..auch wenn mich Bergsteigen oder Klettern überhaupt nicht interessiert..von bewundern oder ähnlichen ganz abgesehen. Steinböcke und Murmeltiere haben sich in den Bergen sehr gut angesiedelt was der Mensch dort zu suchen hat ist mir frremd..Das einzig gute daran ist wohl das die Berge in Tausend Jahren immer noch da sind und dieser Blog aber die Jubelschreie über das geleistete längst verstummt sind. In der Stadt Zürich Radfahren ist auch sehr gefährlich und ich bin jedesmal froh heil zu Hause anzukommen..aber das interessiert natürlich niemanden..

    • Jürg sagt:

      Nein, das interessiert niemanden, das schaffen nämlich Tausende anderer auch ganz locker. Die 8b+ schafft aber nur er. Merken Sie was?

    • Stefan sagt:

      Ja, so etwas kann nur schreiben, wer nicht klettert. Wieso gehst Du da die Wand hoch und nicht aussen rum auf dem Gipfel? Wieso gibt man zwei Fussballmannschaften nicht je einen Ball, damit sie nicht darum spielen müssen? Haben Sie denn keine Leidenschaft?

  • Stefan sagt:

    Ja, grossartige Leistung, keine Frage. Vorsicht jedoch mit den Superlativen. In englischen Gebieten gibt es seit jeher Trad-Routen in diesem Bereich. Toll aber, gibts auch den Trend wieder, solche Routen clean zu machen – wenn auch der Tolggen dabei ist, dass gerade in einer solchen Route eine überdurchschnittliche Dübellöcheranzahl anzutreffen ist. Ironie der Sache.

  • Bruno sagt:

    Tolle Leistung, keine Frage.
    Total verwirrend ist hingegen … Borhaken rein, Borhaken raus, Borhaken rein, Borhaken raus. Gerade jüngere Kletterer nehmen sich noch gerne die Freiheit, in fremden Routen darüber zu entscheiden, ob da Bohrhaken bleiben dürfen oder nicht. Kein Respekt, kein savoir-vivre!!!

  • Aschi sagt:

    Gratuliere zur erstaunlichen Leistung. Mit Schaudern denke ich an die Klettereien vor 50 Jahren zurück (mit Bergschuhen) wo man zT. 30-40m ohne Zwischensicherungen im 4. und 5. Grad überwinden musste (Haken konnten nicht immer geschlagen werden wegen dem kompakten Fels, mangelnder Kraft oder ungenügender Ausrüstung). Die modernen mobilen Zwischensicherungen haben das Risiko erfreulicherweise stark reduziert.

  • Erich sagt:

    Gratulation. Klettern ist ein Sport bei dem man sich die Regeln selber stellt. Nur das konsequente Verfolgungen eigener Ideen entwicklet den Sport. Bohrhakenleiter im 7a-9a gibts genug. Sicherheitsfanatiker verpassen das Abenteuer und sollten in der Halle bleiben. Die logische Entwicklung sind cleane MSL. Ich freue mich daruber zu lesen und auf leider etwas tieferem Niveau zu klettern.

    • Allrounder sagt:

      Klettern ist Vielseitigkeit – warum denn gleich immer das eine Hoch jubeln und dabei das andere verdammen? Eine tolle Leistung ist das auf jeden Fall, aber es gibt auch mit Bohrhaken abgesicherte Touren, bei denen das Nervenkostüm ganz schön strapaziert wird, ohne dass es ans Lebendige geht, oder eben eine ganz andere Herausforderung auf den Kletterer wartet. Muss auch nicht zwingend MSL sein. Sonst wären ja die Boulderer gleich zu Sofasportlern zu degradieren ;) Jede Tour hat seine Herausforderung – wieso sollte also nur die eine Sparte die richtige sein? Schwarz oder Weiss zu malen ist vielleicht einfacher, aber vermutlich nicht wirklich aufgeklärt ;) Verständlich das Aussenstehende kein Verständnis haben – wie auch? Um zu verstehen muss man ziemlich nahe ran… bzw. eben nicht aussen stehen – egal bei welcher Sparte. Enjoy Climbing – when and where ever you can!

  • Müller sagt:

    Der Knabe ist nicht zu bejubeln sondern einfach leichtsinnig. Mein Vater war Bergsteiger und hat es überlebt. Im Gegensatz zu vieler seiner Freunde. Warum? Er war ein Abschiuerrungsfreak!

    • sofamac sagt:

      Was für ein schwachsinniger Kommentar, Herr Mülller! Ihr Vater hätte vielleicht besser eine „Hochsicherheitssportart“ wie Boccia oder Tischtennis wählen sollen. Jonas’s Aktion war genau kalkuliert und über lange Zeit eingeübt. Ganz grosse Klasse! Mit Restrisiko, aber das ist ja genau das Salz in der Suppe des Lebens…

    • Abschiuerrungsfreak sagt:

      Also, ich bin auch für mehr Abschiuerren! Die machen alles viel besser ;-)

      • Herbert sagt:

        Bravo Herr Müller, dass muss einfach gesagt sein!! Ich als Kletterer bin auch ein Absicherungsfreak, und wenns nicht mehr geht, dann gehts halt nicht. Denn, ich muss niemanden etwas beweisen! Dieser Beitrag wird in der Szene viele dazu antreiben über ihre Verhältnisse zu klettern… tja.

        • ueli sagt:

          Hm, nur wegen diesem Beitrag habe ich plötzlich das tiefe Verlangen, mit einem einzigen Microkeil bewaffnet alle Sportkletterrouten im 8ten Grad zu klettern. Danach mache ich die Weiterbildung zum Priester und klettere mit meiner ganzen Kirchgemeinschaft FreeSolo durch die Eiger-Nordwand.

          Herr Schild, grosses Kino! Respekt

  • Irene feldmann sagt:

    Wundersame Wege, toller Bericht!!!!

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