Die Masseneinwanderung

Diese Woche von Rheinfelden AG auf den Hohen Flum (Deutschland)


Kalt war der Tag und nicht allzu hell. Super, dachte mein innerer Optimist am Bahnhof Rheinfelden: Es regnet nicht! Zehn Freundinnen und Freunde zogen mit mir los; während wir der Rheinbrücke und Deutschland zustrebten, kalauerte ich angesichts des stattlichen Grüppleins: «Das ist eine Masseneinwanderung.»

Am deutschen Ufer gingen wir in der folgenden Stunde flussaufwärts. Wir sahen viel: das schweizerische Rheinfelden gegenüber als ehrwürdige Städtchensilhouette im Dunst. Den Rhein, mit Fischtreppen und dergleichen renaturiert, als vor wenigen Jahren das neue Wasserkraftwerk Rheinfelden gebaut wurde. Schliesslich Schloss Beuggen, heute eine evangelische Tagungsstätte, vormals aber ein Sitz des Deutschritterordens. Unbewiesenen Theorien zufolge soll zwischen 1815 und 1816 Kaspar Hauser auf Beuggen gelebt haben, jener rätselhafte Menschenfindling, von dem das Gerücht ging, er sei der abgeschobene Erbprinz des Fürstenhauses Baden.

Störche und eine Höhle

Schloss Beuggen, das offenbar wegen der Biegung des Rheins so heisst, ist eine gewaltige Anlage. Mit Interesse lasen wir die historischen Tafeln. Etwas lenkte uns dabei ab: das Storchennest auf dem nahen Turm. Zwei Störche blickten reglos auf uns herab.

Bald nach dem Schloss kam bei Riedmatt die Tschamberhöhle in Sicht. Eine Muschelkalkhöhle, geöffnet an Sonntagen und Feiertagen; wir hatten Samstag und fanden das Portal verschlossen vor. Danach bogen wir ab vom Rhein nach Norden. Durch eine lange Geländerinne im Wald, durchzogen von einem schütteren Bächlein, eroberten wir uns in leichter Steigung den Dinkelberg, eine Hochebene zwischen dem Tal des Rheins und dem Tal der Wiese. Im Dörfchen Nordschwaben musterten wir Skulpturen des Holzkünstlers Holger Rübsam, der die prägnante Internetadresse www.ruebeonline.de besitzt. Na ja, Kunst ist Geschmackssache; es gibt sicher Leute, die so etwas mögen.

Dann, nach knapp drei Stunden, unser Ziel: der Hohe Flum. So heisst der überaus sanfte, auf 536 Metern über Meer gelegene höchste Punkt des Dinkelbergs. Bei gutem Wetter hätte man von der Kuppe aus, hatte ich gelesen, Sicht zu den Alpen und den Vogesen. Wir allerdings sahen vom geschmackvollen, schlösschenartigen Aussichtsturm  aus praktisch nichts, so verhangen, wie der Himmel war. Immerhin erkannten wir nordseitig zu unseren Füssen das Wiesental und den Ort Schopfheim.

Das Berghaus Hohe Flum machte von aussen wenig Eindruck; ein Allerweltsbau. Aber der Empfang war freundlich. Und der Service in Gestalt einer Baslerin flink. Und dann das Essen! Auf dem Hohen Flum machen sie sozusagen alles selber von der Sauce bis zur Glacé. Wir tranken Wein, wir spiesen – ich hatte Salat, Schweinsbraten und Spätzle für 10 Euro -, wir nahmen selbstverständlich ein Dessert. Und wir waren begeistert.

Gipfelglück in Deutschland

Man muss offensichtlich mehr in Deutschland wandern! Unterdessen habe ich mir einige Wanderbücher besorgt. Besonders mag ich «Gipfelglück» von Patrick Brauns, das die «50 markantesten Berge Baden-Württembergs» vorstellt. Berge? Ja, Berge! Wanderabenteuer, die zum Beispiel Hornisgrinde heissen. Oder Schwarzer Grat, Katzenbuckel, Lupfen, Stuifen, Kandel. Und allein schon aus sprachlichen Gründen will ich auf den Ipf bei Bopfingen. Deutschland, wir kommen wieder.

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Route: Rheinfelden SBB – Rheinbrücke zum deutschen Ufer – flussaufwärts vorbei an Schloss Beuggen – Abzweiger Tschamberhöhle, vorbei an der Höhle – Riedmatt – Nordschwaben – Hoher Flum.

Wanderzeit: 3 Stunden bis Hoher Flum.

Höhendifferenz: ca. 300 Meter aufwärts, 100 abwärts.

Wanderkarte: 214 T Liestal, 1: 50 000. Mehr Übersicht hat man auf der Wanderkarte 1: 60 000 Basel-Aarau von Kümmerly+Frey.

Fortsetzung: Vom Hohen Flum ist man in einer knappen Stunde und nach 170 Metern Abstieg in Schopfheim D. Von dort kommt man mit der S-Bahn schnell und direkt nach Basel. – Viel länger (gut vier Stunden) ist der Weg via Adelhausen und Eiserne Hand nach Riehen BS.

Charakter: Zuerst Flussuferwanderung mit Natur, Industrie und Historie in wilder Mischung. Hernach leichte Geländewanderung. Keine besondere Anstrengung.

Höhepunkte: Der renaturierte Rhein. Schloss Beuggen mit dem Storchennest auf dem einen Turm. Der Aussichtsturm auf dem Hohen Flum. Und das hervorragende Essen im Berghaus Hohe Flum.

Kinder: Geht gut.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Einige Lokale am Weg. Das Restaurant auf dem Hohen Flum. Ruhetage Do/Fr. Bei gutem Wetter reservieren! +49 7622-2782

Buchtipp: Wer weitere  «Berge» im schweiznahen Deutschland erwandern will, ist gut bedient mit «Gipfelglück. Die 50 markantesten Berge Baden-Württembergs» von Patrick Brauns (Silberburg-Verlag, 160 Seiten, 23.90 Fr. Der Hohe Flum kommt aber nicht vor.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmer privatem Journal.

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7 Kommentare zu «Die Masseneinwanderung»

  • Fritz Meier sagt:

    Dieser Beitrag wird die boshafte Einstellung der Fremdenfeinde in der Schweiz, welche schon die Messer für die nächste Abstimmung wetzen, kaum ändern. Künftig sollten sich Deutsche und Schweizer aus dem Weg gehen. Wer ECOPOP oder Lollipop will, bleibe jenseits des Zaunes. Die Welt ist nichts für Schweizer.

  • Thomas Widmer sagt:

    Lieber Ruedi, jetzt ist sie drin. Die Fotostrecke stelle ich immer selber zusammen. Die Karte wird später von der Produktion hineingestellt. Manchmal geht sie vergessen, dann sorge ich nachträglich dafür, dass sie nachgeliefert wird. Tut mir leid. Aber wie gesagt, jetzt ist sie drin. In der Fotostrecke, Bild 12.

  • Rudi sagt:

    Wo finde ich die Wanderkarte, welche in der Printausgabe aufgeführt ist? Wer kann helfen?

  • Hotel Papa sagt:

    Kunst hätte man schon gleich zu Beginn am Höllehoogge und entlang des ganzen Weges bis zum Kraftwerk betrachten können. Etwas manieristischer als die Rübige, auch nicht jedermanns Sache.
    Und was man leider nicht mehr sieht ist der klassizistische Bau des ersten Flusskraftwerks in Europa. Industriegeschichte hat noch keine Lobby.

  • Ruedi sagt:

    In der Printausgabe des Tagi finde ich einen tollen Kartenausschnitt zur Wanderung. Wo finde ich die Karte in der elektronischen Ausgabe? Besten Dank für Ihre Hilfe!

    • Also, Ruedi….ich weiss nicht ganz genau was Sie unter „Kartenauschnitt“ verstehen, aber in der Photo-Serie von Tomas Widmer’s wöchentlichem Tagi-Online „Wander-Blog“ ist das letzte Bild (zu 99%) immer die TA-Graphik, wie auch im heutigen Bericht. Dazu gibt Herr Widmer auch Auskunft welche Wanderkarten für sein Tüürli benutzt warden sollten. Ich glaube das ist genug ;-)

  • Irene feldmann sagt:

    Schöne Bilder….

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