Das Winterwunder von Casanna

Diese Woche auf dem gewalzten Winterwanderweg ins stille Hochtal Fondei (GR)

Ich steige in Langwies aus dem Zug und verharre, bis er über den Plessurviadukt gegen Arosa entschwunden ist – immer wieder ein schöner Anblick. Dann schnalle ich mir den Rucksack über und gehe los, hinauf ins Dorf.

Dort sehe ich das Restaurant Edelweiss, in dem ich schon zwei-, dreimal Wanderungen mit einem Bier begoss. Den stattlichen Dorfladen. Und die Kirche. Schlicht ist sie und alt, Teile datieren aus der Zeit ihrer Weihe im Jahre 1385. Ich trete ein, halte inne vor den verblassten Wandbildern, die Christi Passion zeigen.

Winters nicht mehr bewohnt

Vor der Kirche führt eine Strasse in die Höhe. Am oberen Ortsrand ein Schild, das das Ski- und Berghaus Casanna bewirbt. Zu ihm will ich. Dass es an meinem Tag offen ist, habe ich zu Hause auf seiner Website herausgefunden.

Mein Weg ist in den ersten vier Fünfteln identisch mit dem Alpsträsschen, das sich steil und zwischendurch auch einmal einigermassen flach ins Fondei vorarbeitet. Lange ist von dem Hochtal nichts zu sehen. Stattdessen ein gfürcheliges Tobel zur Rechten. Und drei Galerien, die vor Steinschlag und Schneesturz schützen.

Dann öffnet sich der Schlitz, ein weiter Bergkessel erscheint, begrenzt von hohen Gipfeln. Das Fondei. Im Kessel hocken unzählige geschwärzte Holzstadel. An einem Ort bilden Häuschen einen Weiler, Strassberg.

In früheren Jahrhunderten lebten in der Walsersiedlung Fondei 200 bis 300 Menschen. Heute ist sie, zumindest im Winter, menschenleer. Abgesehen von den Wanderern und Schlittlern und Tourenskifahrern natürlich. Und vom Haus Casanna. Was für ein Segen, dass die Parsennbahnen mit ihrem Unterfangen, das Fondei ihrem Skigebiet anzuschliessen, bis anhin nicht reüssierten.

Auf gut 1760 Metern – mein iPhone-Höhenmesser ist nicht sehr präzis – biegt die perfekt gewalzte Spur bei einem Stadel vom Strässchen nach links ab. Ein Wegweiser ist da nicht, aber bereits sehe ich vor mir das Casanna, erkennbar an der aufgezogenen Fahne. Dieses letzte Fünftel ist enorm streng, denn die vom Wirt in den Hang gelegte Spur führt in der Direttissima hinauf. Erst halb oben sehe ich, dass es zur Rechten parallel eine zweite, pfleglichere Linie gäbe. Der Hund des einzigen Wanderers, der an diesem Tag neben mir unterwegs ist, hechelt mit mir um die Wette.

Es ist ein gutes Ankommen auf 1944 Metern über Meer. Das Casanna thront erhaben unter seinem Hausberg, dem Mattjisch Horn. Von der Terrasse ist der Blick auf die Berge über dem Schanfigg berauschend; Strassberg liegt nun etwas tiefer. Hinter dem Dörfchen im Winterschlaf ist der Durannapass erahnbar. Vor allem aber ist da die Ruhe. Wenn der Wirt nicht gerade auf dem Schneemobil zu Tale rattert, hört man hier oben wenig oder gar nichts.

Der Hechelhund schläft

Ich betrete die Gaststube, setze mich. Der Hechelhund schläft unter dem Tisch bereits. Bald habe ich mein Essen vor mir: Fleischvogel mit Kartoffelstock und Gemüse, schön angerichtet im Kupferpfännli, die Sauce separat serviert. Alles schmeckt, der Einer Veltliner auch. Und nun ereilt mich das Winterwunder.

Der Aufstieg nämlich vollzog sich in einem diffusen Licht. Doch jetzt dringt plötzlich kraftvoll die Sonne durchs Fenster. Ich zahle rasch und gehe. Draussen ein Traum von Winterlandschaft. Nun einen Schlitten zu mieten, wäre schade. Zu Fuss steige ich wieder ab nach Langwies, geniesse jeden Meter und fühle mich wie ein Kind, dem ein Überraschungsgeschenk zuteilgeworden ist.

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Route: Langwies Bahnhof (an der Bahnstrecke Chur–Arosa) – Langwies Dorf – Nigg’s Egg 1492 m – Galerien – Abzweiger vom Alpsträsschen nach Strassberg links in den Hang auf circa 1760 Metern (geht man weiter, kommt ein zweiter Abzweiger zum Casanna, nach Strassberg gibt es in der Regel von diesem Punkt keine Spur) – Ski- und Berghaus Casanna. Gleicher Weg retour. Der Weg wird vom Wirt gewalzt.

Wanderzeit: Je nach Verhältnissen. Aufwärts 2 bis 2 1/2 Stunden. Abwärts 1 1/2 Stunden. Im Casanna kann man auch einen Schlitten mieten. Sehr hilfreich sind Stöcke und Schuhkrallen.

Höhendifferenz: Auf- und abwärts je 640 Meter.

Wanderkarte: 248 T Prättigau, 1: 50’000.

Charakter: Stille Wanderung, vor allem unter der Woche. Die 640 Meter im Aufstieg sind ziemlich streng. In der flacheren Mittelpartie mit den drei Galerien kann man sich erholen.

Höhepunkte: Die alte Kirche von Langwies mit den Wandmalereien. Der Dorfladen von Langwies. Der Anblick des Fondei; ein unverbautes Hochtal ohne Skirummel. Der Rundblick von der Casanna-Terrasse, die Einkehr daselbst.

Kinder: Machbar.

Hund: Machbar.

Einkehr: Ski- und Berghaus Casanna. Mi/Do Ruhetag. Gute, rustikale Küche, gemütlich. Zimmer vorhanden.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmer privatem Journal.

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3 Kommentare zu «Das Winterwunder von Casanna»

  • T. Widmer sagt:

    Danke für die Kritik und die eloquente Verteidigung. Mit den Höhenlinien und meinen alten Augen (ich rede von der Karte) ist das halt so eine Sache…

  • Martha Siegenthaler sagt:

    „Auf gut 1760 Metern – mein iPhone-Höhenmesser ist nicht sehr präzis – biegt die perfekt gewalzte Spur bei einem Stadel vom Strässchen nach links ab.“

    Wie wäre es mit einem Blick auf die gute alte Karte, Herr Widmer?

    • Stimmt, Frau Siegenthaler…..und Thomas Widmer weiss sicher wie eine solche zu lesen ist. Aber wenn er nur von der Wanderkarte schreibt, dann erhält er regelmässig Kommentare mit dem Hinweis, dass diese Info auch auf dem iPhone erhältlich wäre. He just can’t win ;-)

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