Ein Alpinrausch und zwei Baustellen

Wie man ohne Kletterei durch die Wand des Schattenplänggli und die Fritterhoren kommt. Diese Woche vom Fisetenpass nach Tierfehd und Linthal (UR/GL)

Diese Woche vom Fisetenpass nach Tierfehd und Linthal (UR/GL)

Mit Sicherheit ist dies eine meiner schönsten Routen – doch bevor ich mich ins Schwärmerische steigere, muss ich etwas Planerisches loswerden. Um rechtzeitig loswandern zu können, müssen wir um 9.00 Uhr am Bahnhof Linthal zuhinterst im Glarnerland den privaten «Urnerboden-Sprinter» erwischen; und wiederum müssen wir dies am Vortag reserviert haben. Teuer ist das nicht, für unter zehn Franken geniessen wir auf der Klausenstrasse eine spektakuläre Fahrt.

In Urnerboden, Dorf steigen wir aus und sehen eine Baustelle. Hier entsteht eine millionenteure Alpkäserei. Die Milch von 1200 Kühen wird bald in ihr zu gut 100 Tonnen Alpkäse verarbeitet. Das Projekt will die Wertschöpfung vor Ort ermöglichen; dieser Tage geht die Milch an das Grossunternehmen Emmi und weiter ins Tessin.

Des Rätsels Lösung

Wir nehmen das Seilbähnli zum Fisetenpass. Die Bergriesen, die man von dort sieht, bescheren jedem nicht völlig abgebrühten Outdoorgemüt einen Alpinrausch. Der Hauptwegweiser auf dem Grat zeigt unser Schlussziel «Linthal» nicht an; zehn Meter unterhalb südseitig auf dem kleineren Wegweiser steht es. Der erste Teil der Wanderung durch den Kessel unterhalb des Gemsfairenstocks stellt nun ein Rätsel: Wie ohne Kletterei durch die Wand des Schattenplänggli und die Fritterhoren kommen?

Aus der Nähe sieht man, dass es problemlos möglich ist. Der Weg quert eine abschüssige Geröllhalde, zieht oberhalb der Horen durch, ist nie wirklich ausgesetzt. Neue Berge wie der Rüchi rücken derweil ins Gesichtsfeld. Bald stehen wir auf dem Grat von Frittern, der Kantonsgrenze. Wir bekommen einen neuen Bergkessel serviert samt der blauschwarz schimmernden Wand des Gemsistocks als Augenschmaus.

Am Walenbach geht es später auf gutem Weg abwärts, wobei wir uns irgendwann zwischen «Linthal» und «Sandwald»– unsere Richtung – entscheiden müssen. Wir queren den Bach, folgen ihm auf der rechten Seite, geraten in eine verkrautete Buschzone, dann in einen Birkenhain, dann in den brutal steilen Sandwald. Kehren bringen uns hinab zur Linth auf ein Kiessträsschen. Wo die Linth sich zur Schlucht verengt, wird sie von der Pantenbrücke gequert. Respektive: den Pantenbrücken. Die neue Brücke von der Wende zum 20. Jahrhundert sitzt auf der knapp 50 Jahre älteren; das sieht aus wie Sex unter Amphibien.

Ein zeitgenössisches Schauspiel

Gleich danach ein ganz und gar zeitgenössisches Schauspiel: Vo unserem Strässchen schauen wir direkt aufs Tierfehd, den Abschluss des Glarner Grosstals. Eine zyklopische Baustelle präsentiert sich. Unablässig schwebt nebst der normalen Seilbahn eine Lastplattform mit Material hinauf zum Limmernsee. Der Stromriese Axpo ist im Rahmen des Projekts «Linthal 2015» daran, ein neues Pumpspeicherwerk zu realisieren (der TA berichtete letzte Woche gross).

Bei der Seilbahn-Talstation liegt das Hotel Tödi; man kocht gut, und die Terrasse ist herrlich für alle Lärmresistente. Das letzte Stück der Wanderung führt nun, immer wieder Bachläufe querend, links der Linth durch Auen, Wälder, Weiden via Bogglaui und Fätschli zum Bahnhof Linthal. Dort wackeln die Knie, im Abstieg hat man gut 1680 Höhenmeter gemacht. Aber, hoffe ich vermittelt zu haben: Die Strapaze lohnt sich!

***

Route: Fisetenpass-Bergstation – Sulz – Frittern – Frittern, Grat mit Kantonsgrenze – Matt – Geissstein – Verzweiger mit den Abwärtsvarianten Linthal oder Sandwald – Sandwald – Pantenbrücke – Tierfehd – Bogglaui – Fätschli – Bahnhof Linthal.

Gehzeit: 5 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 320 Meter auf-, 1680 abwärts.

Anreise: Auf den Urnerboden kommt man derzeit mit dem privaten «Urnerboden-Sprinter», am Vortag reservieren! Abfahrt ab Linthal Bahnhof um 9.00.

Vom Urnerboden (Dorf) nimmt man das Seilbähnchen auf den Fisetenpass/-grat.

Alternativ kann man auch am Vortag anreisen und in Urnerboden-Dorf übernachten.

Wanderkarte: 246 T «Klausenpass», 1: 50’000.

Charakter: Die ersten knapp vier Stunden bis zum Erreichen der Linth alpine Bergwanderung. Trittsicherheit vonnöten. Grossartige Sicht. Hernach einfach. Die Unternehmung als Ganze ist sehr anstrengend, weil man weit absteigen muss auf ruppigen Wegen.

Sicherheit: Um diese Jahreszeit sollte man nie allein eine Bergwanderung machen. Diese Route führt durch eine speziell einsame Gegend.

Höhepunkte: Der Beginn mit Weitsicht und Tiefblick auf dem Fisetengrat. Die schlaue Wegführung über den Fritterhoren. Der schäumende Walenbach. Die Pantenbrücke und die Linthschlucht. Die gewaltige Axpo-Baustelle.

Kinder:
Weit.

Hund:
Weit.

Einkehr: Hotel Tödi in Tierfehd. Durchgehend warme Küche. Im Oktober Sa/So geschlossen. Das Hotel liegt gleich bei der Axpo-Baustelle, derzeit werden aus Lärmschutzgründen keine Zimmer vermietet.

Axpo-Baustelle: Mit gut gemachtem Animationsfilm.

Den Artikel im Tages-Anzeiger von letzter Woche findet man hier.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

5 Kommentare zu «Ein Alpinrausch und zwei Baustellen»

  • Ich stimme Ihnen voll zu. Ich habe diese Route ab dem Klausenpass bereits mehrmals unternommen, mit einer Uebernachtung auf der Claridenhütte und einem Mittagessen mit Kuchen auf der Fridolinshütte.

  • Franz Fellmann sagt:

    Lieber Herr Widmer
    Haben Sie nie daran gedacht, die Route anders herum zu laufen? Nur 300m aufwärts und über 1700m abwärts empfinde ich als Qual. Ein klassischer „Kniebrecher“ eben. Selbstverständlich sind 1700m aufwärts viel, aber nur 300m abwärts zu leiden, finde ich eine tolle Aussicht. Oder sind es meine alten Knochen, die dagegen aufmucken?

  • Thomas Widmer sagt:

    Danke für das Lob! Und das mit dem Zweitäger ist auch eine gute Idee.

  • chaeppi sagt:

    Sehr schön. Noch besser: Machen Sie einen Zweitäger draus und besuchen Sie die nette Hüttenwartin der Fridolinshütte. NB: Da isst man auch gut…

  • Irene feldmann sagt:

    Heimweh…..Super-tolle-megastarke Bilder!!!!!

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