Solothurner Poesie

Diese Woche zum Fondue auf dem Hinter Weissenstein.

Siebeneinhalb Stunden Gehzeit – die Weissenstein-Tour ist happig. Man kann sie aber halbieren. Wer das will, nimmt am Bahnhof Solothurn, statt loszumarschieren, den Bus Nr. 4 bis Rüttenen, Brüggmoos. Und am Schluss steigt er beim Kurhaus Balmberg ins Postauto und fährt gemütlich wieder hinab nach Solothurn. Voilà!

Wir wollten auch gar nicht so weit wandern, als wir am Bahnhof Solothurn starten. Doch es liegt Magie in jenen Herbsttagen, an denen unten Nebel liegt, oben aber Sonne. Die Natur bäumt sich noch einmal auf gegen den Winter. Ihr Kraftspiel steckt den Wanderer an.

Schlüsselpassage «Stigelos»

Bei der Kathedrale fiel mir Botschafter Thomas Borers Traumhochzeit mit der Texasprinzessin Shawne Fielding ein. Das war 1999 und die Kirche war vollgestopft mit 300 Gästen. Draussen bildeten US-Marines in Paradeuniform mit gezückten Säbeln ein Spalier, das Volk jubelte; es wirkte, als hätte die schweizerische Eidgenossenschaft ihre Souveränität und republikanische Nüchternheit mal kurz aufgegeben.

Baseltor. Vorstadt. Dann die Verenaschlucht, hinter welchem Namen sich eine manierliche Promenade einem Bächlein entlang verbirgt. Und zwei Kapellen. Sowie eine Einsiedelei, in der eine Frau haust, die mit bürgerlichem Namen Verena heisst; wie passend! Das Gesamtkunstwerk, das man kennen muss, verdankt sich Baron Louis Auguste de Breteuil. Der Minister von Louis XVI. floh vor der Guillotine der französischen Revolutionäre nach Solothurn und inspirierte die Anlage.

Wir kamen zum Westrand von Rüttenen samt der erwähnten Brüggmoos-Haltestelle. Es folgte der Wegverzweiger Falleren. Und die Schlüsselpassage «Stigelos» durch den steilen Vorberg. Trittstufen, unzählige Kehren, Seile durch die geröllige Kalkwand. Kurz bevor wir beim Nesselboden aus dem Wald traten, kam die Sonne. Einige Zeit später waren wir wieder im Wald. Knöcheltief lag das Laub und raschelte bei jedem Schritt; hätte mich wundergenommen, wie mein Jugendheld Winnetou, der grosse Anschleicher, es geschafft hätte, sich unter diesen Bedingungen lautlos an den Feind heranzumachen. Schliesslich eine Weide und weit vorn die Kuppe der Hasenmatt. Und schon kamen wir bei der Bauernwirtschaft «Hinter Weissenstein» an.

Hunderte Rechaudkerzlein

Das Fondue mundete wie auch der leichte Rotwein. Schweren Magens zogen wir von dannen. Wir gingen hinüber Richtung Kurhaus, liessen dieses aber ebenso rechts liegen wie die Röti, den höchsten Punkt des langgezogenen Weissenstein-Massivs. A propos Kurhaus: Nächsten Herbst soll man es wieder per Sessellift ab Oberdorf erreichen können. Der alte Lift war 2009 stillgelegt worden. Nach langen Querelen setzte sich ein modernes Projekt durch, Spatenstich war diesen September.

Auf dem Weg zum Oberbalmberg blickten wir ins Tal der Dünnern hinab, es war gestopft mit weissem Nebel. Beim Kurhaus Balmberg hatte uns auch der Nebel wieder. Der Abstieg durch den Wald Richtung Lirenrain wurde lang. Als wir wieder durch die Verenaschlucht gingen, war es dunkel. Hunderte Rechaudkerzlein flackerten am Weg, keine Ahnung, wer diese Überraschung angerichtet hatte. In Solothurns Alternativbeiz-Legende «Kreuz» nahmen wir unser Schlussbier. Dichter Peter Bichsel sass ganz in der Nähe, so endete die Wanderung in Poesie.

***

Route: Solothurn Bahnhof – Kathedrale – Verenaschlucht – Brüggmoos (Bus) – Falleren – Stigelos – Nesselboden – Risimatt – Hinter Weissenstein (Restaurant) – Weissenstein – Hächler – Bödeli – Oberbalmberg – Kurhaus Balmberg – Mittler Balmberg – Oberer Dorfrand Balm bei Günsberg – Lirenrain – Verenaschlucht – Kathedrale – Solothurn Bahnhof. (Andere Varianten das Tal hinauf möglich).

Gehzeit: 7 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: Je knapp 1000 Meter auf und ab.

Wanderkarte: 233 T «Solothurn» und 223 T «Delémont» 1: 50 000.

Kürzer: Mit dem Bus Nr. 4 (Endhaltstelle Rüttenen) ab Bahnhof Solothurn bis Rüttenen, Brüggmoos. Dann wie beschrieben bis Kurhaus Balmberg. Von dort Bus retour. Für dieses «Filetstück» der Wanderung braucht man 3 3/4 Stunden. – Denkbar sind auch Varianten, bei denen man die Buslinie Oberdorf, Bahnhof – Weissenstein nutzt.

Charakter: Stadt und Verenaschlucht als grosse Kulturgeschichte. Dann steiler Jura-Bergweg. Viel Aussicht vom Kamm des Weissensteins. Schliesslich steiler Abstieg.

Höhepunkte: Solothurns Kathedrale. Die Verenaschlucht, eine Adelspromenade des späten 18. Jahrhunderts. Die atemberaubende Steilpassage Stigelos vor dem Nesselboden. Der Ausblick vom Weissenstein. Das Fondue im «Hinter Weissenstein».

Kinder: Weit; eventuell besser die Kurzvariante. In der Stigelos muss man auf Kinder aufpassen.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Besonders empfohlen sei der «Hinter Weissenstein», Mo/Di geschlossen, An vielen weiteren Orten kann man einkehren, u.a. Solothurn. Kurhaus Weissenstein und ganz in der Nähe Sennhütte. Balmberg mit mehreren Angeboten.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

1 Kommentar zu «Solothurner Poesie»

  • Bruno Berner sagt:

    Etwas reizvoller für den Einstieg ab Rüttenen: Vom Fallernhof (Pt. 554) weg in Gehrichtung rechtsseitig über Trampelpfade dem Chesselbach entlang bis zum Forsthaus. Von dort linksseitig weiter dem Bach nach aufwärts. Uebers zweite Brücklein (das aus Holz) geht’s links schliesslich kurz um den Fels rum und danach über eine Eisentreppe hinauf. Weiter aufwärts auf dieser Spur gelangt man schliesslich grad beim Beginn der Serpentinen wieder auf die im Bericht beschriebene Route.

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