Der tiefergelegte Winterwanderer

Diese Woche zur Druesberghütte im Hoch-Ybrig-Gebiet (SZ)

Das Postauto füllte sich in Einsiedeln nur zur Hälfte. Ein Werktag, ein Schultag im Januar halt. Ein paar Jungsnöber im Prä-Bartwuchs-Stadium setzten sich ganz hinten. Sie waren vielleicht 15, 16 Jahre alt, einige tranken Bier aus grossen Dosen, und ich dachte: Gott sei Dank muss ich nicht mit denen eine Piste teilen.

Die Fahrt nach Weglosen, also zur Talstation der Hoch-Ybrig-Seilbahn, war mir wieder einmal ein Vergnügen. Diese Gipfel rundum! Der Fluebrig kann jederzeit mit dem Pilatus mithalten, was seine Verdrehtheit und dezentrale Zackerei angeht.

Widmer macht den Affen

Weglosen, Endstation. Die Snöber wackelten in jenem seltsamen Gang, der stets an Leute nach einer Hüftoperation erinnert, zur Bahn. Ich trank, denn es war erst Viertel nach neun Uhr, einen Kaffee im Rondell-Bungalow bei der Bahn. Und dann zog ich los. Mein Ziel: die Druesberghütte gut 550 Meter höher.

Das Parkfeld, hernach das Alp- und Forststrässchen, das die Hüttenbesitzer winters für die Wanderer freiräumen, war totalvereist. Ich nahm jene affenartig gekrümmte Körperhaltung ein, bei der der Schwerpunkt tiefer liegt. Dabei murmelte ich zu mir selber: «Bist ein Tubel, Widmer! Hast wieder einmal die Schuhkrallen zuhause liegenlassen.»

Weiter oben wurde es besser – und wenn ich nun die Route bis zur Hütte zusammenfassen darf: Es geht, bisweilen im Wald, stetig, aber nie brutal aufwärts. Man sieht die unglaublichsten Berge wie den Roggenstock, den Schülberg, das Pfannenstöckli, den Twäriberg, den Forstberg und den Druesberg. Und man ist, jedenfalls unter der Woche, einigermassen allein. Okay, da waren hinter mir zwei, drei Tourenskifahrer. Aber die blieben mit ihren Fellen bald zurück.

Schliesslich erblickte ich die Hütte samt einem nahen Kapellchen. Sie liegt auf einer Terrasse vor dem Druesberg, den man an seiner markanten Form gleich erkennt. Er ist oben fast waagrecht und aus Horizontalbändern komponiert, wobei die senkrecht abfallenden Wandpartien schwarz bleiben, die Zwischenfluhen aber Schnee tragen. Das geometrische Helldunkelspektakel, eine Art Zebraeffekt, ist so auffällig, dass man den Druesberg auch aus der Ferne sofort erkennt. Zum Beispiel, bei Föhnwetter, von der Zürcher Quaibrücke aus.

Ich trat ein, und nicht zum ersten Mal fiel mir auf, wie sauber, aufgeräumt, hell, angenehm sich diese Hütte präsentiert. Bald hatte ich einen hausgemachten, pardon: hüttengemachten Schoggikuchen vor mir und einen Tee. Das Gas-Cheminée, in dem hohe Flammen züngelten, machte mich vollends froh.

Der rote Plastikrenner

Beim Zahlen musste ich eines wissen: Warum die Hütte draussen mit «Druesberghütte Plus» angeschrieben sei? Die Hüttenwartin erklärte mir, mit dem «Plus» sei der Anbau gemeint. Aha. Oha. Ich fragte mich kurz, wie der Name lauten würde, wenn eventuell ein zweiter Anbau dazu käme: «Druesberghütte Doppelplus?»

Dann brach ich auf. Respektive: Ich nahm auf dem Mietschlitten Platz und fuhr los. In den nächsten zwanzig Minuten musste ich den roten Plastikrenner hart disziplinieren; meine Schuhe waren als Bremsklötze im Dauereinsatz. Unten beim Schlittendepot atmete ich durch, schnaufte auf. Fünf Minuten später tappte ich erneut über das Eisfeld der Weglosen. Nun fielen mir die Biersnöber vom Morgen wieder ein – hoffen wir, dass keine Sportverletzung ihre Restpubertät trübt.

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Route: Weglosen/Talstation der Seilbahn auf den Hoch-Ybrig (Bus ab Bahnhof Einsiedeln) – Chäserenwald – Ober Grueb – Druesberghütte.

Wanderzeit: Je 1 1/2 bis 2 Stunden für den Auf- und Abstieg abhängig von den Verhältnissen. Der Weg wird unterhalten und ist deshalb den ganzen Winter über benutzbar.

Höhendifferenz: Je 550 Meter im Auf und im Abstieg.

Wanderkarte: 236 T «Lachen», 1: 50 000.

Retour: Selber Rückweg Weglosen – Einsiedeln.

Tipp: In der Druesberghütte kann man Schlitten mieten. Oder einen Schneegämel, also eine Kombination aus Velosattel und einem Ski. Vorsicht, wenn die Steilpartien des Strässleins vereist sind. An wenigen Stellen verläuft die Strasse über einer steilen Wand!

Charakter: Ein kontinuierlicher, nicht allzu strenger Aufstieg. Viel Sicht auf grandiose Berge. Kein Rummel; die Masse der Wintersportler im Ybrig nimmt die Seilbahn.

Höhepunkte: Twäriberg, Druesberg, Forstberg aus der Nähe. Die Stille der Schneelandschaft. Die Einkehr in der Hütte. Die rasante Abfahrt auf dem Schlitten.

Kinder: Vorsicht bei der Schlittenfahrt.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Druesberghütte. Sie ist durchgehend offen bis zum letzten Märzsonntag. Sehr gute, rustikale Küche, sauberes und gemütliches Lokal.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.ch

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