Surprise um Surprise am Bielersee

Diese Woche von Sutz den Bielersee entlang nach Erlach (BE).

Die Wanderung am Bielersee begann damit, dass wir nicht wanderten. Es lag kein Schnee an jenem Samstag, die Sonne blitzte von einem makellosen Himmel, blau räkelte sich der See vor unseren Augen. Perfekte Gehverhältnisse also. Doch hatten wir versprochen, in unserem Startort Sutz bei Simone und Roland vorbeizuschauen, Wanderfreunden, die dort wohnen. Und also hielten wir fünf Minuten nach dem Wanderstart schon wieder an.

Simone und Roland servierten Kuchen, Kaffee und Tee, wir plauderten und lachten. Bloss Anita machte nicht mit. Sie hatte die Jacke anbehalten, sagte gar nichts, sass geraden Rückens auf ihrem Stuhl und hielt den Blick starr aufs Fenster gerichtet. Ihre Körpersprache sagte: «Hey, Leute, ich bin nicht zum Altersheimplausch gekommen. Ich will jetzt raus, so ein Wintertag ist kurz, die Sonne wird nicht ewig scheinen.»

Entenjagd im Röhricht

Sie hatte ja recht. Wir zogen daher bald wieder los – und um etwas Grundlegendes dieser Route gleich zu Beginn festzuhalten: Immer wieder waren da Dinge am Weg, die uns überraschten und bereicherten. Es begann mit einem prächtigen Anwesen samt Zierpavillon und Park noch in Sutz. Das von Rütte-Gut, ein patrizisches Landgut, gab uns eine Anschauung von der Herrlichkeit der reichen Berner von einst.

Anschliessend ein Steg, der auf den See hinaus zu einer Art Ausstellungspavillon führte. Die Bielersee-Gegend ist ein alter Zivilisationsraum. An dieser und anderen Stellen siedelten schon vor tausenden Jahren Menschen; sie lebten ufernah, jagten Enten im Röhricht, fischten im flachen Wasser. Die traumhafte Aussicht hatten auch sie schon: Vom Steg blickten wir hinüber zum Chasseral, dessen sanfte Schneekappe ihn dem Kilimandscharo anglich.

Das Gehen mal direkt am Ufer, mal in einiger Entfernung leicht erhöht mit noch mehr Seeblick machte uns froh. Wir passierten das Elektrizitätswerk mit Wehr an der Einmündung des Hagneck-Kanals, dann eine monumentale Baustelle und langten schliesslich in Lüscherz an. Ich hatte im «3 Fische» reserviert, einem Lokal, das ich von früher kannte und schätze. Und wieder war das Essen hervorragend, wir nahmen natürlich alle Fisch in allen möglichen Variationen. Und weil für uns das Motto gilt: «Wenn du in Rom bist, so tu wie ein Römer», verhielten wir uns am Bielersee wie die Leute vom Bielersee. Wir tranken Wein, und zwar nicht wenig.
Leicht beduselt verliessen wir das Lokal. Die Sonne war immer noch da. Das folgende Stück war anstrengend, eben weil wir gegessen und getrunken hatten. Der Weg führte durch den Wald auf die Hofmannsfluh.

Dinkelpops fürs Müesli

Dann wieder eine Surprise: die Kirche von Vinelz auf einer Terrasse über dem See. Das Gotteshaus wurzelt tief in der Romanik und ist begehrt als Ort für Hochzeiten und Taufen. Hier Pfarrer sein, dachte ich: Das wäre ein Herrenleben, heieiei!

Wir stiegen ab in den unteren Dorfteil, fanden den grossen Hofladen der «Meuter Obstbau» offen vor, deckten uns ein mit Käse, Zopf, Sirup und dergleichen, herrlich. Auch Dinkelpops fürs Müesli kaufte ich. Hernach ein schönes Auslaufen dem See entlang, bis die Wanderung in Erlach endete. Halt, das ist zu nüchtern geendet! Das Städtchen Erlach ist ein Ereignis – ein Adelsnest mit festgefügten Gassen und Schloss. Erlach, das war der würdevolle und würdige Schlusspunkt unser Wanderung.

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Route: Sutz Station – Seeufer – Hagneckkanal – Lüscherz – Hofmannsfluh – Vinelz – Seeufer – Erlach.

Wanderzeit: 4 Stunden.

Höhendifferenz: 170 Meter aufwärts, 190 abwärts.

Wanderkarte: 232 T Vallon de St-Imier, 1: 50 000.

Retour: Verschiedene Buslinien von Erlach (Ins, Le Landeron, Lüscherz) jeweils mit Bahnanschluss.

Charakter: Leichtes Gehen am See mit Champagnerwirkung auf das Gemüt. Einzig der Aufstieg zur Hofmannsfluh ist ein wenig anstrengend. Vorsicht, Abbruchkante auf der Fluh!

Höhepunkte: Das von Rütte-Gut in Sutz. Die Küche im 3 Fische in Lüscherz. Der Blick von der Hofmannsfluh. Die herrliche alte Kirche (Romanik) von Vinelz.

Kinder: Gut machbar. Vorsicht, Seeufer! Speziell beim Hagneckkanal und im Bereich der Hofmannsfluh muss man Kinder beaufsichtigen.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Sehr zu empfehlen ist das 3 Fische in Lüscherz. Mi/Do geschlossen.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Blog.

7 Kommentare zu «Surprise um Surprise am Bielersee»

  • Ana sagt:

    ein dickes dankeschön!
    erstens; für die wundervollen wandertipps die wir (mit unterschiedlichen wanderspönlis), im laufe der jahre dank thomas widmer kolumne, blog und bücher erleben durften.
    und konkret zweitens: für den gestrigen sonntagsausflug (nach langem knie leiden).
    ich kenne vor allem die gegenüberliegende seeseite sehr gut (liebe auch das chasseral) und war angenehm überrascht.
    der perfekt- gemütliche saison start am bielersee. wir haben es besonders bequem angehen lassen und uns den aufstieg nach dem essen gleich erspart. es war nicht nur sehr fein im restaurant 3 fische, sondern eine der gastfreundlichsten wirtenfamilien die ich je erlebt habe. frau girsberger persönlich hat es sich nicht nehmen lassen, uns zum bahnhof gefahren. weil, wir ansonsten (sonntagsfahrplan) den zug glatt verpasst hätten. der volle bauch war dankbar und wir überglücklich!
    nochmals; merci bien thomas!

  • Thomas Widmer sagt:

    Vielen Dank für die diversen Tipps, Ergänzungen, Komplimente. Das Kirchlein in Ligerz habe ich bereits besucht und darüber geschrieben, herrlich, liebe Frau Maier.

  • Jutta Maier sagt:

    Wenn Ihnen alte Kirchen gefallen, sollten Sie mal die Kirche in Ligerz (gegenüber Vinelz) besuchen. Schon Rousseau genoss den Blick über die St. Petersinsel und bis zu den Alpen hin.

  • Roland K. Moser sagt:

    Salat statt Wein; Herr Widmer.

  • hallo thomas

    ich kenne diese wanderung.
    überhaupt bietet der jura südfuss eine fülle von sehr schönen wanderungen. ich habe diese wanderung im oktober
    unternommen. die herbstfarben waren prächtig.
    ich wünsche allen eine schöne wanderung.

    gruss von
    raphael welllig http://www.raphaelwellig.ch

  • Hannes Estermann sagt:

    Diese Strecke ist aus unserer Erfahrung im Herbst für schöne für Bilder und angenehmsten Wanderwetter.
    Ebenfalls währe die sehr schöne Erlacher-Oberstadt zu empfehlen. Bild 11zeigt tatsächlich die grässlichste Meile von Erlach! Transitverkehr und lauter leerer Einkausläden.
    Freue mich jeden Freitag auf ihre Wanderungsvorschläge,die wir sehr oft in circa (!) nachahmen. Danke schön!

  • Markus Nobs sagt:

    Guten Tag Herr Widmer. Ich war letzten Sonntag auf einer ähnlichen Fusswegroute und habe meine Eindrücke auf http://www.aarberger.ch festgehalten (auch ein Blog :-). Lustig, wir haben teilweise das selbe erlebt. Ich hatte auch in Lüscherz zu Mittag gegessen (allerdings im Surf) und der Aufstieg danach (mit zu vollem Magen) auf die Hofmannsfluh hat mir recht zugesetzt. Ich fühlte mich wie Krösa Maja in Michel von Lönneberga, als sie alle Blut- und Leberwürste selbst aufgegessen hatte. Es war eine schöne Wanderung – mein kleiner Hund und ich gingen dann (gezwungenermassen) noch bis Le Landeron weiter…. Viel Spass bei Ihren weiteren Entdeckungen und alles Gute!

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