Die Rotztour

Diese Woche Rotzberg, Rotzburg, Rotzschlucht, Rotzloch und Drachenfluh (NW)


Der Föhn bläst, perfekt! Die dichtgepackte Landschaft der Innerschweiz, all die Berge und Hügel und die Arme des Vierwaldstättersee-Kraken, wirken durch die Magie des Warmwindes noch gedrängter. Kräftiger. Inniger. Wir freuen uns, als wir in Stans aus dem Zug steigen.

Der Weg geht zum gepflasterten Dorfplatz und führt hernach Richtung Westen aus dem Hauptort. An der Nägeligasse fällt ein Lotterhaus aus Holz auf, die Nummer 23. Der Hauptmann Jakob Stulz baute es um 1550 für sich und seine Familie, später war es ein Altersheim.

Der Burgenbruch

Vor uns sticht am Horizont der Pilatus in den Himmel. In der Nähe haben wir leicht links die Drachenfluh vor Augen samt ihren nackten Felswänden. Und leicht rechts die sanftmütige Kuppe des Rotzbergs. Beide Erhebungen werden wir uns erobern.

Wir kommen zur Lewengrueben, wo unser Wanderweg die Strasse von Stans nach Ennetmoos schneidet, passieren die St.-Josefs-Kapelle. Die Gegend verländlicht sich vollends mit blumengelben Wiesen und Bauernhöfen. Es geht aufwärts Richtung Rotzberg, im Rückblick beeindrucken Stanserhorn und Buochserhorn. Und auf dem kleinen Sattel vor dem Gipfel zeigt sich abrupt der Alpnachersee.

Ein Schild weist zehn Minuten später auf eine Gefahr hin: Links des komfortabel breiten Waldweges fällt das bewaldete Gelände senkrecht ab, ein Steinbruch. Dann sind wir oben. Von der Burgruine ist wenig geblieben, der Mauerring vor allem. Die Rotzburg ist berühmt als Teil des Burgenbruchs, der im Weissen Buch von Sarnen um (1470) erzählt wird: Die Innerschweizer Bauern, drangsaliert von ihrer ritterlichen Obrigkeit, stürmen mehrere Burgen. Darunter die auf dem Rotzberg.

Nach der Rast steigen wir ab zum oberen Eingang der Rotzschlucht auf einer Geländeterrasse mit Fabrik; der Wiesenpfad ist steil, wir müssen aufpassen. Schön, dass die Schlucht offen ist; sie ist nämlich von der Schliessung bedroht – Steinschlaggefahr. Wer sie begeht, tut es auf eigenes Risiko. Aber schön ist die kurze Passage: Wir sehen Höhlen und Stolleneingänge, lesen auf Tafeln von einer alten Mühle, Spuren einstigen Bergbaus, einer Schwefelquelle und seltenen Farnen.

Unten erreichen wir den Alpnachersee und sind nun im Rotzloch. Dies ist ein romantischer und gleichzeitig sehr geschäftiger Platz. Eine Deponie für Bauschutt ist hier untergebracht, und es wird Kieselkalk abgebaut. Schotter für unsere Bahngeleise. Das Rotzloch ist Nidwaldens allererste Industriezone. 1597 schon ist eine Papierwerkstatt belegt, auch ein Badhaus, eine Öltrotte, eine Pulvermühle, eine Sägerei, eine Gerberei und eine Eisenschmelze gab es einst.

Wer müde ist, geht nun nach Stansstad, knapp zweieinhalb Kilometer beträgt die Distanz dorthin. Wir fänden das schade und gehen just in die andere Richtung. Via Rieden steigen wir wieder auf, kommen in den wundersam feuchtelnden Hinterbergwald, sind endlich oben auf Zingel, langen auf der Drachenfluh mit ihrem weissen Kreuz an.

Jööö, der Rotzberg

Noch steht uns ein grober Abstieg hinab ins Drachenmoos bevor, Schlussziel ist Ennetmoos. Aber bereits ziehen wir das Fazit, dass die Innerschweiz immer wieder neu überraschen kann. Unsere Rotztour hat uns ein Übermass an Ausblick geschenkt  – jetzt gerade sehen wir weit hinten die beiden Mythen. Und wie klein der Rotzberg nun plötzlich wirkt, jööö.

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Route: Bahnhof Stans – St. Josefs-Kapelle – Vorder Rotzberg – Hinter Rotzberg – Rotzberg – Eingang Rotzschlucht – Schluchtweg – Rotzloch – Rieden – Vorder Rüti – Ober Rüti – Drachenfluh – Drachenried – Ennetmoos-Allweg (Bushaltstelle).

Wanderzeit: 4 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 660 Meter aufwärts, 610 abwärts.

Wanderkarte: 245 T Stans, 1: 50’000.

Retour: Mit dem Bus von Ennetmoos-Allweg zum Bahnhof Stans.

Kürzer: Vom Rotzloch statt Richtung Drachenfluh in die andere Richtung laufen, zum Bahnhof Stansstad. So dauert die ganze Wanderung nur 2 1/4 Stunden.

Charakter: Wildheit inmitten der Zivilisation. Faszinierende Hügel, schroffe Fluhen, blauer See in enger Packung. Nicht ungefährlich, in der Rotzschlucht droht stets Steinschlag!

Höhepunkte: Der Anblick des Rotzbergs vor dem Pilatus. Der Rundblick vom Rotzberg (und später noch viel toller von der Drachenfluh). Die Eroberung des Rotzlochs durch die enge Rotzschlucht.

Kinder: Sie gehören beaufsichtigt. Die Wege sind gut, doch kurz vor dem Rotzberg und vor der Drachenfluh führen sie steilen Fluhen entlang.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Vor und nach der Wanderung.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmer privatem Journal.

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9 Kommentare zu «Die Rotztour»

  • Hans Kälin sagt:

    Guten Tag Herr Widmer

    Ich kann die GPX Datei nicht herunterladen es erscheint immer eine XML Version, statt GPX wie früher.

    Freundliche Grüsse

    • Thomas Widmer sagt:

      Lieber Herr Kälin, oh Gott, was tun? Ich lud letzt grad versuchsweise die „Rotztour“ herunter, sie ist und bleibt bei mir ein gpx-File und lässt sich öffnen usw. Ich versuche mal, ob ich im Tagi jemanden finde, der sich auskennt und weiss, woran es bei ihnen liegen könnte.

  • Judith sagt:

    War über die „Rotztour“ erstmal ziemlich verwundert, aber wie es sich raus stellt, ist es eine nette Wanderung. Vor allem die Aussicht, die ihr hattet, ist wirklich wunderschön :)

    Gruß Judith aus den Bergen :)

  • Niederhauser Ursula sagt:

    Gut das es Sie gibt Herr Widmer. Die herrlichen Landschaftsbilder. Guter Rutenplan und Beschreibung. Herz was willst Du noch mehr. Dankeschön. :-))

  • Björn Tiemann sagt:

    Wer hat diesen Blog geschrieben? Und was habt ihr mit Thomas Widmer gemacht? Eine Wanderung ohne Einkehr hat es in der vergangenen Jahren noch nie gegeben …

    • Thomas Widmer sagt:

      Lieber Herr Tiemann, ich wars, ich habs geschrieben; aber was will man machen, wenn da keine Wirtschaft am Wege liegt!

  • Irene feldmann sagt:

    Geniale photos wieder einmal…

  • Philipp Rittermann sagt:

    die eroberung des rotzlochs geht halt nun mal nur über die begehung des engen rotztals. wahrscheinlich ist das einfach das (männliche) schicksal. :)

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