Galeriesucht

Heute ein Gastbeitrag von *Emil Zopfi.


Jedes Mal, wenn ich auf dieser Leiste stehe, ziemlich geschafft schon vom weiten Zug zuvor, dann frage ich mich: Warum? Warum tue ich mir das an, als Siebzigjähriger. Ich weiss ja, das Schwerste kommt erst noch. Durchatmen, Finger ins Magnesiasäcklein, dabei das Gleichgewicht halten. Dann los, den Zangengriff links packen, dann übergreifen in den Zweifinger-Untergriff. Warum tue ich mir das an? Dutzende Male, vielleicht schon hundert Mal. Es gibt nur eine Erklärung: die Sucht. Galeriesucht.

Angefixt vor fünfundzwanzig Jahren. Heinz schleppte mich mit aufs Dach der Galerie über der Strasse von Weesen nach Amden. Er war zu Besuch bei uns auf der andern Seite des Walensees. Es war nur Horror. Am Abend sagte ich zu Christa, dort drüben haben wir nichts verloren. Und jetzt versuche ich, den Zangengriff zu halten, von dem vor ein paar Jahren ein Stück weggebrochen ist. Seither gilt «Pizzabauch» als 7a. Ich setze die Schuhspitze in den Halbmondtritt links und versuche, während des Übergreifens nicht wegzukippen, und dabei denke ich an Thomas, der jetzt irgendwo in Thailand Kühe züchtet. Es ist seine Route. So hat alles seine Geschichte, auch der winzigste Griff in einer Felswand.

Freaks mit Doktortitel

Einst war ich, wie man damals sagte, ein Extremkletterer. Vergiss alles, lernte ich schon bald, als ich zusammen mit Freunden und Frau und Tochter mit dem Klettern auf der Galerie begann. Anfangs schafften wir nur «Anfängerglück», immer und immer wieder. Erich, der sie eingerichtet hat, ist ein beruflicher Aufsteiger, wie viele Kletterer. Oft hängen hier mehr Freaks mit Doktortitel herum als ohne. Erich hat mich auch mal von der Galerie heruntergestützt, als ich auf «Kopp ab» stürzte und den Fuss brach.

Die Galerie ist nicht nur ein Klettergarten, sie ist ein soziales Ereignis. Man grüsst sich mit Handschlag und Küsschen, fragt nach, gibt Tipps, holt vergessene Express herunter oder hängt einem ein Seil zum Toprope. Inzwischen hatten wir uns in hartem Ringen den lokalen Stil der kleinen Griffe und kniffligen Abläufe erarbeitet. Wir waren dabei, gehörten zur Familie mit Ruedi und Katja und Mike und Anna und Ernst und Luzi und vielen andern und dem lieben Marcel, der nicht mehr unter uns weilt. Man trifft sich im Winter über Mittag, wenn rundum die Berge gleissen wie Himalayariesen und der See so seltsam spiegelt. Oder die Sommerabende, Cumuluswolken türmen sich über dem Glärnisch, wir warten ungeduldig auf den Schatten für ein Projekt, und wenn es endlich kühl wird, sind wir schon durchgeklettert und lechzen nach Bratwurst und Bier im Lago Mio. Ein Geheimtipp die kühlen und stillen Morgenstunden im Hochsommer, wir klettern, bis gegen Mittag die Sonne um die Kante strahlt, dann hinab durch den Wald zum Baden im See und zu Kaffee und Nussgipfel.

Jedem Süchtigen wird einmal der Stoff entzogen

Viel hat sich verändert in einem Vierteljahrhundert Galerie, neue Routen zuhauf, neue Haken, wo früher keine steckten, neue Gesichter. Es gab Tränen, Trennungen, Glücksmomente. Auch alpine Legenden tauchten gelegentlich auf. Da war jener Winter, als der berühmte Beat Kammerlander «Lit Marveil» unzählige Male versuchte und immer wieder mit lautem Schrei ins Seil stürzte. Ob er die Route je schaffte, weiss ich nicht. Jahre später sah man einen jungen Zürcher Jusstudenten, der sie gleich zweimal hintereinander zog und zwischendurch auf eine Prüfung büffelte. Irgendwann begannen uns junge Leute mit Sie anzureden. Andere gaben sich schüchtern als Leserinnen oder Leser meiner Bücher zu erkennen. Ein Jahr lang war die Galerie gesperrt wegen Sanierungsarbeiten, eine Zeit des Leidens für mich. Und jetzt ist wieder Sperre, bis Ende März wird unter der Woche Holz geschlagen im Wald oberhalb. Die Wochenenden überlassen wir den Jungen und Werktätigen.

Klar weiss ich, wie jeder Süchtige: Einmal wird dir der Stoff entzogen. Wenn ich «Ikarus» nicht mehr schaffe, höre ich auf, prahlte ich früher. Inzwischen bin ich bescheidener geworden. Bald wird mir «Anfängerglück» wieder genügen, dazu die Sonne, die Aussicht über den See in die Berge – und die Erinnerung.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR, *Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. Am 10. Mai 2014 organisiert er in Amden das 6. Treffen für Alpine Literatur Bergfahrt 2014. Programm und Anmeldung: www.bergliteratur.ch/bergfahrt2014

7 Kommentare zu «Galeriesucht»

  • Remo Buchmann sagt:

    Es scheint so, dass Klettern in jeder Hinsicht jung erhält ! Sehr schöner Text.

  • Irene feldmann sagt:

    Beeindruckender Artikel und tolle Bilder, weiterhin viel Freude!!!!

  • Lieber Emil, ein Gruss von der anderen Seite des Walensees und wir wünschen dir dass du noch lange „süchtig“ sein darfst.

    • Emil Zopfi sagt:

      Lieber Reto, liebe Berti
      Danke für den Gruss. Jetzt ist die Galerie ja wieder zugänglich. Eben bin ich aus Finale zurück, ist auch so ein Suchtort.

  • Emil Zopfi sagt:

    Die Fotos sind von Marco Volken. Sollte von der Redaktion noch nachgetragen werden!

  • Aschi sagt:

    Gratuliere Emil zur hohen Leistungsfähigkeit. Selber habe ich mit 70 dem Felsklettern freiwillig ade gesagt und tumle mich nur noch beim „Altersturnen“ an leichten Routen und beim Café in der Kletterhalle. Grenzen darf man sich selber setzten, solange man kann.

  • Reto Bühler sagt:

    Lieber Emil, dein wunderbares Psychogramm der Galeriegemeinschaft trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist eine Welt für sich das Klettergartenvölklein, egal ob in der Halle oder draussen. Die Gemeinschaft dieser Individualisten gibt uns sogar eine Identität und das Handeln ist sinnstiftend. Und Du bist der beste Beweis dass Klettern jung hält!

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