E Potzio Pomfrid ond en blätsch Schoof

Wo ein kleiner, feiner Waldsee an Schweden erinnert. Diese Woche zum Forstseeli (AI).

Diese Woche zum Forstseeli (AI).

Das Forstseeli scheint sich vor dem Tourismus zu verstecken, der im Talkessel von Appenzell und im Alpstein überhand nehmen will. Es duckt sich in den Wald unterhalb des Fänerenspitzes auf dessen Rheintaler Seite, hält sich still, wahrt den Abstand zu Menschenströmen und riesigen Autoparkplätzen. Nur knapp zählt das Forstseeli überhaupt zum Appenzellerland, der Hang unterhalb ist schon St. Gallen.

Nun ist die perfekte Forstseeli-Zeit gekommen, der Herbst dient dem Rätsel des Gewässers zu. Wir starteten bei Steinegg, einer Bahnhaltestelle zwischen Appenzell und Wasserauen. Der Weg führte, in Gehrichtung gesprochen, rechterhand des Pöppelbaches aufwärts, und natürlich gefiel uns dieser Name, den wir nicht verstanden. Pöppel?

Unbewirtet in den Wald hinein

Dann das «Eggli». Es hatte zu, Dienstag Ruhetag. Schade. Man muss im «Eggli» einkehren, nur schon wegen der Aussicht Richtung Säntis. Das satte grüne Bauernhügelland liegt dem Gast auf dieser Geländeterrasse zu Füssen, als sei er ein König; dahinter erhebt sich grauweiss das Kalkgebirge. Lustig klingen die Speisekarte und die Homepage der Wirtschaft, zu der blökendes, grunzendes und gackerndes Getier gehört. Alles ist in Innerrhödlerisch gehalten. Die Rede ist vom «Flääsch vo de äägne Hochlandrendli» oder auch von einer «Potzio Pomfrid», und draussen weidet auf der Wiese «en blätsch Schoof». Verstanden? Das feixende Lesen, Mutmassen und Übersetzen ist Teil des «Eggli»-Vergnügens wie das gute Essen.

Wir aber mussten unbewirtet von dannen ziehen. Schmollend gingen wir weiter, hatten nun direkt vor uns den Fänerenspitz, den der Wanderweg auf der Linken weit unterhalb des Gipfels umrundet. Und dann ging es irgendwann abwärts und in den Wald. Steil war dieses Stück und feucht; jetzt im Herbst sind Stöcke nützlich. Und natürlich tun gute Schuhe not.

Das «verträumte» Waldseeli

Zum Forstseeli passt kein Adjektiv besser als «verträumt». Es ist von Nadelbäumen dicht umstanden, schützt sich mit Schilf vor Gummibooten und menschlichen Flossenfüsslern ziemlich wirksam; es ist überhaupt nur an wenigen Orten zugänglich. Bei der Schutzhütte, in der auch Holz bereit lag, war eine Familie am Grillen. Wir setzten uns auf eine Bank, schauten, genossen das Summen der Libellen, die als Kleinhelikopter des Tierreiches in den Lichtfäden über dem Wasser schwebten.

Endlich der Wiederaufstieg in die Sonne. Wir strebten dem Resspass zu. «Pass» klingt nach harter Bergwanderung, doch in 20 Minuten waren wir oben auf dem Sättelchen. Wir sahen nun wieder den berühmten Teil des Appenzellerlandes. Schön das Auswandern hinab nach Brülisau; zuerst marschierten wir kurz auf Asphalt, dann lange auf Gras, schliesslich auf Waldboden durch ein kleines Tobel. A propos Asphalt: Geschätzt ein Sechstel der Unternehmung, schätze ich, verlief auf Hartbelag.

Unten in Brülisau trafen wir wieder auf den grossen Fremdenverkehr. Menschenscharen entquollen gerade der Gondel, die vom Hohen Kasten herab angeschwebt war. Die Sicht vom «Chaschte», wie die Einheimischen sagen, zum Alpstein und den Bergen Österreichs, Liechtensteins und Graubündens ist grandios. Wir freilich hatten an unserem Tag etwas anderes gesehen: einen kleinen, feinen Waldsee, der uns irgendwie an Schweden erinnerte.

***

Route: Steinegg (Haltestelle der Appenzeller Bahnen zwischen Appenzell und Wasserauen) – Befig – Eggli – Heieren – Forstseeli – Resspass – Chluserenweidli – Brülisau.

Gehzeit: 3 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 650 Meter auf-, 520 abwärts.

Wanderkarte: 227 T «Appenzell», 1: 50’000.

Charakter: Leicht. Bloss vor dem Forstseeli ist der Abstieg im Waldhang etwas rutschig, Stöcke helfen. Schöne Sicht vom Egglihang Richtung Alpstein. Verträumte Stimmung am Forstseeli, einem idealen Grillort.

Höhepunkte: Die Einkehr im «Eggli». Das stille Forstseeli. Der Wiederanblick des Alpsteins beim Resspass.

Kinder: eine klassische Familienwanderung.

Hund: keine Probleme.

Einkehr: «Eggli», Di geschlossen; ab November auch am Mo geschlossen. www. eggli-appenzell.ch. Am Schluss in Brülisau kann man auch einkehren.

Passender Buchtipp (Neuerscheinung): Heinz Storrer, «Stille Orte der Schweiz. Malerische Seen, verwunschene Landschaften» (Band 2). Werd Verlag. 69 Franken.

Heimreise: Bis und mit 3. November fährt ein Bus nach Fahrplan von Brülisau hinab zum Weissbad (Bahn). Nachher verkehrt der Publicar, den man 24 Stunden vorher reservieren muss.
http://www.postauto.ch/pag-startseite/pag-taeglich-unterwegs/pag-fahrplan-und-linienverkehr/pag-publicar-angebot/pag-publicar-appenzell.htm

Alternative: In 40 Minuten von Brülisau auf einem schönen Weg dem Brüelbach entlang hinab nach Weissbad laufen.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

14 Kommentare zu «E Potzio Pomfrid ond en blätsch Schoof»

  • hallo thomas

    danke für den schönen artikel.
    das werde ich mal angehen.

    viel spass beim wandern.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Thomas Widmer sagt:

    Danke für all die Reaktionen. Den „Teaser“ habe ich in der Tat nicht geschrieben. Ich halte „im Appenzell“ für ein Verbrechen, muss allerdings sagen, dass ich längst resigniert habe. Der Fehler bürgert sich immer mehr ein. Und im Radio sagen sie auch permanent „im Graubünden“. Als nächstes kommt vermutlich Uri dran: „im Uri“.

  • Urs sagt:

    Die Wanderung ist toll, keine Frage! Das Eggli liegt wunderbar. Das ist dann aber auch alles. Der Chef fährt lieber Hummer, als dass er ihn auftischt. Das sagt m.E. so ziemlich alles über die Beizenqualität aus…

  • hallo mitenand

    grossartige wanderung die ich empfehlen kann.
    ich wünsche viel spass.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Thomas Widmer sagt:

    Lieber Reto, völlig einverstanden. Appenzell ist der Hauptort von AI, und Appenzellerland ist die Gegend. Aber wo ist in der Kolumne der Fehler? Ich sehe ihn nicht. Vielen Dank fürs Lob auch noch.

    • Hansueli Koch sagt:

      @Widmer und Reto: Natürlich nicht beim Gebrauch von „Appenzellischem“, sondern beim Grammatikfehler „blätsch“ (wahrscheinl. schon im Original, dort ists aber egal, hier nicht): Entweder verwendet man die „deutschen“ Sprachregeln auch bei kurzen Mundartzitaten, d.h. das Substantiv „Blätsch“ wird zwingend gross geschrieben, oder man hält sich nicht daran, dann dürften – wie in beinahe allen übrigen Sprachen alle Wörter, die keine Namen sind oder am Beginn eines Satzes stehen, klein geschrieben sein, also auch „schoof“ und „potzio“.
      ;-)
      Die Wanderung aber samt Besuch des Eggli ist schon geplant!

      • Hansueli Koch sagt:

        … gilt natürlich auch für „pomfrid“, ausser es wird als Name eines Gerichts/Menüs angesehen …

    • Reto sagt:

      „Im Appenzell“ steht tatsächlich nicht in der Kolumne selber, sondern im Anriss: „Wer zum Forstseeli im Appenzell wandert, hat zwischendurch das Gefühl, in Skandinavien zu sein.“

      • Hansueli Koch sagt:

        Reto, Sie meinen wohl den Teaser. Aber der wird bekanntlich nicht vom Autor (hier Widmer), sondern vom Blattmacher oder Tageschef abgesegnet – mal ganz abgesehen davon, dass der in Ihrem Verständnis inkorrekte Gebrauch der Wendung ausserhalb des engeren Puristenkreises niemanden wirklich stört oder gar zu Unverständnis in der Sache führt.

        Abgesehen davon, waren Sie (oder sonst jemand) vielleicht schon im Eggli? Wie ists, dort zu speisen? Vielen Dank für Hinweise.

        • Reto sagt:

          Genau, Herr Koch, ich meine den ‚teaser‘, das Ding heisst auf Deutsch „Anriss“. Ist mir klar, dass dieser nicht vom Blogger stammt; allerdings kann ich im Anriss meine Meinung nicht anbringen und habe es deshalb im Artikel selber getan.
          Mag sein, dass der inkorrekte Gebrauch der deutschen Sprache ausserhalb des engeren Puristenkeises niemanden stört, womit ich wohl automatisch zu selbigem gehöre und Sie nicht. Nun denn, kritisch kommentieren darf man dies wohl dennoch. Kein Mensch sagt „im Luzern“ oder „im Bern“. Aber durchaus „im Appenzell“.
          Einkehren im Eggli: unbedingt!

  • Irene feldmann sagt:

    Toll- toll- toll….wird gern mal gemacht!

  • Reto sagt:

    Schoener Artikel!

    Allerdings: wann hoert der Unsinn mit „im Appenzell“ endlich auf? Im Appenzellerland“ oder „im Kanton Appenzell Innerrhoden“.

    • Roland K. Moser sagt:

      Wöu mers e so säid. Doromm. Em Appitsäu.

      • Reto sagt:

        Es sei Ihnen unbenommen, wenn Sie das so sagen. Ein Appenzeller tut das nicht. Und auf Hochdeutsch ist es schlicht und einfach falsch. Unsinn bleibt Unsinn, auch wenn er von noch so vielen Leuten vertreten wird.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.