Wanderung zur gelben Wespe

Zu Fuss Diese Woche von Diessenhofen nach Stein am Rhein (TG/SH)

Dies ist die letzte Wanderkolumne im alten Jahr, und wenn ich deswegen ein wenig grundsätzlich werden darf: Besonders faszinierend an der Wanderei finde ich, wie man in verschiedenen Zeiten geht, in diversen Kulturen und Welten – das macht die Sache sozusagen unbanal.

NSA in Diessenhofen?

Diesmal waren wir schon zu Beginn mit zwei Epochen konfrontiert. Diessenhofen, Kanton Thurgau, ist ein Mittelalterstädtchen. Wir hielten vom Bahnhof hinein ins Zentrum, erforschten im beissenden Frost die alten Gassen, mochten die Wahrzeichen des Ortes, den Siegelturm und die gedeckte Holzbrücke.

Gleichzeitig unterhielten wir uns über die Gegenwart. In Diessenhofen ist mittlerweile das Rechenzentrum des Finanzdienstleisters Swift in Betrieb gegangen. Es ist eines von dreien weltweit, durch die täglich Millionen Bank-Transaktionen abgewickelt werden. Diesen Herbst gab es Meldungen, wonach der amerikanische Geheimdienst NSA die Geldströme überwache. Swift bestritt das umgehend.

Unser simpler Plan war es nun, den Fluss entlang nach Stein am Rhein zu halten. Nach dem Hänkiturm hatten wir Diessenhofen hinter uns. Erfreulicherweise hockt in dem Namen kein Henker; vielmehr wurden in dem hohen Gebäude die Stoffbahnen einer Färberei aufgehängt.

Dies ist eine Wanderung ohne viel Höhendifferenz, teils geht man am Fluss, teils in einiger Distanz zu ihm. Schuhkrallen wären gut gewesen, stellten wir fest. Streckenweise war der Weg mit einer Eisschicht überzogen. Wir mussten vorsichtig gehen. Niederflurhund Emil auf seinen vier Pfoten wirkte als einziger stabil und souverän.

Beim Campingplatz Ziegelhütte war ein Mann daran, ein gewaltiges Holzfeuer zu nähren. «Die Fischer kommen zum Zmittag», sagte er. Wir liessen den Satz so stehen, in seiner mythischen Kraft.

Die Explosion von 1944

Im Riegelbau-Restaurant Schupfen hätten wir daraufhin einkehren können; zu früh für uns! Nach Rheinklingen erblickten wir die Brücke hinüber nach Hemishofen. Gleich vor ihr querten wir alsbald ein Waldstück namens Tschungel; es heisst so, weil es feucht, sumpfig und verbuscht ist. Ein Gedenkstein und ein Kreuz erinnern an den 17. Juni 1944. Damals lagerten hier in einer Baracke Soldaten, als Anti-Panzer-Minen explodierten. 10 Mann starben. Wer schuld hatte, wurde nie geklärt.

Ein steiler, rebenbestandener Hügel auf der Nordseite des Rheins in einiger Ferne noch: die Burg Hohenklingen über Stein, das die Einheimischen «Staa» aussprechen. Stein stand gut 300 Jahre unter Zürcher Herrschaft, bis Napoleons Truppen die Schweiz 1798 umkrempelten. Stein kam zu Schaffhausen, bemühte sich später, wieder Zürich zugeschlagen zu werden, vergebens. Die Schaffhauser haben seither einen Zugang zum Bodensee.

Durchfroren querten wir die Brücke über den Fluss, gelangten ins Städtchen, stürmten die erste offene Wirtschaft. Keine schlechte Wahl. Im Klosterstübli wirtet ein serbisches Paar. Ich hatte ein Schweinssteak an einer scharfen Sauce, die mir noch kein Schweizer Wirt serviert hat. Und hernach tranken wir einen Slibowitz «Zuta Osa», was offenbar «gelbe Wespe» heisst. Er wärmte angenehm auf dem Weg zum Bahnhof.

Jetzt wünsche ich, liebe Leserinnen und Leser, ein gutes 2014. Ich hoffe, dass wir weiter zusammen durchs Land ziehen, durch seine Geschichte und Gegenwart, durch seine Gegenden und Szenerien.

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Route: Diessenhofen Bahnhof – Diessenhofen, Stadt – Hänkiturm – Restaurant Schupfen – Rheinklingen – Wagenhausen – Rheinbrücke – Stein am Rhein – retour über die Brücke zum Bahnhof von Stein am Rhein.

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: nur gut 100 Meter auf und ab.

Wanderkarte: 405 T «Schaffhausen-Stein am Rhein», 1: 50’000.

Verlängerung: Von Stein am Rhein über den Stammerberg nach Unterstammheim und zur Station Stammheim in zusätzlichen 2 1/2 Stunden. Coupierte Route durch den Wald. Auch der Spaziergang von Stein hinauf zur Burg Hohenklingen lohnt.

Charakter: Leichtes Gehen am Rhein, dazwischen in einiger Entfernung zum fluss. Einiger Hartbelag. Reben, Felder, Wiesen. Viel Historie am Anfang in Diessenhofen und am Schluss in Stein am Rhein.

Höhepunkte: Diessenhofens mittelalterliche Gassen. Der bleigraue Winterrhein. Der Anblick der Burg Hohenklingen über Stein am Rhein. Steins alte Gemäuer.

Kinder: Bestens machbar, natürlich muss man die Kinder am Fluss beaufsichtigen.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Restaurant Schupfen eine halbe Stunde nach Diessenhofen. www.schupfen.ch. 27.12. bis 29.12. offen. 30.12. Ruhetag. 31.12. mittags offen, abends Silvesterparty. 01.01. Neujahrsbrunch von 10 bis 16 Uhr, abends geschlossen.  02.01 bis 04.01. offen. –Mehrere Restaurants in Stein.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

6 Kommentare zu «Wanderung zur gelben Wespe»

  • hallo thomas

    danke für den interessanten tipp.
    werde ich machen. ich wünsche allen im 2014 viele schöne touren.

    gruss von
    raphael wellig

  • Katharina I sagt:

    „Schuhkrallen wären gut gewesen“ – dann hat man Ihnen wohl auch die „super rutschfesten“ Vibram-Sohlen „speziell für den Winter“ verkauft… Meine rutschen sogar schon auf nassen Steinen auf ganz normalen Wanderwegen, von querfeldein ganz zu schweigen.

  • René Edward Knupfer sagt:

    Wer an Zeitgeschichte interessiert ist, sollte es zu Beginn der Wanderung nicht versäumen, Diessenhofens badischem Nachbarort Gailingen, unmittelbar ennet dem Rhein, einen Besuch abzustatten. Das dortige, kleine aber feine Jüdische Museum im Gailinger Bürgerhaus (dem einstigen jüdischen Schul- und Gemeindehaus) vermittelt einen packenden Einblick in die tragische Geschichte dieser einst blühenden jüdischen Gemeinde, einer der bedeutendsten Süddeutschlands, welche, wie so viele andere, 1938 Opfer des Holocausts geworden ist.
    Das jüdische Museum Gailingen befindet sich im Ortskern, unweit der Grenzbrücke über den Rhein und ist zu Fuss in wenigen Minuten erreichbar.

    Jüdisches Museum Gailingen
    D-78262 Gailingen am Hochrhein, Ramsener Straße 12
    Telefon: +49 (0) 7734-934226 – E-Mail: info@jm-gailingen.de
    Öffnungszeiten des Museums:
    Werktags von 9.00 bis 16.00 Uhr, gerne auch am Wochenende nach vorheriger Vereinbarung

    Falls man noch etwas zusätzliche Zeit für die Erkundung des jüdischen Gailingens aufwenden möchte: droben am Waldrand, unterhalb des Bürgli-Schlosshügels, wäre auch der alte jüdische Friedhof zu besichtigen (LK 698278, 284254); – vorgängige Anfrage im Museum empfohlen, ob der Judenfriedhof offen und frei zugänglich.

  • Thank you, Thomas, for another successful year of interesting hiking-route descriptions of your Swiss „explorations“ . I make it a point to read each and everyone of them weekly and I’m looking forward to another series in 2014.

    Entschuldigen Sie bitte dass ich mich vorher im English ausgedrückt habe….konnte aber auf Deutsch nicht die richtigen Wortausdrücke finden.

    Es guets Neuss und beschti Gsundheit im 2014.

    Grüsse aus Kanada
    André

  • Roman Sigg sagt:

    Also so schlimm sind die Beizen in Stein am Rhein auch nicht. Vor allem jetzt im Winter ausserhalb der Saison. Ich empfehle in Stein am Rhein das Schiff. Wer es etwas defitger mag, sollte sich ins Klosterstübli begeben. In beiden Restaurants wird handwerklich sauber gearbeitet und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.

    Ich finde übrigens die Route via Gailingen-Hemishofen auf dem anderen Ufer landschaftlich reizvoller.

  • Karl Eigenmann sagt:

    Der „Spaziergang“ gibt mehr her, wenn man damit nicht in Diessenhofen beginnt, sondern in Schlatt oder gar in Langwiesen (so bekommt man sogar einen 3-Kantons-Spaziergang hin: ZH-TG-SH). Vom Bahnhof Langwiesen in Richtung Alt-Paradies (altes Kloster), Petri (Badewiese mit nahem Vogelschutzgebiet), dann durch den Scharen auf einem gemütlichen Waldweg am Rhein entlang, nach St. Katharinental (auch ein altes, sehr schönes Kloster) und von da nach Diessenhofen (oberhalb des St. Katarinentals wurde das SWIFT-RZ gebaut – eine Faust aufs Auge – sieht eher wie ein Hochsicherheitsgefängnis aus – hätte es echt nicht gebraucht). Essen würde ich nicht in Stein am Rhein (-> Tourifallen), sondern in der Krone in Diessenhofen, gleich bei der Holzbrücke (der Wirt legt grossen Wert auf frische, regionale Produkte, insbesondere auch Fisch). Apropos: der Rhein ist nicht nur ein Fluss, er ist ein Strom und zwischen Rheinfall und Bregenz auch Bestandteil einer der wohl schönsten Gegenden überhaupt! Zudem sollte dieser Spaziergang eher in den Sommermonaten gemacht werden, dann kann man sich auch noch im wundervollen Wasser des Rheins erfrischen…

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