Die schwierigste Nordwandroute der Schweiz geknackt

Wo soll die Route durchgehen? Felsstudium mit dem Feldstecher. Wichtig ist, dass man sich Fixpunkte wie Bänder, Linienführung sowie Einstiegsbereich schon im vorherein merkt. In der Wand sieht alles anders aus und man orientiert sich an den vorgemerkten Fixpunkten.

Wo soll die Route durchgehen? Felsstudium mit dem Feldstecher. Wichtig ist, dass man sich Fixpunkte wie Bänder, Linienführung sowie Einstiegsbereich schon im Vorhinein merkt. In der Wand sieht alles anders aus und man orientiert sich an den vorgemerkten Fixpunkten.

Der grosse Tag fand zwar schon vor einigen Wochen statt, aber bescheiden wie Matthias Trottman ist, hat er die Klettermagazine erst jetzt informiert: Am 16. August 2013 gelang dem Zürcher Extremkletterer die erste Rotpunktbegehung der derzeit schwierigsten Nordwandroute der Schweiz. «Hattori Hanzo» verläuft am Titlis über sieben Seillängen, für die letzten drei Seillängen ist ein Überhang von dreissig Metern zu überwinden, die Schlüsselstelle hat er mit dem Schwierigkeitsgrad 8b+ bewertet.

Ausserordentlich ist nicht nur Trottmanns Kletterleistung, sondern auch seine Abenteuerlust, seine Faszination und Geduld, solch schwierige Routen zu erschliessen. Denn da steckt mehr Arbeit dahinter, als man vielleicht meinen könnte. Es beginnt mit der Suche nach Felswänden von kletterbarer Qualität, die auch noch an «lässigen» Orten sind. Dann gilt es, mögliche Linien ausfindig zu machen, sich mit anderen auszutauschen und, wenn alles gut hinterfragt und überlegt ist, mit der Bohrmaschine aufzukreuzen.

Im Fall von «Hattori Hanzo» hat dieser Prozess 1996 begonnen. Damals hat Matthias Trottmann von Engelberg aus die Titlis-Nordwand das erste Mal gesehen, in ihren Strukturen ein Paradies für Routen entdeckt. Aber zu dieser Zeit lag noch ganzjährig Schnee auf dem Titlisgipfel, was Steinschlag auslöste und Klettern unmöglich machte. Inzwischen ist das anders. Das Magazin «Bergsteiger» schrieb vor einigen Jahren in lustiger Klettersprache: «Diese Situation hat sich verändert und das Klima hat sich erwärmt, weil die Menschen so viel Auto gefahren und im Flugzeug geflogen sind, weil sie die Lichter in ihren Wohnstätten nicht löschten und die Schafe am Titlis so viel furzten. Bitte um Verzeihung für diesen Satz, aber ausnahmsweise hatte die Klimaerwärmung diesmal einen positiven Effekt.»

2006 stieg Trottmann zusammen mit seinen Bergkollegen und der Bohrmaschine erstmals in die Titliswand ein und begann, mehrere Routen einzurichten. «Hattori Hanzo» war erst sechs Jahre später fertig. Der Zeitaufwand für einen einzelnen Bohrhaken konnte bis 8 Stunden betragen. Von Zürich bis Engelberg dauert die Fahrt eineinhalb Stunden, der Aufstieg zum Wandfuss weitere eineinhalb Stunden, von dort bis zum Routeneinstieg nochmals eine Stunde, dann eine halbe Stunde Material sortieren und Kaffee trinken, bis sie überhaupt losklettern konnten. Trottmann bezeichnet es zwar als Luxus, dass man von der Stadt Zürich aus «nur vier Stunden» braucht, um in einer Nordwand zu sein. Dennoch muss man ernsthaft dranbleiben, wenn man ein Projekt dieses Formats ernsthaft beginnen und abschliessen will. Nebst Idealismus ist auch viel Flexibilität nötig, denn das Wetter entscheidet den Verlauf mit.

Hier im Alpinblog zeigt Matthias Trottmann Bilder, wie «Hattori Hanzo» entstanden ist:

Matthias TrottmannIn den einfachen Passagen wird mit der Bohrmaschine losgeklettert. Sobald es anspruchsvoller wird, ist die Bohrmaschine fixiert und via Schleppseil verbunden, sodass man sie nachziehen kann, sobald man eine Cliffposition gefunden hat.

Matthias TrottmannZeit für eine Noodle Soup: Der brandneue Jetboil wird das erste Mal getestet (2006).

Matthias Trottmann
Luftige Angelegenheit: Einige Hundert Meter Luft unter den Füssen am Stand der Schlüsselseillänge.

Matthias TrottmannDas «Hotel Titlis» mitten in der Wand: Beste Aussicht und Tiefblick aus dem Portaledge.

Matthias TrottmannAn guten wie an schlechten Tagen wurde gebohrt: Einige Male wurden sie mitten in der Wand von einem Gewitter überrascht. Der grosse Überhang bietet einen perfekten Wetterschutz.

Matthias TrottmannMatthias im Nachstieg in der ersten Seillänge von «Hattori Hanzo».

Matthias TrottmannWährend des Bohrens in der Schlüsselseillänge (8b+).

Matthias TrottmannDas Abseilen ist eine luftige Angelegenheit. Dank dem vorfixierten Seil kann man sich wieder in den Überhang reinziehen und so gut zum Stand gelangen.

Matthias TrottmannBiwak Galtiberg in der Morgensonne: Eine Blache bietet Schutz vor einem Regenguss.

Matthias Trottmann16. August 2013, am Tag der ersten Rotpunktbegehung: Matthias Trottmann macht nach vier Seillängen ein Nickerchen.

Wie Matthias Trottmann die Erstbegehung erlebt hat, weshalb er müde war und nicht mehr geglaubt hatte, dass sein Vorhaben an diesem Tag klappen wird, wie er es am Ende doch schaffte und was ihn überhaupt motiviert und antreibt – lesen Sie morgen in der Printausgabe des «Tages-Anzeigers» auf der Alpinismusseite und nächsten Montag in «Der Bund».

Tipp: Wer Matthias Trottman persönlich kennen lernen möchte, hat kommenden Samstag und Sonntag, 29./30. September 2013 Gelegenheit. Er wird jeweils den ganzen Tag dabei sein, wenn der Zürcher Boulderclub Minimum am neuen Standort Eröffnung feiert. Adresse: James – Halle 7, Flüelastrasse 29, 8047 Zürich. Sa: ab 13 Uhr freies Bouldern, ab 20 Uhr Konzert und Party. So: ab 11 Uhr Brunch, ab 12 Uhr freies Bouldern mit stündlichen Instruktionen.

8 Kommentare zu «Die schwierigste Nordwandroute der Schweiz geknackt»

  • Joachim Adamek sagt:

    Echt unglaublich, mit welcher Ausdauer und Hartnäckigkeit Herr Trottmann dieses Nordwand-Projekt verfolgt hat. — Und danke für diesen tollen Bericht. Je länger ich mir die Fotos anschaue, um so grösser wird mein Respekt.

  • hallo natascha und matthias

    vielen dank für dein super beitrag und die tollen fotos.
    gratulation zu dieser grandiosen leistung. matthias trottmann zeigt, was saubers klettern heisst. bei Ihm spürt man, dass
    er respekt, achtung und ehrfurcht vor dem berg hat. weiter so.

    ich freue mich seine nächsten projekte und taten zu lesen.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch
    raphael

  • Aschi sagt:

    Gratulation für die auserordentliche Leistung des Kletterers. Frage an N.K.: gibt es keine N-Routen 8c? Interessant, dass ausnahmsweise einmal die Klimaerwärmung den Steinschlag stoppt statt fördert.

  • Urs Kyburz sagt:

    Grandiose Leistung in grandioser Umgebung. Leider weit ausserhalb meiner Reichweite (klettertechnisch, nicht geografisch). Danke für die tollen Fotos.

  • Tom sagt:

    Schade, dass der wirklich interessante Teil des Blogs auf die Printausgaben beschränkt wird. Wenigstens entschädigen die tollen Bilder.

    • Pu sagt:

      Vorschlag: Ein Porbe-Abo Tagi für 6 Wochen kostet Sie 70 Rappen pro Tag. Wenn Sie wirklich interiesst sind, sollten Sie wissen, dass Sie vermutlich für Radio/tv fast das Doppelte pro Tag ausgeben.

  • Tom sagt:

    Super Leistung. Gelungener Beitrag. Tolle Fotos.
    Danke Natascha. Bravo Matthias!

  • Konradin sagt:

    Herzlichen Glückwunsch, auch zu den schönen Bildern!
    Vor solchen Top-Sportlern – die dann auch noch bescheiden geblieben sind – habe ich wirklich grössten Respekt.

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