Grosses Tessin

In sieben Stunden kann man so viel sehen, dass man besser zwei Tage ansetzt. Diese Woche auf dem Sentiero Basso das Bleniotal hinauf.

Diese Woche auf dem Sentiero Basso das Bleniotal hinauf

Für den Sentiero Basso von Biasca bis Olivone braucht man knapp sieben Stunden. Das ist in einem Tag machbar. Bloss ist das Bleniotal derart vollgepackt mit Kunst, Kultur, Historie und Naturschönheit, dass man besser zwei Tage ansetzt und in der Hälfte nächtigt, in Acquarossa oder Lottigna.

Hier einige Dinge am Weg:

* In Biasca sieht man vom Perron aus den Wasserfall Santa Petronilla, zwei Wasserstrahlen überkreuzen sich. Man könnte stundenlang zuschauen. Mediterran dann der Ort selber: Palmenherrlichkeit, kolorierte Häuserfassaden, Reben und der überragende Pizzo Magn.

* Nach dem Ortsausgang Biasca hat man rechterhand den Bergsturzkegel Büza di Biasca. 1512 begruben rutschende Felsmassen Hunderte Menschen und stauten den Brenno auf vier Kilometern zum See. Als das Neogewässer auslief, verwüstete das die Gegend bis hinab nach Magadino. Nichts mit der Büza zu tun haben die erkennbar erst kürzlich begrünten Hügel knapp vor Loderio. Sie sind aus Neat-Aushub aufgeschüttet.

* Bei der Bushaltstelle Loderio müssen wir entscheiden: links via Semione oder rechts via Malvaglia. Die Variante «links» führt ins Auengebiet «La Legiüna». Hernach kommt der Öko-Bauernhof «Il Mugnaio»(der Müller) mit einer Besenbeiz. Die Bäuerin zeigt gern ihr Mahlwerk, mit dem sie Maiskörner zu Polentamehl verschrotet. Toll ihre hausgemachte Glacé.

* Semione ist grosses Tessin: Leicht über der Brenno-Ebene gelegen, strotzt es vor Palazzi. Hier sieht man die erste eines Dutzends alter Kirchen am Weg. Die Beata Vergine Assunta ist etwas Romanik, etwas Rokoko und viel Barock. Das Beinhaus enthält spätgotische Fresken, die an Leben nichts eingebüsst haben.

* Bei Ludiano kommen wir am oberen Ortsrand am Grotto «Milani» vorbei. Grotti, an feuchten, schattigen Plätzen am Hang gelegen, waren ursprünglich gemeinschaftliche Lagerkammern für Käse und Fleisch. Die daraus geborene Art von Wirtschaft atmet bis heute Community Spirit, neudeutsch gesagt. Im «Milani» gibt es Polenta, Wurst, Käse und Wildgerichte aus dem Tal.

* «La Stazione» in Acquarossa–Comprovasco bietet sich für einen Trinkhalt an. Der Name des Restauräntchens erinnert an die Jahrzehnte, als von Biasca bis Acquarossa eine Schmalspurbahn verkehrte. Ursprünglich wollte man sie sogar über den Lukmanierpass führen. Dazu kam es nie.

* In Lottigna drängt sich ein Museumsbesuch auf. Einst – verblichene Wappen zeigen es an – hockten in dem Dorf die Landvögte aus der Urschweiz. Heutzutage gibt es im «Palazzo dei Landfogti» Ausstellungen. Momentan läuft «Milizie Bleniesi»: Männer aus dem Tal zogen mit Napoleon gegen Russland. So mancher starb an der Beresina.

* In Torre steht in einer schattigen Strassenkurve eine Ex-Schoggi-Fabrik, Industriedenkmal mit Schwulst-Einschlag. Die Riesenliegenschaft könnte als Kulisse für einen Visconti–Film dienen. Seit 45 Jahren wird nicht mehr produziert. In den 1950er–Jahren aber lief die Fabrik auf Hochtouren. Über 300 Angestellte fertigten damals pro Jahr 1500 Tonnen Schoggi.

* Der Sosto kommt nun immer näher, der markanteste der markanten Berge am Weg. Die Einheimischen betrachten ihn als Matterhorn des Bleniotals. In seinem Angesicht erreichen wir Olivone. Ein weiteres historisches Museum, noch eine starke Kirche und natürlich Restaurants runden die Wanderung ab.

***

Route: Bahnhof Biasca – Wanderverzweiger Loderio – Semione – Ludiano – San Remigio – Acquarossa/Comprovasco – Lottigna – Grumo – Torre – Dangio – Aquila – Ponto Aquilesco – Solario – Olivone. (Andere Varianten das Tal hinauf möglich).

Gehzeit: Gehzeit: 6 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 850 Meter auf-, 250 abwärts.

Wanderkarte: 266 T «Valle Leventina», 1: 50 000.

Tip: Im Bleniotal gibt es derart viel zu sehen, dass es sich lohnt, die Wanderung auf zwei Tage zu verteilen und in einem der Dörfer zu übernachten.

Charakter: Talwanderung mit nur wenigen etwas glitschigen Stellen im Wald. Viel Historie und Kunst (etliche alte Kirchen). Insgesamt leicht.

Höhepunkte: Die Brenno-Auen vor Semione. Das Beinhaus der Kirche von Semione. Das Grotto von Ludiano. Die Casa dei Landfogti in Lottigna, heute ein Museum. Die imposante alte Schoggifabrik von Torre. Der gewaltig Olivone überragende Sosto.

Kinder: Gut machbar, weil abwechslungsreich.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: In den Dörfern. Grotto Milani in Ludiano, 091 870 21 97.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

7 Kommentare zu «Grosses Tessin»

  • hallo thomas

    danke für die interessante wanderung.
    da werden erinnerungen wach. ich war im 1985 dort in der rekrutenschule oft unterwegs. ich kann diesen wandertipp nur
    empfehlen.

    viel spass.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Thomas Widmer sagt:

    Danke für die sehr valablen Ergänzungen!

  • Joerg Hanspeter sagt:

    Nicht zu vergessen, auch in Acquarossa muss man sich entscheiden, ob man links oder rechts weitergeht. Auch auf der linken Seiten gibt es sehr schöne Dörfer und seltene Gebäude.

    • … z.B. die wunderbare romanische Kirche auf einer Alp (Negrentino) 20 Min. oberhalb von Acquarossa (schön gelegen, tolle Fresken). Fotos bei google.earth/panoramio/bongiorno (S.64).

      • Werner Holliger sagt:

        Da haben Sie recht, Herr Dubach. San Carlo di Negrentino ist wirklich ein verstecktes Juwel und seit etwa 2007 über eine Brücke via Leontica bequem erreichbar.

  • chaeppi sagt:

    Nicht zu vergessen der alte Weg von Olivone nach Campo Blenio hinauf: atemberaubend. Und oben im Ristorante Genziana wird auch ganz ordentlich gekocht.

    • Calicanto sagt:

      à propos Uebernachten: Nach einer schönen Wanderung im Bleniotal: „il Calicanto“ von Nicoletta Bianchi ist ein wunderbares/wunderschönes B&B in Malvaglia

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