Zur falschen Zeit in Hallau

Diese Woche im Klettgau (SH).


Beginnen wir mit dem Schluss der Wanderung: In Trasadingen entdecken wir beim Herumspazieren ein rundes Haus, das aussieht, als wohne hier der Hobbit Frodo. Das Spritzbetonding, eine patentierte Schweizer Erfindung namens «Globularhaus», hat gegenüber konventionellen Häusern den Vorteil, dass der Erbauer weder Kran und Gerüst braucht; das geht speditiv und ist preiswert.

Aber ist das Globularhaus schön? Wir werden uns nicht einig.

Begonnen hat unsere Unternehmung am frühen Vormittag in Schleitheim. Bei der Haltestelle «Station» steigen wir aus und ziehen los. Während wir Richtung Stühlingen halten, haben wir einen deutschen Horizont vor Augen. Im Gebiet zum Flüeli hin geniessen wir den Höhenweg. Bald müssen wir allerdings wieder hinab; weil der Waldboden feucht ist, gehen wir vorsichtig.

Als wir den Talboden der Wutach erreichen, müssen wir gleich wieder hinauf. Es folgt eine einsame Passage einem Waldrand entlang, der die Grenze zu Deutschland bildet. Auf einem Grenzstein von 1830 ist «CS» eingraviert: Canton Schaffhausen. Aber was ist GB? Grossherzogtum Baden!

Via Hinter Berghöf und Vorder Berghöf kommen wir nach Hallauer Berghöf und sehen nun voll in den Hallauer Kessel. Überall Reben. Das Wahrzeichen der Kulturlandschaft ist das Bergkirchlein St. Moritz über Hallau. Bis zur Reformation strebten die Pilger ihr zu, weil der Heilige Mauritius als Heiler und Wundertäter galt. Heute ist St. Moritz berühmt als Hochzeitsort.

Falscher Baron

Wir treten ein, schauen uns um: schmucke Sache. Auf dem Kirchhof entdecken wir den Grabstein von Dr. Hans Erich Ormund Bringolf, 1876 bis 1951: «Militärattaché, grosser Legionär in drei Erdteilen, Schriftsteller». Bringolf kam als Sohn eines Schweizer Kavallerieobersten und einer Russin in Baden-Baden zur Welt. Seine Karriere im Schweizer Diplomatischen Dienst ruinierte er, indem er Schecks fälschte. Als Offizier verdingte er sich bei den Amerikanern auf den Philippinen, später im Ersten Weltkrieg bei den Franzosen; in Serbien erwarb er sich durch Tollkühnheit den Beinamen «Löwe von Manastir». Und einige Male flog er mit Betrügereien auf und einmal als falschen Baron. Im Bürgerheim von Hallau zeichnete er seinen «Lebensroman» auf.

Wir steigen ab nach Hallau, und ich komme mit drei alten Frauen ins Gespräch, die finden, wir seien zur falschen Jahreszeit gekommen und müssten im Oktober wieder vorbeischauen, wenn das Herbst- und Weinfest steige. Das ganze Dorf sei dann auf den Beinen.

Im «Gemeindehaus» essen wir und probieren natürlich den Hallauer; doch, gut! Nach der Rast geht es durch die Reben aufwärts aus dem Ort. Ein Schild zeigt den «Skilift Egg» an. Tatsächlich wird in Hallau Ski gefahren auf einer Höhe, die man anderswo «Tiefe» nennen würde. Darüber schmunzelnd, kommen wir auf den Hallauerberg, spazieren hinüber zum Wilchingerberg, haben dabei stets eine gute Sicht auf das Chläggi, wie das Klettgau im Dialekt heisst.

«Mörderrain»

Schliesslich der Abstieg nach Trasadingen via einen lieben Ort mit dem bösen Namen «Mörderrain». Auch das Funkfeuer des Zürcher Flughafens passieren wir, eine futuristische Kreisanlage. Vom Globularhaus habe ich schon erzählt. Ein Schild verweist auf eine zweite Attraktion Trasadingens: Man kann in dem Dorf in einem Weinfass übernachten wie weiland Diogenes. Die Klettgauer in ihrem Winkel sind schon speziell!

***

Route: Schleitheim Station – Müliweg – Flüeli – Merkedel – Wannenbuck – Hinter Berghöf – Vorder Berghöf – Hallauer Berghöf – Bergkirche St. Moritz – Hallau – Uf Rummelen – Mörderrain – Berghus Wilchingerberg – Trasadingen Dorf.

Gehzeit: 4 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 450 Meter auf-, 510 abwärts.

Wanderkarte: 405 T «Schaffhausen-Stein am Rhein» 1: 50 000.

Charakter: Viel Wald, Wiese und einsames Land. Im Wechsel dazu vor und nach Hallau sowie in der Gegend um Trasadingen eine Reblandschaft. Ziemlich leicht, einzig der Abstieg vom Flüeli Richtung Wutach erfordert Vorsicht, vor allem bei Schnee. Stöcke, gute Schuhe, Schuhkrallen!

Höhepunkte: Das Gehen auf der Landesgrenze vor und nach Merkedel mit den alten Grenzsteinen. Das Bergkirchlein St. Moritz, das den ganzen Kessel von Hallau, das Klettgau, beherrscht.

Kinder: keine Probleme.

Hund: keine Probleme. In den Wäldern gibt es Wild, anleinen!

Einkehr: Viele Möglichkeiten in Hallau.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

2 Kommentare zu «Zur falschen Zeit in Hallau»

  • Ueli sagt:

    Ich bin diese Tour am 9. März 2014 gewandert. Leider muss ich anmerken, dass ab „Hinter Berghöf“ bis kurz nach Hallau alles geteerte Wege sind. Auch vom Berghus Wilchingerberg bis Trasandingen nur noch Teer. Ein Graus für diese schöne Landschaft mit der prächtigen Aussicht.

  • Bruno sagt:

    Die Ebene und der markante Rebenhang von Hallau, sowie die Bergkirche St.Moritz bilden eine sehr schöne Harmonie , und die Pappelnreihen in der Ebene verstärken das gefühl,- als sei man in den Hügeln der Toscana.
    An den Rebhängen werden hervorragende Weisse wie Roten Weinsorten Bewirtschaftet, die in den Weinkellereien sowie in den Gasthäusern Ausgeschenkt und Verkostet werden können. Das Klettgau ist Kulinarisch, wie auch für die Freizeit ein wahrer Geheimtip. Diese Wanderung ist zu jeder Jahreszeit ein wahrer Genuss… und nur zu Empfehlen

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