Allen Dulles, César Ritz und Mr. Feelgood

Diese Woche von Bern via Worb nach Konolfingen (BE)

Als wir um neun am Bahnhof Bern loszogen, waren wir bange: Würden wir es trocken nach Konolfingen schaffen? Die Prognose hatte Regen für den Nachmittag verheissen.

Die Frage verblasste schnell. Die elementare Schönheit Berns, des in die Aareschleife gepassten Stadtkörpers aus Sandstein, nahm uns gefangen samt der Kulisse im Hintergrund; die Alpen, die wir den ganzen Tag vor Augen haben würden, waren durch den Restföhn in die Nähe gerückt – eine Wucht von Wand am fahlen Horizont.

Bern und die Agenten

An der Herrengasse beschauten wir uns die Nummer 23, das Wattenwylhaus; ein Freund hatte mir den Tipp gegeben. 1942 zog Allen Welsh Dulles, Kopf des Office of Strategic Services, wie die Vorläuferin der CIA hiess, in dem patrizischen Palast ein. Hier empfing er Agenten, nahm ihre Berichte über Hitlerdeutschland, Frankreich, Italien entgegen, erteilte Aufträge. Weil damit zu rechnen war, dass Spitzel feindlicher Mächte vor dem Haus herumlungerten, liess Dulles, später auch Chef der CIA, die Strassenbeleuchtung zeitweise abstellen.

Fast 20 Jahre lang hatte ich ab 1981 selber in Bern gelebt; beim Wiedersehen stellte ich viel – für mich – Neues fest. Unter der Brüstung der Münsterplattform war ein Netz gegen die Selbstmörder montiert. Der Bärengraben war nun der Bären-Park. Und nachdem wir via Obstberg zum Ostrand der Stadt vorgedrungen waren, verblüffte mich an der Autobahn das wellenförmig wogende Zentrum Paul Klee.

Durch Ostermundigen, später vorbei an dessen Freibad, erstiegen wir den Amselberg und den Dentenberg. Das Restaurant fünf Minuten unterhalb der Käserei Dentenberg hatte zu, schade. Bei Wannhollen sahen wir ein neugeborenes Kälblein auf Stroh, dessen Ohren bereits etikettiert waren. Einige Zeit darauf langten wir in Worb an und assen im Sternen sehr gut: Forelle blau, Wiener Schnitzel, Kalbsbratwurst. Und Linsen für die Vegetarierin.

Als wir zufrieden und satt wieder ins Freie traten, war der Himmel von neutralem Grau; keine Regenfront in Sicht. Via Richigen kamen wir zum erhöht liegenden Schlosswil. Dessen Schloss begeisterte uns. Die Lage auf der Krete! Das Weiherchen! Die Hunderte Meter lange Alleepromenade auf dem Kretenkamm! Hier mit dem Rollator spazieren, das wärs, fanden wir; halb im Scherz reden wir auf unseren Wanderungen öfters von der Gründung einer Alters-WG und waren uns einig, dass dieses Schloss uns zusagen würde. Allerdings gehört es einer Stiftung und kommt für uns also nicht infrage. Es beherbergt Ausstellungen, man kann es für Feste mieten, und Paare heiraten gern in seinem herrlichen Ambiente.

Zum Hürnberg mussten wir steil aufsteigen. Zum Ballenbühl noch einmal. Er stellte sich als perfekter Aussichtspunkt an der Hangkante heraus. Bald darauf begann der Abstieg nach Konolfingen. Dort nahmen wir in der Bar Mr. Feelgood beim Bahnhof unser Schlussbier auf zur Sitzgelegenheit umfunktionierten Surfbrettern.

Der Regen kam zu spät

Zu guter Letzt kaufte ich im Bahnhofsladen eine Büchse Stalden-Creme. Dass sie bei Nestlé in Konolfingen produziert wird, geht auf den Walliser Hotelpionier César Ritz zurück. In seinem Hotel in Cannes war aufgrund schlechter Milch die Cholera ausgebrochen. 1892 gründete Ritz im Bernischen eine Fabrik zur Konservierung von Milch. Und… sorry, die Kolumne ist zu Ende. Nur noch dies: Der Regen setzte ein, als wir im Zug nach Bern sassen.

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Route: Bern HB–Münster–Nydeggbrücke–Bären-Park–Ostermundigen–Freibad Ostermundigen–Amslenberg–Dentenberg–Wannhollen–Worb–Richigen–Schlosswil–Hürnberg–Ballenbühl–Konolfingen.

Wanderzeit: 61/4 Stunden.

Höhendifferenz: 650 Meter auf-, 530 abwärts.

Wanderkarte: 243 T Bern, 1:50’000.

Retour: von Konolfingen per Bahn direkt nach Bern.

Kürzer: Worb liegt ziemlich genau in der Mitte der Wanderung.

Charakter: Aus der Stadt via Agglo ins freie Land. Viel Kultur und Sehenswertes in Bern. Sehr aussichtsreich und abwechslungsreich. Anstrengend.

Höhepunkte: Münster und Münsterplattform in Bern. Das Zentrum Paul Klee am Stadtrand. Der Alpenblick vom Dentenberg. Das Essen im Sternen Worb. Das Schloss von Schlosswil. Last, not least der grandiose Blick nach nah und fern vom Ballenbühl über Konolfingen.

Kinder: Machbar.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Der Sternen Worb ist eine Wirtschaft, wie man sie nur im Bernbiet trifft: ein rustikales Riesenhaus, netter Service, währschaftes Essen. Mo./Di. Ruhetag. www.sternen-worb.ch

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

5 Kommentare zu «Allen Dulles, César Ritz und Mr. Feelgood»

  • Liebe Frau Feldmann, das Schöne am Wandern ist, dass ich das Gefühl habe, ich hätte mir die Einkehr wirklich verdient.

  • Christian Duerig sagt:

    Die beste Geschichte von Bern:
    1905 präsentierte Albert Einstein seine Spezielle Relativitätstheorie der Weltöffentlichkeit. Nach 110 Jahren kann man den Zugang sehr leicht meistern, indem man Professor Ramamurti Shankar in Physics Fundamentals I, Lesson 12 bis 15 via You Tube folgt. Sehr schnell beherrschen Sie die Lorentz-Transformationen und können in die Welt von Albert Einstein eintauchen.
    Sie können die „Geschichte“ plötzlich richtig verstehen. Es braucht dazu nur eine virtuelle Wanderung im Internet mit Ramamurti Shankar. Sie suchen danach weitere Vorlesungen auf und verzichten auf Stalden-Creme & Kondensmilch.
    Ein schönes Wochenende. Crigs

  • Christian Duerig sagt:

    Die Beschreibung der Wanderung von Bern nach Konolfingen ist alles andere als einladend. Ich bleibe in Bern. Hier ist Geschichte.

  • irene feldmann sagt:

    wieder mal tolle bilder und ein gelungener trip, sie scheinen immer sehr hungrig zu sein………:) liegt wohl an der frischen luft…

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