Laufen bis zum Liebestod

Ein Gastblog von Christian Andiel*.

Mit Musik lässt sich die Laufleistung um bis zu 15 Prozent steigern: Ein Jogger läuft während eines Sonnenuntergangs. (Bild: flickr.com/whologwhy)

Mit Musik lässt sich die Laufleistung um bis zu 15 Prozent steigern: Ein Jogger läuft während eines Sonnenuntergangs. (Bild: flickr.com/whologwhy)

Hiermit oute ich mich als laufender Kopfhörerträger. Das ist bei vielen Läufern und Joggern verpönt, aber das ist mir wurscht. Ich laufe oft allein, und ohne Musik würde ich dabei vermutlich jämmerlich zugrunde gehen – vor Langeweile. Hört mir auf mit «Naturerlebnis» und «purem, ungetrübtem Lauferlebnis»! Ist der Autolärm in Zürich besser? Oder das Gerede und manchmal auch Gezeter der Spaziergänger an der Limmat? Eben. Musik ist immer noch die bessere Lärmquelle. Und sollte ich einmal ganz alleine im Wald unterwegs sein, bringt sie Unterhaltung und Abwechslung und hält mich am Laufen.

Nun stellt sich die Frage: Welche Musik wird auf den iPod geladen? Da gibt es für mich zwei Grundüberlegungen: Entweder werden neue CDs oder Songs berücksichtigt. Oder es wird (das ist meine häufigere Wahl) eine Art «Best of» von iTunes zusammengestellt. Alles logischerweise im Zufallsmodus – der Überraschung wegen. Das ist – natürlich – eine schwer individuelle Geschichte. Mir ist zum Beispiel mal aus Versehen die «Liebestod»-Arie aus Wagners «Tristan und Isolde» draufgerutscht, und sie kam prompt am Ende eines ganz langen Ausflugs und hat deshalb angesichts der körperlichen Verfassung perfekt gepasst.

Leistungssteigerung von bis zu 15 Prozent

Man kann aber natürlich auch nach wissenschaftlichen Aspekten vorgehen. Der englische Sportpsychologe Costas Karageorghis ist nach jahrelangen Forschungen zum Thema überzeugt, dass sich mit Musik die Laufleistung um bis zu 15 Prozent steigern lässt. Er erstellt regelmässig Playlisten, die vom März 2013 beginnt mit «Yeah Yeah» (Willy Moon, 108 Beats pro Minute), sie geht über «Gangnam Style» (Psy, 132 bpm) und endet mit Michael Jacksons «Beat it» (140 bpm). Die Beats pro Minute sind für Karageorghis der entscheidende Massstab, für eine durchschnittliche Laufeinheit sollen sie zwischen 120 und 140 betragen. Woher aber weiss ich, wie viel bpm ein Song hat? Da hilft wiederum die Music-Database-Seite von Dave Tompkins. Dort findet man unendlich viele Songs nach ihrer Anzahl Beats aufgelistet.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Mir sind die bpm eigentlich egal (ich wollte meine Leidenschaft für Musik beim Laufen nur wissenschaftlich untermauern). Ich entscheide aus dem Bauch heraus. Hab aber gemerkt, dass zum Beispiel die Songs von Faithless perfekt passen, weil sie eine Art Rhythmus-Teppich unterlegen, auf dem sich perfekt laufen lässt. (Ihre bpm-Rate liegt zwischen 125 und 160.) Das gleiche gilt für Smashing Pumpkins, Yo La Tengo, TV on the Radio und die Pet Shop Boys – Lieder, die nicht aufhören sollten und deshalb ideal geeignet sind, die manchmal mühsame, ermüdende Welt des Laufens hinter sich zu lassen.

Und wenns am Ende, nach vielen Kilometern und Anstiegen, richtig mühsam wird, dann hilft in der allergrössten Not immer noch der «Liebestod».

Meine Top 10 der aktuellen Playlist:

  1. «Pinwheels» (Smashing Pumpkins)
  2. «Keep the Car Running» (Arcade Fire)
  3. «Bloodbuzz Ohio» (The National)
  4. «The Glorious Land» (PJ Harvey)
  5. «The Boy with the Arab Strap» (Belle & Sebastian)
  6. «Altes Fieber» (Die Toten Hosen)
  7. «Endless Summer» (The Jezabels)
  8. «Ritalin» (Kraftklub)
  9. «Walk Like a Giant» (Neil Young & Crazy Horse)
  10. «Loud Like Love» (Placebo)

Welche Lieder haben Sie auf Ihrer Jogging-Playlist?

*Christian Andiel ist Sportredaktor und Produzent beim «Tages-Anzeiger».

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19 Kommentare zu «Laufen bis zum Liebestod»

  • Jan Kunz sagt:

    Das Ammenmärchen mit der Leistungssteigerung hält sich hartnäckig. Es stimmt zwar dass man mit der entsprechenden Musik am Ohr gefühlt leichter rennen kann oder einen Motivationsschub bekommt. Dann rennt man schneller, aber dem Herz, Atmung und der Pulsfrequenz ist es letztendlich wurscht wieso man schneller rennt. Das Herz-Kreislaufsystem muss dann mehr arbeiten also nix mit 15 % Leistungssteigerung. Es fällt einem vielleicht mental leichter diese Mehrleistung zu bringen aber der Körper muss dann auch mehr leisten so einfach ist das.

    Und ob jemand mit Musik rennt muss jeder selber entscheiden, aber es wäre schön wenn das in einer Lautstärke passieren würde, die noch eine Kommunikation mit der Umwelt zulässt. Läufer die mitten im Weg rennen und selbst durch lautes Rufen oder Klingeln (velo) auf keine Warnung reagieren, gefährden sich und ihre Mitmenschen.

  • Otto Liebschitz sagt:

    Es geht nichts über das Geräusch des kräuselnden Bierschaumes. Aber dazu muss man ganz leise sein.

  • Roland k. Moser sagt:

    Gehen Sie doch aufs Laufband Herr Andiel. Alle, welche mit zugestöpselten Ohren und Musik rumlaufen müssen.

  • Caroline sagt:

    probiert ‚Happy‘ von C2C – der Motivationssong schlechthin! Ansonsten sind die Playlists von ‚Our Clean Journey‘ (Sport- und Ernährungsblog) ziemlich cool.

  • Franz der Kann's sagt:

    lade mir immer den aktuellen Podecast von DRS-Virus – Mental X herunter, da läuft es sich von selbst

  • Sebastian sagt:

    Ab und wann renne ich auch mit Kopfhören – besonders bei langen Läufen von 2 Stunden plus. Als Musik kann ich Feint bestens empfehlen. Oder wie schon erwähnt die diversen Pod-Casts oder auch Hörbücher.

    Wichtig: Bitte die Lautstärke so anpassen, dass die Umwelt noch wahrgenommen werden kann. Dient nicht nur zum Selbstschutz.

  • Charles Hodson sagt:

    Dass Songs von Faithless und ähnlichen Künstler gut passen, kommt nicht von irgendwo her. „Club Mixes“ aus den Genres House, Progressive, Electro, Tech haben oft Tempi im Bereich 150-156bpm. Der regelmässige Läufer stellt dabei fest, dass dies in etwa mit der Trainingspulsfrequenz übereinstimmt… Mit der Faustregel (220-Alter) im aeroben Bereich (80-85%) lässt sich dies gut berechnen:

    Bsp. 35jähriger (220-35) = 185, davon 80-85%, also zwischen 148 und 157.25 beats per minute (bpm).

    Die Musik unterstützt zudem die Atemtechnik, da bei diesen Tempi meist auf den zweiten Schlag ein- resp. ausgeatmet werden kann.

  • rené sagt:

    sagen sie mal, zum beispiel dem mo farah (olympiasieger über 5 und 10’000 m), er hätte eine 15 prozentige leistungssteigerung wenn er denn mit musik laufen würde…

  • Robert sagt:

    Ausser bei Wettkämpfen, jogge ich immer mit Musik. Ich renne meistens um den Greifensee am Wochenende und geniesse immer in vollen Zügen die Natur UND die Musik. Ich denke beides ist möglich, aber jeder soll so laufen wie es ihm beliebt.
    Ich renne meistens mit klassischer Musik. ZB. Claude Debussy, Otorino Respighi oder Maurice Ravel an einem Sonntag Morgen zu hören in der freien Natur wärend dem Joggen ist Lebensqualität und Erholung vom Stress pur!!

  • Pat sagt:

    Komtt druaf an was das Ziel und wie die Stimmung ist: will ich einen intensive Run zum auskotzen, dann rockt Metallica, oder auch AC/DC, Rainbow etc.. Soll’s nen ‚gemütlichen‘ Dauerlauf werden, dann ist bei mir z.B. Red Hot Chilli Pepper Favorit oder Nirvana, Pearl Jam etc.

  • Roland K. Moser sagt:

    Nein Danke!

  • Pete sagt:

    Mein Liebling: „surfing with the alien“ von Joe Satriani – für ein züges Tempo! (gem. Internet 89 BPM – aber x2, da man die Zwischentakte auch läuft) Und mit 4:23 perfekt / KM.

  • daniel sagt:

    dort wo ich laufe liegt musik nicht drin. meine immer variierenden laufstrecken erfordern die volle konzentration aufs terrain – aber jedem das seine ;-)

  • Anastasia sagt:

    Ich laufe praktisch auch nur mit Musik. Meine Favoriten sind „on top of the world“ von den Imagine Dragons, „the conversation“ von Texas, „waiting for the night“ von Nelly Furtado und noch unzählige andere. Es kommt auch immer auf die Stimmung an was ich gerade am liebsten höre.

  • NinaZ sagt:

    Ich empfehle Podcasts aus den favorisierten Themengebieten. Natürlich ist Musik gäbiger: Sie kann den Lauftakt vorgeben. Aber ich wollte immer mitsingen… und das war dann doch zuviel zu tun für meine Lunge.

    • Luise sagt:

      Haha, kenn ich mit dem mitsingen… geht schlecht und ist echt peinlich, wenn man jemandem begegnet

  • Annina Kopp sagt:

    Vor kurzem bin ich einen zweistündigen lockeren Dauerlauf zu „Nachtwach – Telefontalk“ gelaufen. War wunderbar und hat mich daran gehindert, zuviel Tempo zu verpuffen :-)

  • Burmeister Annette sagt:

    „eye of the tiger“!

  • Luise sagt:

    Ich liebe es auch, mit Musik zu laufen und abzuheben. Obschon ich als ältere Frau oft erstaunte, ja tadelnde Blicke ernte, wenn ich mit Kopfhörern durch die Gegend renne. Egal. Ich finde die Musik meiner Jugendzeit immer noch toll. Für mich geht nichts über Rolling Stones – Mick Jaggers Stimme vermag mich zu Höchstleistungen anzutreiben.

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