Der Hanss und seine Hüsserin

Diese Woche von Rapperswil SG via Lützelsee nach Esslingen ZH

Auf jeder Wanderung mache ich 100 bis 200 Fotos. Zu Hause sichte und bearbeite ich sie und überspiele sie auf zwei externe Harddisks. Zudem lege ich im Internet eine Diastrecke mit 30, 40, 50 Bildern an. Habe ich mal schlechte Laune, wähle ich eine Route aus – das Gemüt hellt sich dann gleich auf.

Die Wanderung von Rapperswil nach Esslingen war nicht eben eine strahlende Unternehmung, kam mir eben beim Wiederanschauen in den Sinn – ich meine das Wetter. Düster und schwer zog sich der Himmel, bleiern lag der Zürichsee in seiner Gletschergrube, knapp vermochte der ermattende Föhn die herandräuenden Wolken zu bannen.

Ascona des Nordens

Und doch – oder gerade darum – hatten wir Spass. Diese Wanderung war ein Schnäppchen, ein kleiner Lottogewinn, eine Restfreude, die wir dem Tag abtrotzten, bevor der Regen kam. Zudem mochten wir die Aussicht auf die Berge der Innerschweiz und der Ostschweiz. Das Gehen über dem See. Das Nebeneinander und Durcheinander von Land und Agglomeration.

Die Schifflände Rapperswil versetzte uns sogar in Begeisterung. Die Promenade mit den Schwänen und Enten und den vielen Restaurants hat Klasse, dies ist eine Art Ascona des Nordens. Wir passierten die westliche Spitze der Anlage, gingen nun nach Osten, kamen zur Badi, hatten das Schloss zur Rechten. Es hatte an unserem Tag nichts Liebliches; brutal wirkte es, ein Sitz harter Ritter, ein Monument der Herrschaft.

Durch Einfamilienhäuser, vorbei an Villen gelangten wir auf den Frohberg, hatten ein erstes Mal Fernblick, sahen Gipfel wie Speer, Mürtschenstock, Federispitz, die der Föhn uns freundlicherweise in die Nähe rückte. Das gediegene Restaurant Frohberg merkten wir uns für ein anderes Mal vor. Danach gingen wir lange auf einem Höhenweg, kamen vorbei am Behindertenwohnheim Balm zum Schwösterrain.

Wir landeten nun in einer Moränenlandschaft und verloren den Zürichsee aus den Augen. Dafür freuten wir uns später am Lützelsee. Vorgelagert auf einer Anhöhe hatte uns allerdings das umhagte Grab eines 12-jährigen Buben in einer Wiese betroffen gemacht. Das Hürlimannhaus ganz in der Nähe brachte uns auf andere Gedanken. Die Inschrift lautet: «Kurz nach 1700 erbaut. Bauw Herren warrend 3. gebrüderte nämlich, Bartly, Bernhart und Hanss die hürlimannen, zu Lützelsee. 2 ledigen stands, und Hanss in der ehe mit Frauw Margretta Hüsserin 1703.»

Ueberbei-Bahn

Der Hunger holte uns wieder in die Gegenwart. Wir wichen von der logischen Strecke ab, die in einiger Distanz zum Lützelsee dessen Südufer entlangführt, hielten hinüber ins nahe Hombrechtikon. Dort assen wir vor dem Volg eine Bratwurst vom Holzkohlengrill, bereitet und serviert von einem netten Mann. Der Bahnhof Hombrechtikon hernach: wieder ein geschütztes Objekt. Längst ist er stillgelegt. 1901 bis 1948 gab es die Uerikon-Bauma-Bahn, deren Abkürzung UeBB vom Volk zu «Ueberbei-Bahn» verwitzt wurde.

Über den Hügelkamm stiegen wir hinüber nach Dändlikon, waren nun im Gebiet der Drumlins; so heissen mit Moränenschutt gefüllte Hügel ovalen Grundrisses aus der Eiszeit, deren Längsachse der Fliessrichtung des Gletschers entspricht. Die Definition ist kompliziert, die Rundungen waren herrlich. Endlich, nach langem Auslaufen, wobei wir einen Weiler mit dem kuriosen Namen Bäpur zur Kenntnis nahmen, erreichten wir die Station Esslingen. Im Löwen nahmen wir ein Schlussbier.

Und wie immer sichtete ich dann auf der Heimreise meine Fotoausbeute. Mein innerer Jäger und Sammler will es so.

***

Route: Rapperswil Bahnhof–Schifflände/Seepromenade–Badi–Schönau–Frohberg–Balm–Schwösterrain–Schönenberg–Rennweg–Weiler Lützelsee–Hombrechtikon–Hinterwald–Herrenholz–Dändlikon–Holzhusen–Riet–Frobüel–Bäpur–Esslingen Station.

Wanderzeit: 41/2 Stunden

Höhendifferenz: 310 Meter auf-, 230 abwärts.

Wanderkarte: 226 T Rapperswil, 1:50’000.

Retour: Von der Station Esslingen mit der Forchbahn zum Bahnhof Zürich Stadelhofen oder per Bus zum Bahnhof Uster.

Charakter: Zwischen Agglomeration und Land. Abwechslungsreich, eine Kombination von Stadtschlendern (Rapperswil), Höhenweg über dem Zürichsee und Wandern in der Moränenlandschaft. Mittlere Anstrengung. Gut die Hälfte Hartbelag.

Höhepunkte: Rapperswils Seepromenade gleich zu Anfang (eventuell mit Abstecher zum Schloss). Der grossartige See- und Bergblick etwa vom Frohberg oder vom Schwösterrain.

Kinder: Geht bestens.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Am besten eignet sich Hombrechtikon, diverse Restaurants.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

1 Kommentar zu «Der Hanss und seine Hüsserin»

  • Irene feldmann sagt:

    Sehr schöner, persönlicher Bericht. Rappi sich doch noch nicht sooooo verändert, schöne Gegend!

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.