Der Traum von der helvetischen Wasserstrasse

Diese Woche zum historischen Canal d’Entreroches (VD)

Die Schweiz des 17. Jahrhunderts hat einen Traum: eine Wasserstrasse von der Nordsee zum Mittelmeer. Frachtkähne würden von Rotterdam auf dem Rhein über Basel nach Koblenz fahren, dann die Aare hinauf via Bielersee zum Neuenburgersee. Das Problem sind die 40 Kilometer von Yverdon via die Zihl und die Venoge zum Genfersee und zur Rhone – diese Kilometer müssen zuerst schiffbar gemacht werden. 1638 beginnen Arbeiter in der Ebene der Orbe südlich des Neuenburgersees mit dem Bau des Canal d’Entreroches.

Durch diese Ebene fahren Wanderfreund Stefan und ich eines hellen Tages. Wir wollen die Reste des Kanals besichtigen. Er blieb Stückwerk: Die Investoren scheiterten damals, nachdem ein Gutteil des Kanals gebaut war, an der Venoge. Das Geld reichte nicht mehr für die vielen Schleusen hinab zum Genfersee.

Durch die Klus des Mormont

Bei der Station Eclépens abseits des gleichnamigen Dorfes steigen wir aus und ziehen auf dem Wanderweg los zum Canal d’Entreroches. Benannt ist er übrigens nach der Klus durch den Berg Mormont, der hier aus der Ebene wächst. Eng ist die Klus von Entreroches. Rechterhand ein Graben, überwuchert, verkrautet, mit Buschwerk verdeckt: der Kanal! Auf einer Infowand ist seine Geschichte ausgebreitet.

Wir weichen nun vom Wanderweg ab, indem wir in der Klus bleiben. Bald eine neue Sehenswürdigkeit: Die Eisenbahn, in der wir von Yverdon anreisten, durchsticht vor Eclépens den Mormont in einem neuen Doppeltunnel, dazwischen kommt der Zug in der Klus kurz ans Licht. Genau an dieser Stelle stehen wir, sehen die Tunnellöcher.

Bald endet die Klus, der Kanal ist verschwunden, wir kommen zu einer Mischung aus Bauernhaus und Landhaus. Eine Tafel erwähnt, dass es zwischen 1640 und 1650 gebaut wurde. In dem alten Hafenhaus wohnte einst ein Schleusenwärter. Ein paar Meter weiter steht im Rasen ein behauener Stein. Die Kopie eines antiken Miliarium, eines Meilensteins der alten Römer, den man beim Kanalbau fand.

Wir halten in der Orbe-Ebene Richtung Yverdon, brauchen dabei die Wanderkarte: vom Hafenhaus auf der Strasse nordwestlich bis zum Punkt 445 m. Und nun rechts ins Feld und auf dem Feldweg bis zum Punkt 441 m. Nun sind wir wieder an einem Kanal, unserem Kanal, dessen Lauf allerdings – die Sache ist kompliziert – in der Juragewässerkorrektion verändert wurde. Wir folgen ihm bis zur Höhe der Station Bavois, wo die Wanderung endet.

Schwitzende Männer und Weinkähne

Auf der Strecke durch die Ebene kneife ich die Augen zu und stelle mir vor, wie das damals war: ein flacher Kahn, darauf Weinfässer. Ein Mann am Ruder. Und zwei schwitzende Männer auf dem Treidelpfad, die den Kahn ziehen. Tatsächlich diente der Canal d’Entreroches eine Zeit lang als regionale Handelsroute, bis er verfiel. Ware aus der Romandie gelangte so nach Solothurn.

Im 20. Jahrhundert lebte die Idee des schweizerischen Rhein-Rhone-Kanals noch einmal auf. Für die Finanzierung und den Bau wurde die Transhelvetica AG gegründet. In den örtlichen Richtplänen war das Projekt berücksichtigt als Schneise, die leer bleiben musste. Die auffallend hohen Stelzen der beiden Autobahnbrücken in der Orbe-Ebene künden bis heute von der Vision – man ging davon aus, es würden einmal Frachtkähne die Autobahn unterqueren. Doch letztlich zerschlug sich das Vorhaben, und 2006 gab die Waadt die alte Schneise frei.

Route: Eclépens Bahnhof – Canal d’Entreroches in der Klus des Mormont – altes Wärterhaus – Punkt 445 m – Punkt 441 m – Kanal – Abzweiger Punkt 439 m – Bavois, Station.

Wanderzeit: 1 Stunde 30 Minuten plus 30 Minuten fürs Lesen der Informationstafeln.

Höhendifferenz: 40 Meter aufwärts, 50 abwärts.

Wanderkarte: 251 T «La Sarraz», 1:50’000.

Möglichkeiten: Der Ausflug ist ideal kombinierbar mit anderen Dingen in der Nähe. Sehr schön ist Yverdons Altstadt; dort kann man am Ortsrand auch die berühmte Menhir-Anlage besichtigen.
Lohnend sind auch La Sarraz und Orbe.

Charakter: Leicht. Etwas rutschig in der Klus durch den Mormont. Bei Schnee und Eis muss man vorsichtig gehen. Stöcke und Schuhkrallen helfen.

Höhepunkte: Das alte Kanalwärterhaus von Entreroches. Der römische Meilenstein beim Wärterhaus. Die offenen Wände des Mormont in der Klus. Die Weite der Ebene zwischen Mormont und Yverdon.

Kinder: gut geeignet.

Hund: keine Probleme.

Einkehr: keine.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

1 Kommentar zu «Der Traum von der helvetischen Wasserstrasse»

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