Fränzi und mein goldener Berg

Diese Woche von Flawil nach Mogelsberg und weiter nach Jonschwil SG

Flawil, Wanderstart, kalt ist der Morgen und vernebelt. Am Bahnhof wartet Katja, die Fotografin. Vor Jahren waren wir beruflich zusammen unterwegs, sind zudem durch gemeinsame Freunde verbunden; kürzlich mailte sie mich an, sie würde gerne mal mitwandern, wenn wir in ihrer Gegend unterwegs sind. Jetzt ist es so weit; hey, Katja, schön, bist du dabei!

Die Bahnhofstrasse verwandelt sich in die Magdenauerstrasse, wir biegen links ins Grüne, schon geht es aufwärts, so ist die Ostschweiz, ein Högerland. Mitten im Wald nehme ich mein Handy hervor und rufe im Rössli Mogelsberg an. Ich habe für vier Leute reserviert, aber mirakulöserweise sind diesmal ganz viele dabei, die sonst selten kommen. Wir sind zu zehnt, sage ich. Lässt sich machen, sagt das Rössli. Und ich bin froh.

Sie lauste die Armen

Ein Weiher mit Enten kündigt das Kloster Magdenau an, in dem eine kleine Gemeinschaft von Zisterzienserinnen die Stellung hält. Ganz in der Nähe, fünf Minuten entfernt, steht die Kapelle St. Verena, der Abstecher zu ihr lohnt. Sie ist ein trutziges Gemäuer, im 10. Jahrhundert gegründet, im 12. Jahrhundert neu gebaut und gewidmet der Heiligen Verena, die die Armen lauste und wusch, weswegen sie gern mit Kamm und Krug abgebildet wird.

Bald sind wir auf einem weiten Plateau. Der Nebel hat sich gelichtet, die Sonne beginnt zu wirken. Bei einem Bauernhof sehen wir Hühner, und Katja fragt mich, ob ich schon mal ein Huhn im Arm gehalten hätte, das sei einzigartig. Ich verneine. Katja spannt daraufhin die Bäuerin ein, und die beiden schaffen es nach fünf Minuten Scheuch- und Treibarbeit, ein orangenes Huhn einzufangen. Es fühlt sich tatsächlich sehr, sehr flauschig an, wird ganz zutraulich und heisst Fränzi. Als ich die Fränzi wieder absetze, pickt sie mich zum Abschied zärtlich in die Hand.

Um das gegenüberliegende Mogelsberg zu erreichen, müssen wir in ein Tobel hinab und steil wieder hinauf. Dann das Dorf. 1152 ist es erstmals erwähnt als Magoldesberch, mein goldener Berg. Das Rössli am Dorfplatz ist ein historischer Bau aus dem 18. Jahrhundert mit Klebdächern; so heissen die Vorsprünge über den Fenstern. Und übrigens, sagt Ortskennerin Katja, esse man auch im Löwen sehr gut.

Im Rössli warten wir lange aufs Essen. Aber hey, wir sind dankbar, Platz bekommen zu haben, und besagtes Essen ist dann sehr gut. Alsbald geht es weiter. Mein letzter Eindruck vom Dorf ist ein Schild, das die «Wohlfühlpraxis Mundgsund» bewirbt und eine Südseeinsel zeigt. Es gibt, sehe ich später auf der Homepage, bei dieser Zahnärztin einen Massagestuhl und Getränke in der Lounge. Ein Cheminée im Behandlungsraum. Und Lachgas für Leute mit besonders schlimmer Dentalphobie.

Was wohl die Fränzi macht?

Unten bei der Aachsäge treffen wir auf einen alten Freund, den Necker, der auf den nächsten Kilometern schlängelt wie wild. Breit ist sein Bett von der Brücke aus besehen, im Sommer ist hier sicher wunderbar grillieren. Anschliessend müssen wir wieder hinauf, dann wieder hinab, so geht das weiter. Ganterschwil und Lütisburg ziehen vorbei, und als wir in Jonschwil ankommen und somit eine Art grosses V gewandert sind, dunkelt es ein. Beim Schlusstrunk in der Krone muss ich an Fränzi denken. Was sie wohl gerade macht? Ob sie  schon im Stall kuschelt? Ich werde meine Schöne nicht so schnell vergessen.

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Route: Flawil Bahnhof – Büelwis – Kloster Magdenau – Abstecher zur St. Verenakirche (5m) – Kloster – Rotmoos – Wittenberg – Moosbad – Moos – Gonzenwil – Zusammenfluss Ruerbach-Aachbach – Neuhaus – Mogelsberg – Aachsäge – Bleiken – Ibach – Ganterschwil – Feld – Letzi – Lütisburg – Haslen – Mühlau – Kornau – Burg – Jonschwil Kreisel.

Wanderzeit: 6 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 710 Meter auf-, 720 abwärts.

Wanderkarte: 227 T Appenzell und 226 Rapperswil, 1:50’000.

Retour: Von Jonschwil Kreisel mit dem Bus zum Bahnhof Wil SG an der Linie St. Gallen–Zürich.

Kürzer: Nur bis Mogelsberg laufen, im Dorf essen, dann hinab zum Bahnhof. 3 1/4 Stunden, 440 Meter aufwärts, 330 abwärts.

Charakter: Herrliche hügelige Ostschweiz, Flüsse und Flüsschen, Bergblick zur Säntiskette. Anstrengend.

Höhepunkte: Die Kapelle St. Verena beim Kloster Magdenau. Das weite Hochland zwischen Magdenau und Mogelsberg. Mogelsbergs Dorfplatz mit dem altehrwürdigen Rössli. Das Essen daselbst. Die Schlingen des Neckers nach der Aachsäge.

Kinder: Ziemlich weit, sonst keine Probleme.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Einige Restaurants am Weg. Rössli Mogelsberg, gute Küche. Mo/Di Ruhetag. Auch im Löwen 30 Meter weiter isst man sehr gut. So/Mo Ruhetag.

Rückkehr zum Ausgangspunkt: Von Wil mit dem Zug nach Flawil.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

1 Kommentar zu «Fränzi und mein goldener Berg»

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