Die Fantasie vom Rubenszimmer

Diese Woche durch die Dörfer der Bündner Herrschaft (SG/GR).

R. ist an diesem Samstag mein einziger Mitwanderer, stelle ich am Bahnhof fest. Die anderen vom Grüpplein wollten frühmorgens im fetten Stadtnebel offenbar nicht daran glauben, dass gegen Chur zu die Sonne scheint.

Ist aber so! Kurz nach dem Walensee erscheint eine gelbliche Scheibe im grauen Himmel. In Sargans ist der Nebel praktisch weggebrannt. Und in Bad Ragaz, wo wir aussteigen, scheint die Sonne von einem knallblauen Himmel. R. und ich grinsen uns an. Wir habens doch gewusst!

Wein, Sonne, Autobahn

Die Sonne wird uns die ganze Wanderung über bei guter Laune halten. Auch wenn da Dinge sind, die irritieren. Aber davon später. Wir ziehen los, über die Bahnlinie, dann den Rhein hinab an dessen Westufer. Unser Tagesprogramm, das sind die vier Dörfer der Bündner Herrschaft, wie der nördlichste Teil des Bündnerlandes heisst. Jeder Schweizer kennt den Namen und lächelt selig, so er ihn hört: Dies ist das grösste Weinbaugebiet des Kantons.

Bald queren wir den Rhein, kommen kurz in einen lichten Wald, erreichen hernach Fläsch. Schnee hat es jetzt und später keinen, sofern wir nur den Blick flach halten. Heben wir ihn, sehen wir Gipfel sonder Zahl, die höheren natürlich weiss. Fesseln und faszinieren werden uns im Folgenden der Regitzer Spitz ganz in der Nähe und dahinter Falknis und Vilan. Der Gonzen und der Alvier bei Sargans. Der Fadäraspitz und der Cyprianspitz bei der Klus ins Prättigau.

Sicht toll, Wetter grossartig, Dörfer und Rebhalden schön, finden wir, während wir von Fläsch nach Maienfeld halten. Was wir nicht mögen, ist der Verkehr. Die Bündner Herrschaft hat in ihm gleich ein doppeltes Problem. Zum einen lärmt die Autobahn herüber; ich versuche mir einzureden, das massive Rauschen stamme von einem Gebirgsbach. Zum anderen ist da der Nahverkehr in und zwischen den Orten. Unsere Wanderung spielt zu gut zwei Dritteln auf Asphalt, und es ist auf diesen Strässchen ein Dauergekarre. Wenn wieder einmal ein Offroader heranbraust, treten wir kurz ins Gras und schliessen die Augen. Wir spüren die Sonnenwärme auf den Lidern und lächeln entspannter als Buddha.

Madame in Marschlins

Maienfeld, dann Jenins, dann Malans. Was nun? Die vier Dörfer der Herrschaft sind besucht, aber jetzt schon heimfahren wäre blöd. Wir müssen und wollen noch weiterwandern. Und also halten wir Richtung Ganda, gehen dort über die Landquart, ziehen vorwärts, bis ein Schloss zur Linken uns bannt. Marschlins, eine viereckige Anlage, in jeder Ecke ein Rundturm, wie man das eher im Savoyischen oder Burgundischen sieht, ist gegen die 800 Jahre alt. Der Name ist verwandt mit Deutsch «Marschen» oder Französisch «marais», kündet also von sumpfigem Boden. Tatsächlich war Marschlins einst ein Wasserschloss. Die Gräben wurden später zugeschüttet.

Gern würden wir Marschlins besichtigen, aber es ist Privatbesitz. Ich stelle mir vor, wie das wäre, an einem Tag so sonnig wie dem unseren im Aston Martin vorzufahren, dem Butler ein frohes «Hallo, Johann» zuzurufen und ihm mitzuteilen: «Wenn Madame mich sucht – ich bin im Rubenszimmer.» Doch die Wirklichkeit, die darin besteht, dass wir schlosslosen Mittelstandswanderer nun Richtung Landquart abbiegen, ist auch gut. In der Bahnhofsbuvette von Landquart sind R. und ich uns einig, dass nichts so wohltut wie Sonne im Winter. Und so bedauern wir unsere Zuhausegebliebenen von Herzen.

+++

Route: Bahnhof Bad Ragaz – westliches Rheinufer bis zur Brücke nach Fläsch – Fläsch – Plutt – Stellibovel – Maienfeld – Unter Rofels – Jenins – Neuselfi – Malans – Neu Ganda – Marschlins – Landquart Fabriken – Bahnhof Landquart.

Wanderzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 280 Meter auf-, 260 abwärts.

Wanderkarte: 237 T Walenstadt, 238 Montafon, 248 Prättigau 1:50’000.

Retour: Landquart ist ein grosser Bahnhof, Linien Richtung Zürich, St. Gallen, Chur.

Kürzer: Man kann die Wanderung in jedem Dorf beenden.

Charakter: Mildes Klima dank Föhn, flache Rebhänge, auch bei Schnee gut machbar. Geschätzte zwei Drittel auf Asphalt. Sehr empfehlenswert als Winterwanderung bei Sonne.

Höhepunkte: Die Schönheit der Dörfer der Bündner Herrschaft. Die flachen Rebhänge. Das Blau des Rheins und das Weiss der hohen Berge rundum. Das Schloss Marschlins.

Kinder: Machbar, allerdings wird in und um die Dörfer schonungslos gefahren.

Hund: Machbar, Vorsicht vor den Autos.

Einkehr: In den Dörfern.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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6 Kommentare zu «Die Fantasie vom Rubenszimmer»

  • Ernst Gabathuler sagt:

    Der verschneite Gipfel rechts vom Gonzen ist nicht der Alvier, sondern die Gauschla, die als Aussichtsberg dem Alvier in nichts nachsteht.

  • Elly Süsstrunk sagt:

    hallo Thomas Widmer

    Als Einwohnerin von Fläsch habe ich ihren Wanderbericht aufmerksam gelesen.
    Schade, dass Sie bei ihren Recherchen nicht auf den Wein-Wanderwg gestossen sind.
    Dieser Weg führt von Fläsch nach Malans mitten durch die Rebberge, es muss ausser durch die einzelnen Dörfer, keinen Meter auf den öffentlichen Strassen gewandert werden. Vielleicht gegegnen Ihnen ein paar Velos, aber sicher keine Autos.

    Informieren Sie sich das nächste Mal über Routen abseits der befahrenen Strassen, die finden Sie in der Bündner Herrschaft mehrfach.

    Beste Grüsse
    E. Süsstrunk

  • Thomas Widmer sagt:

    Danke für den wertvollen Hinweis, Reto, die zwei Fehler sind korrigiert.

  • hallo thomas

    ich danke für den interessanten bericht.
    ich bin in dieser gegend auch schon gewandert. die rebhänge mit dem guten wein erinnerten mich an meine
    heimat dem wallis. ich kann diese wanderung allen empfehlen.
    viel spass.

    gruss von
    raphael wellig

  • reto sagt:

    fläsch ist das nördlichst gelegene dorf der herrschaft, ebenso liegt der gonzen nördlich der ganzen route…

  • irene feldmann sagt:

    sensationaller bericht und absolut tolllleeeee bilder, danke vielmals…………

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