Vierfrucht-Alpinisten

Die Schweizer Armee leistet sich eine Truppe motivierter Gipfelstürmer. Ein Paradebeispiel der Miliz – oder unnötige Militarisierung der Bergwelt?

Wer oft in den Schweizer Bergen unterwegs ist, dürfte ihnen schon begegnet sein: in Vierfrucht-Goretex auf dem Gletscher, mit «Mutz» und Funkgerät auf dem Gipfel oder mit Kletterfinken und hochgekrempelter Tarnanzughose im Klettergarten – die Rede ist von den Gebirgsspezialisten der Schweizer Armee.

Die Schweizer und der Wehrdienst

Einem breiteren Publikum sind sie aus tragischem Anlass bekannt: 2007  kamen an der Jungfrau bei einem Bergunglück sechs Angehörige der Truppe ums Leben. Die «NZZ am Sonntag» rollte den Fall kürzlich prominent auf. Die Gebirgsspezialisten darauf zu reduzieren, wäre allerdings schade.

Im rauen Klima Andermatts, wo die «Geb Spez» ihr Quartier haben, verbinden sich nämlich nach meiner Erfahrung mit gewissem Erfolg zwei Welten, die heute nur mehr selten glücklich zueinander finden: die Schweizer und der Wehrdienst. Zu der Gleichung gehören Drill, Disziplin und starke Hierarchien, aber auch die Leidenschaft und Leistungsbereitschaft ambitionierter Bergsteiger.

«Sie gehören zu einer Elitegruppe»

Nicht, dass ich in Andermatt besondere Freude am Drill erlebt hätte. «Meine Herren, Sie gehören zu einer Elitetruppe», versuchte man uns Rekruten zwar einzubläuen, als ich einst selber auf dem Kasernenplatz Altkirch stand. Aber die Gebirgsspezialisten, das sind keine Grenadiere. Die Lust am Klettern, an Skitouren und am Bergsteigen war bei den meisten grösser als das Interesse an militärischem Gehabe. Das äusserte sich bei mir öfter mal in einer Rüge wegen unkorrekten Tenüs – aber auch in recht grosser Motivation im Gelände.

Die Armee bildet nach eigenen Angaben jährlich über hundert Gebirgsspezialisten aus. Sie lernen komplexe Rettungsmanöver durchzuführen, feilen unter Anleitung von Bergführern an ihrer Gebirgstechnik und sammeln Führungserfahrung. Eingesetzt werden sie hauptsächlich zugunsten anderer Truppenteile: Soldaten durch die Berge führen, deren Kommandanten beraten, unwegsames Gelände begehbar machen oder anderen Soldaten die Seiltechnik beibringen.

Später Bergführer

Das kommt auch dem Breitensport zugute. So stehen die Geb Spez regelmässig an der Patrouille de Glacier im Einsatz oder helfen bei der Suche nach verunglückten Berggängern mit. Viele bringen ihre Erfahrungen zudem bei J&S und SAC ein. Andererseits finden sich in fast jedem Jahrgang ein paar Rekruten, die privat am Berg in den höchsten Schwierigkeitsgraden unterwegs sind; nicht selten wird der eine oder andere später Bergführer. So profitiert das Militär von einem ständigen Pool von gut 400 Alpinisten, die ihr Wissen und Können ausserhalb des Dienstes pflegen.

Sind die Geb Spez damit ein Paradebeispiel der Miliz? Aus kritischerem Blickwinkel könnte man sich auch fragen, wozu die Armee überhaupt mit solchem Aufwand alpines Know-how pflegen muss. Manche mag es überdies stören, wenn sie ihr Gipfelglück mit Soldaten teilen müssen. Andere sagen sich wohl, dass diese Dümmeres anstellen könnten, als auf Berge zu kraxeln. Zum Glück für die Gebirgstruppe gibt es ja tatsächlich wesentlich umstrittenere Budgetposten. Sagte doch auch ein Kamerad einst: «Dia würdend üs au gschidar noi Ski und Pickla kaufa als tüüri Kampfflugi».

matthias150x150Matthias Ryffel ist freier Journalist und Mitherausgeber der Reportagezeitschrift «Zalle*». Sein Interesse gilt den Menschen und ihren Geschichten – ob auf Reisen, in den Bergen oder in der Wahlheimat Bern.

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25 Kommentare zu «Vierfrucht-Alpinisten»

  • hallo mitenand

    das ist doch eine tolle sache wenn man professionell die soldaten zu alpinisten ausbildet.
    sie geben ihr wissen dann weiter.

    gruss von
    raphael wellig

  • Philipp Rittermann sagt:

    ich glaube im artikel einen gewissen sarkasmus zu erkennen. da ich selber gebirgsfüsilier war, muss ich sagen, dass die jungs im gegensatz zu unseren zeitgenössischen jekami-hobby-besteiger, zumindest über ein gewisses alpines grundwissen verfügen.

  • hallo mitenand

    ich danke matthias für dieses interessante thema.
    diese professionelle ausbildung ist auf jedenfall sehr sinnvoll, und hat seine volle berechtigung. diese leute geben ihr wissen
    auch in den SAC sektionen, kletterclubs, vereinen, schulen etc weiter.
    zudem muss die schweizer armee solche spezialisten haben. sie können auch im gebirge bei unfällen und naturkatasrophen eingesetzt werden.
    ich selber durfte im gebirgsdienst der damaligen geb. div. 9 auch sehr viel für meine späterren touren und expeditonen lernen.
    dafür danke ich den armee chefs.

    gruss von
    raphael wellig

  • magerius sagt:

    Die neue Reduitgeneration unserer Hobbyarmee.

  • Roger Vogt sagt:

    Ich bin auf jeden Fall stolz auf mein Abzeichen welches ich vor 20 Jahren in Andermatt erarbeitet habe. Das ich das dort erlernte, schon mehrmals zum Wohle anderer Berggänger ohne dieses Wissen, einsetzten konnte, rechtfertigt jeden Franken, welche diese Ausbildung gekostet hat. Etwas vom Besten, was man im Militär lernen kann.
    Leider hat es viele Ignoranten, welche alles was von der Armee kommt, per se ablehnen, aber sich gerne beim Skiunfall vom ehemaligen Milizpiloten, welcher heute bei der REGA ist, ins Spital ausfliegen lassen.

  • H.Loosli sagt:

    Es wäre gut, wenn Sie, Die „Bergführer“, das Gelände begehbar machen würden und sich nicht, im Voraus-Detachement, in der nächsten Beiz, voll sauffen lassen würden!!

    Gruss aus dem Berner Oberland!

    jolo duli, duli duli………………

  • Mel sagt:

    In unserer SAC-sektion hat diesen sommer ein rekrut der geb spez einen alpintechnischen kurs geleitet. ich war beeindruckt über die seriösität und die fachkompetenz, die dieser junge typ an den tag gelegt hat!

    • Alberto La Rocca sagt:

      Was war zuerst, das Huhn oder das Ei? Ein guter Alpinist wird man nicht erst im Militär, aber vielleicht ein besserer Alpinist, wenn man statt Kriegerlis „Abseiling“ als Geb Spez spielen darf …

  • Fischbacher, Chrigel sagt:

    A,D, F, I haben Gebirgstruppen.
    Warum sollten wir keine haben?.

    • Michael Strässle sagt:

      Es gibt unterschied zwischen den Gebirgsjägern (D), Alpini (I), Gebirgsinfanterie(CH) und den hochspezialisierten GepirgsSpez. Auch ich hatte Möglichkeit in meiner Ausbildung zum Gebirgsschützen auf um den Gotthard herum zu kraxeln.
      Einmal hatten wir sogar eine Flugshow von oben. (Wir konnten auf die Fliege herab schauen). Hat es Spass gemacht: Ja. Habe ich meinem Land damit eine Dienst erwiesen: Eher Nein. Aber nicht zu vergleichen mit dem was die 400 GebSpez machen.

      • Fischbacher, Chrigel sagt:

        @Michael Strässle
        ich kenne die unterschiede. wollte nur nicht ins detail.
        ich war war radfahrer. und ich denke wir haben unserem land sehr wohl einen dienst erwiesen.
        und zwar einen nicht unwesentlichen. nicht ersichtlich für jedermann, aber trotzdem.

  • André Hafner sagt:

    Es steht ausser Frage, dass die Schweiz bei ihren topografischen Verhältnissen Gebirgsspezialisten in der Armee benötigt. Das Geld ist da gut angelegt.

  • Ott sagt:

    So lange wir eine Milizarmee haben wollen (und darüber haben wir ja eben erst mit deutlichem Resultat abgestimmt) brauchen wir sicher auch eine Gebirgstruppen. Die Armee hat so viele (nicht nur veraltete) Anlagen im Gebirge, die man jederzeit erreichen, versorgen oder auch evakuieren können muss. Wieso so missgünstige Kommentare? Weil es ausnahmsweise eine Truppe gibt, bei der alle freiwillig hohe Leistungen erbringen? Zumal eine ganze Woche Bergtour uns Steuerzahler günstiger kommt, als wenn ein Füsel eine Panzerfaust abfeuert.

    Der einzige Kritikpunkt, denn ich habe, ist das mangelnde Risikobewusstsein, das offenbar bei einem Teil der Geb Spez vorhanden ist. Ich war einmal bei denen an einem freiwilligen Gebirgskurs, und was ich da sah und mitmachen sollte, war etwas too much. Zivile Bergführer gehen bei gleicher oder höherer Kompetenz kleinere Risiken ein. Dies mein subjektiver Eindruck.

    • Peter Hablützl sagt:

      Wieso so missgünstige Kommentare?
      –> weil es gegen die armee ist, da muss man einfach rummeckern, auch wenn man die thematik weder kennt, noch versteht.

      Weil es ausnahmsweise eine Truppe gibt, bei der alle freiwillig hohe Leistungen erbringen?
      –> sehr gut möglich. aber ich denke, die meisten meinen, geb spez zu sein sei ein ferienlager. all jene sollten mal im winter bei brutalem wind in der schölenen (normalzustand) und regen oder gar schnee eine rettungsübung durchführen, wo man einen aus der wand holt mit dem ganzen rettungsmaterial, die dann aber um 23.00 uhr anfängt und bis zum nächsten mittag geht. dann wissen sie bestens bescheid von wegen ferienlager…

      Zumal eine ganze Woche Bergtour uns Steuerzahler günstiger kommt, als wenn ein Füsel eine Panzerfaust abfeuert.
      –> das ist wieder was anderes, aber im grunde genommen korrekt. allerdings finde ich nicht, dass man diesen finanziellen aspekt so reinbringen muss. es wäre auch eine variante zu sagen, dsas hier immerhin die armee einen sinnvollen dienst leistet, weil nämlich dies der bevölkerung einen nutzen bringt. z.b. einsätze am WEF, einstäze an der patrouille des glaciers, einsätze an skirennen, einsätzen an lawinensuchaktionen, einsätze bei sprengen von lawinen zugunsten strassen und somit verkehr sowie schutz von bewohntem gebiet, ausbildung von fremdländischen truppen (die nicht wenig geld dafür bezahlen, das in die armeekasse kommt!) und und und. wo findet man das noch? ist es wirklich so daneben, diese truppe zu führen? ist es wirklich ein ferienlager?

  • Fabian Frei sagt:

    Einerseits ein teures Ferienlager um Bubenträume zu verwirklichen, andererseits eine gefährliche Sache. So mancher Gebirgs Spez erkennt mit etwas Abstand, dass er die mitunter gefährlichsten Touren im Militär unternommen hat. Testosteron geladene Junge im Wettbewerb – wir würde da schon Angst anmelden, wenn was Leichtisinniges befohlen wird? Und natürlich kann Mann immer nein sagen – und sich danach dem Gespött der Kollegen und Vorgesetzten ausgesetzt sehen, falls alles gut ging. Das Jungfrauunglück war mindestens teilweise sichtbare Folge eben dieser „Kultur“.

    • Peter Hablützl sagt:

      Herr Frei, diese recht morbide these ganz am schluss ist sehr deplatziert. sie haben ja nicht den hauch einer idee, wie es in andermatt unter den geb spez, wie wir uns nennen, zu und her geht. oder waren sei mal da? haben sie das selber über längere zeit miterlebt? eben….
      ich sage es ihnen:
      wir sind froh und glücklich, in andermatt zu sein. nicht, dass wir militärisch angehaucht wären. nein, in der regel nicht. aber wir haben uns freiwillig dort gemeldet, wir mussten was tun, um dahin zu kommen! wir sind alles bergsteiger und setzen und mit herzblut für unsere sache ein. wenn ausländische militärtruppen in die CH kommen zu uns und wir denen gebirgstechnik, rettungsübgungen (die auch im zivilien eingesetzt werden), dann würden sie verstehen, dass hier gar nichts mit testosterongeladenes gehabe und dergleichen zu tun hat.

      vielmehr beschreiben sie den typischen schweizer: er weiss über alles und jeden bescheid, sowieso alles besser und kann sich selbstverständlich immer eine meinung bilden. er hat ja wirklich genug kenntnisse von allem und jedem.

    • Johann sagt:

      Frei, Hirn einschalten – und dann schreiben!

  • Kim Kern, Küsnacht sagt:

    Jetzt müssen wir denen auch noch ihre Alpin-Touren bezahlen. Gohts no! Die können in Ihrer Freizeit in die Berge, aber bitte nicht mit meinem Geld da oben rumturnen. Danke.

    • Jerome Doster sagt:

      Lieber und viel sinnvoller mit ihrem Geld und einem F/A18 durch die Lüfte bretten!….

    • Heinz Kuster sagt:

      Unabhängig davon ob es die Armee braucht oder nicht (anderes Thema):
      Solange es sie gibt bin ich froh wenn es wenigstens einige Soldaten gibt, die sich in den Bergen bewegen können. Meiner Meinung nach ein MUSS für ein Land mit einer solchen Topographie.

  • Dani S. sagt:

    Ich finde es schön, dass sich einige ihre Bubenträume im bezahlten Ferienlager ermöglichen können. Sei es nun bei den Fliegern oder den Gipfelstürmern.

  • Ex Ertüchtiger sagt:

    „Damals“, als ich noch Militärdienst geleistet habe, waren Zentralkurse für Hochgebirgsausbildung eine prima Sache!

  • Jacques S. sagt:

    Ein etwas teures Hobby, wenn Sie mich fragen, geehrter Herr Ryffel.
    Aber schön haben Sie’s gut gehabt in diesem absurden Verein.

    • Johann sagt:

      Hauptsache, man konnte den eigenen Senf dazugeben, nicht wahr Jacques S.? Wenn ich gegen etwas eine Abneigung habe, dann lese ich erst recht keine Artikel darüber. Glücklicherweise hat man als „Linker“ an diesem Wochenende wieder mal eine gehörige Klatsche gekriegt. Freude herrscht!

  • Joachim Adamek sagt:

    Ich sehe das ähnlich: Wenn es Teile der Armee gibt, die nicht überflüssig sind, dann jene, die für den Katastrophen- und Zivilschutz eingesetzt werden können. Alleine der Klimawandel dürfte ihnen in Zukunft gehäuft die Möglichkeit geben, praktisches Wissen bei Realeinsätzen zu erlernen.

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