Uetliberg-Besteigung: Danke an die grosszügigen Spender!

Heute ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*:

Im Herbst letzten Jahres präsentierte Natascha Knecht an dieser Stelle den Bericht über unsere Extremexpedition «Die Erstbesteigung des Üetlibergs mit Sauerstoff – Erfahrungen aus der Todeszone». Gegen einen Unkostenbeitrag von fünf Franken konnte man den Bericht bestellen. Im Vorfeld hatten wir mit Natascha vereinbart, den Restposten von 30 Exemplaren aus der ersten Auflage gratis abzugeben und im unwahrscheinlichen Falle eines grösseren Interesses einige Exemplare zu kopieren. Reichlich naiv, wie wir im Nachhinein gestehen müssen. Natascha bestand auf einem wenigstens symbolischen Verkaufspreis, denn was nichts koste, sei nichts wert.

Die Broschüre «Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff» von Thomas Hürzeler und Suzanne Maier.

Die Broschüre «Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff» von Thomas Hürzeler und Suzanne Maier.

Es kam, wie sie es vorausgesagt hatte: Die Bestellungen donnerten auf uns nieder wie die Eis- und Bierdosenlawinen in der Eigernordwand. Bereits nach drei Tagen war klar, dass wir im grösseren Umfang nachdrucken müssen. Die Bestellungen wie auch die nachfolgenden Zahlungen waren zum grossen Teil begleitet von netten, lustigen Zeilen. Von freundlichen Bitten bis hin zu mehrseitigen alpinen Lebensläufen mit detaillierten Schilderungen etwa der Winterbesteigung des Berner Gurten oder einer geplanten Expedition auf den Zürcher Lindenhof war alles vertreten. So erhielten wir auch manche Anregung für weitere extreme Lebenserfahrungen. Als Beispiel sei eine Zugfahrt von Zürich nach Bern ohne Smartphone, Tablet oder Laptop genannt. Eine Reise also, die völlig isoliert, von der Welt abgeschnitten, in absoluter Einsamkeit ablaufen würde. Eine Grenzerfahrung, die man sich schrecklicher kaum auszumalen vermag.

Es wurden total 1230 Broschüren bestellt. Echt. Wir wurden völlig überrannt vom Wissensdurst der angehenden Extremalpinisten, von deren dringendem Verlangen, aus unseren Erfahrungen lernen zu dürfen. Für Wochen konnten wir im Basislager zwei Sherpas nur mit dem Versand der Broschüren beschäftigen. Eine willkommene Überraschung für unser regionales Arbeitszentrum, denn in den Wintermonaten läuft hier in Sachen Extremexpeditionen meistens nicht wirklich viel.

Leser spenden 2378.55 Franken für Ärzte ohne Grenzen

Das Grösste für uns ist aber die Spendenbereitschaft unserer Leser. Im Begleitbrief zu den Broschüren mit den Zahlwegen hatten wir versprochen, dass wir jeden Betrag, der über den Fünfliber pro Exemplar hinausgeht, der Institution Médecins sans Frontières weiterleiten würden. Die Aufrundungen bewegten sich zwischen 55 Rappen und 150 Franken: im Schnitt 35 Prozent zusätzlich zum Broschürenpreis. Es kam so ein Betrag von CHF 2378.55 zusammen, den wir den Ärzten ohne Grenzen überwiesen. Wir bedanken uns stellvertretend im Namen der unzähligen Patienten und Kriegsopfer weltweit für diese Grosszügigkeit und werden auch allfällig noch eintreffende Beiträge vollumfänglich weiterleiten. Selbstverständlich haben wir keinen Rappen aus den Spenden zur Deckung unseres Defizits verwendet. Auf keinen Fall sollte jemand mit seiner Spende die Schulden anderer Bergfreunde bezahlen.

Denn etwas weniger begeisterte uns die Tatsache, dass sich rund 40 Besteller der «Geiz-ist-geil-Seilschaft» anschlossen und 80 Broschüren trotz freundlicher Mahnungen nicht bezahlten. Zum Beispiel auch jene Bergkameradin nicht, die kurz vor Weihnachten ziemlich ultimativ eine sofortige Expresslieferung mehrerer Exemplare verlangte. Für Weihnachtsgeschenke. Ein echtes Schnäppchen! Wir wissen jetzt, warum der Onlinehandel nur auf Vorauszahlung liefert — eine Geschäftspolitik, die wir bis anhin für etwas arrogant hielten. Und vor allem haben wir jetzt Namen und Adressen einiger Trantüten, die vielleicht verantwortlich sind, wenn uns in den SAC-Hütten die Sauerstoffflaschen und das Studentenfutter aus den Rucksäcken geklaut werden. Vielleicht braucht es eben für einige unter uns doch ein Betriebswirtschaftsstudium, um sich auszurechnen, dass der bescheidene Fünfliber niemals unsere Selbstkosten deckt. Tja.

Natascha Knecht hat die Sache in einem Artikel im «Tages-Anzeiger» vom 27. März 2014 sehr treffend ausgeführt: «Bergsteiger gelten als bescheiden und darum als besonders ehrliche und anständige Leute. Geht es aber um Ruhm, Ehre oder Geld, verhalten sich manche von ihnen nicht anders als ganz normale Menschen.»

Wie auch immer: Die Freude über so viele begeisterte Leserinnen und Leser überwiegt. Wir sind überrascht, wie viele Leute trotz oder vielleicht wegen des Facebook-Twitter-Social-Media-Hypes, trotz der unsinnlichen E-Book-Reader noch etwas mit gedruckten Medien anfangen können und wollen. Wie viele Menschen immer noch mühsam von Hand Seiten umblättern. Für diese Leute haben wir unsere Expedition niedergeschrieben. Und für euch werden wir auch über unsere nächste todesmutige Unternehmung berichten. Versprochen. Denn wir wollen dazu beitragen, dass trotz des täglichen Leistungsdrucks, des weltweiten alpinen Konkurrenzdenkens, des gnadenlosen Ernstes des Lebens der gehobene Unsinn bzw. der höhere Blödsinn nicht ganz auf der Strecke bleibt. Ebenfalls versprochen.

Sie können die Broschüre «Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff» weiterhin für 5 Franken pro Stück bestellen. Per E-Mail bei Thomas Hürzeler: thomas@huerzeler.ch

Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. Ausserdem sieht er sich eisern jede Extremalpin-Dokumentation im TV an. Darum gelang ihm 2003 die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.

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