Ueli Steck: «Mehr kann ich als Bergsteiger nicht mehr erreichen»

Ueli Steck gleich doppelt im Gespräch: Mit seinem Weltklasseerfolg an der Annapurna-Südwand und mit dem Dokumentarfilm «High Tension – Gewalt am Everest». (Foto: Reel Rock / Sender Films / explora.ch)

Ueli Steck gleich doppelt im Gespräch: Mit seinem Weltklasseerfolg an der Annapurna-Südwand und mit dem Dokumentarfilm «High Tension – Gewalt am Everest». (Foto: Reel Rock / Sender Films / explora.ch)

Positive Nachrichten erreichen uns von Ueli Steck. Der 37-jährige Extremalpinist aus Ringgenberg BE ist auf dem Gipfel seiner bisherigen Karriere angekommen. «Ich glaube, mehr kann ich als Bergsteiger gar nicht mehr erreichen», sagt er in der aktuellen Ausgabe der «Schweizer Illustrierten». Im Alleingang und ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff kletterte er vergangene Woche eine neue Route durch die 2500 Meter hohe Südwand auf den 8091 Meter hohen Annapurna-Gipfel. Damit habe er eine neue Dimension im Höhenbergsteigen eröffnet, attestiert die Fachwelt. Steck selber sagt einen Tag nach seinem Gipfelsturm via Satellitentelefon gegenüber der «Schweizer Illustrierten»: «Es ist für mich alles immer noch ein wenig unwirklich, meine Leistung in dieser Höhe macht mir selber schon fast Angst. So eine schwere Route, solo, in Erstbegehung, an einem Achttausender, ist wahrscheinlich noch nie jemandem gelungen.»

In der Wand hätten zwar selten gute Verhältnisse geherrscht, problematisch war jedoch der starke Wind. Auf 7000 Meter Höhe habe Steck ein Schneeloch gegraben und abgewartet. Nach Sonnenuntergang seien die Böen abgeflaut und Steck kletterte die anspruchsvollste Passage durch den technisch schwierigen Felsriegel zwischen 7000 und 7500 Meter in der Dunkelheit, im Licht seiner Stirnlampe. Um ein Uhr in der Nacht sei er auf dem Gipfel gestanden und dann auf der gleichen Route wieder abgestiegen. 28 Stunden nach seinem Aufbruch war er wieder zurück am Wandfuss. 28 Stunden! (Fotos gibts hier)

«High Tension – Gewalt am Everest» auf der Leinwand

Er sei mit «freiem Kopf und gutem Gefühl» in diese Expedition gestartet, sagt Steck. Den Vorfall mit den Sherpas am Everest vergangenen Frühling, mit dem er und sein Kollegen Simone Moro und Jonathan Griffith weltweit in den Schlagzeilen waren, habe er abgehakt. Ausgerechnet jetzt kommen jedoch erstmals und exklusiv die Bilder von damals auf die Leinwand. «High Tension – Gewalt am Everest» ist ein 40 Minuten langer Dokumentarfilm, der im Rahmen der Reel Rock Tour in den USA und in Europa gezeigt wird. In der Schweiz startet die Tour nächsten Montag (21. Oktober) im Volkshaus in Zürich und wird bis zum 19. November in den grösseren Städten Halt machen (Tourenprogramm siehe explora.ch).

Stürmische Stunden am höchsten Berg der Erde, dem Mount Everest. (Foto: Reel Rock / Sender Films / explora.ch)

Stürmische Stunden am höchsten Berg der Erde, dem Mount Everest. (Foto: Reel Rock / Sender Films / explora.ch)

In «High Tension» erzählt Steck ausführlich, wie er sich gefühlt hatte, als die Sherpas auf ihn und seine Kollegen losgingen. Zu sehen sind unter anderem Videoaufnahmen, die von Anwesenden im Everst-Hochlager mit Handys gemacht wurden. Sie zeigen, wie die Sherpas auf Simone Moro prügeln, ihn mit der Hand ins Gesicht schlagen und einer ihn mit dem Fuss tritt. Zu sehen ist ebenso, wie Steine gegen das Zelt flogen, in dem Steck 45 Minuten gefangen war, mit einer blutenden Wunde an der Lippe, wie er sagt, nachdem ihn vorher ein Stein getroffen hatte. Keine schönen Bilder.

«Ich komme wie ein typisches italienisches A…loch rüber»

Über den Film und den Vorfall mag Steck heute nicht mehr reden, wie er der «Schweizer Illustrierten» sagte. Ganz anders dagegen Simone Moro, der sich fürchterlich aufregt und gegenüber dem Outdoor-Portal Trax.de sagte, er sei überhaupt nicht glücklich über den Film. «Der Film ist nicht mein Film, er wurde von Sender Films – einer US-amerikanischen Produktionsfirma – produziert.» Er erzähle nur einen Teil der Wahrheit, zu viele Punkte seien ausgelassen worden und würden die Wahrnehmung des Publikums manipulieren. Grosse Teile seien nicht berücksichtigt worden, so Moro, «und jetzt komme ich wie ein typisches italienisches A…loch rüber».

Nach den fehlenden Punkten gefragt, sagt Moro: «Ich mag die Manipulation der Sichtweise nicht. Ein Beispiel: Ich beschimpfe dich, und du willst mich töten. Das ist eine Geschichte. Aber, wenn ich dich beschimpfe, weil du versuchst, einen Freund von mir zu töten, und daraufhin versuchst du mich zu töten – dann ist der erste Teil wichtig. Der Film sagt, der Kampf hat mit meinem «bad word» angefangen. Aber so war es nicht: Alles hat angefangen, weil Ueli Steck und ein Sherpa aneinander gerieten und die Sherpa nahe dran waren, Ueli ins Gesicht zu schlagen, so dass ich Angst hatte und nur schrie, um meinen Freund zu verteidigen. Und danach haben sie versucht, mich zu töten. Wenn man diesen Teil aber nicht kennt, ändert sich alles.» Der Film versuche jeden Zweifel an Ueli Steck zu zerstreuen und auch jeden Zweifel am Verhalten der Sherpas. «Aber sie sind nicht ganz so vorsichtig mit meiner Verteidigung – es ist einfach, die Schuld bei mir abzuladen. Dabei beschwere ich mich nicht über Ueli, der wirklich mein Freund ist und nur seinen Ruf verteidigen will. Aber die Geschichte, die erzählt wird, die ist so nicht authentisch.»

Wie auch immer: Man kann sich den Film anschauen, oder auch nicht. Man weiss danach nicht viel mehr als vorher, aber man hat die dramatischen Momente gesehen und nicht nur darüber gelesen und davon gehört. Sie sind haarsträubend. Positive Nachrichten, wie die neuste von Steck, sind mir lieber. Gratulation, Ueli, zur Annapurna-Südwand, das ist Weltklassebergsteigen!

www.explora.ch

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