Mittelholzers Matter Martyrium

Diese Woche über den Risetenpass (SG/GL).

Als wir in Weisstannen starteten, nebelte es. Die Anreise von Sargans via Mels war munter gewesen, der Bus voller Kinder. Die Schule von Weisstannen sei vom Aussterben bedroht gewesen, erzählte uns der Fahrer. Darauf habe man sie zur Schule mit Tagesstruktur umgewandelt, mit Mittagstisch und so weiter – ein Riesenerfolg! Das kleine St. Galler Bergdorf konnte aufatmen: Schule gerettet dank der Kinder aus dem Tal.

Wir zogen los Richtung Risetenpass, vor uns ging ein Mann, der uns etwas verwahrlost vorkam, aber ein freundliches Gesicht hatte. Er trug einen Riesenrucksack, ein Pudel beinelte neben ihm. Wir schlossen auf und fragten, wo er hinwolle. Über den Foopass, sagte er, er werde unterwegs in einer Hütte übernachten. Der Foopass: Das ist sozusagen der Bruder unseres Risetenpasses. Beide führen vom Weisstannental hinüber ins Glarnerland, der eine nach Elm, der andere nach Matt.

Blauer Himmel und königliche Laune

Diese erste Wegstrecke zur Alp Vorsiez, die gut eine Stunde Gehzeit will, kann man an Wochenenden auch mit dem Bus zurücklegen. Wir hätten dadurch zwar Zeit gewonnen, aber Schönheit verpasst, fanden wir; die wilde Seez war ein Genuss. Einige Zeit nach Vorsiez teilten sich die Wege, der Pudelmann hielt geradeaus, wir rechts. Und dann kam die Sonne, der Himmel wurde blau und unsere Laune königlich.

Hinauf nach Obersiez gingen wir auf Asphalt. Aus dem Kessel der weiträumigen Alp sahen wir dann bereits den Risetenpass. Der Aufstieg zu ihm vollzog sich in einer pfleglich ausholenden Kurve. Endlich waren wir oben, liessen uns auf der Grenze der Kantone St. Gallen und Glarus zur Rast nieder. Hinter uns stand im Horizont ein Gewaltsgipfel, die Schesaplana. Vor uns zackte es hundertfach, ich erkannte Tödi, Kärpf, Ortstock, um nur einige zu nennen.

Ein zäher Kerl

Auf der Passhöhe war an einem Felsen eine Gedenktafel angebracht: 1988, militärischer Flugunfall, vier Tote. Ein früherer Flugunfall ganz in der Nähe bei den Risetenhörnern fiel mir ein. Im März 1922 hob der Schweizer Aviatikpionier Walter Mittelholzer in Mailand ab. Sein Ziel war Dübendorf. Im Linthgebiet geriet er in dichten Nebel.

Er sah nichts mehr. Dann ein Knall. Als Mittelholzer aufwachte, lag er im tiefen Schnee. Sein linkes Bein war verletzt. Als Bergtourengänger erkannte er, wo er war: Glarnerland! Ein anderthalbtägiges Martyrium folgte. Durch den Schnee kroch er talwärts, nächtigte in einer eisigen Alphütte, kroch am nächsten Tag weiter, erreichte gegen Mitternacht Matt, war aber so erschöpft, dass er an der Dorfstrasse einschlief. Am nächsten Tag wankte er, den Fliegerhelm auf dem Kopf, die Kleider blutüberströmt, in eine Wirtschaft und bat um heissen Tee und Wein.

Ein zäher Kerl, fürwahr! Wir stiegen ab, erreichten besagtes Chrauchtal. Dann die letzte Etappe: Auf einem Höhenweg rechts des Tales hielten wir Richtung Weissenberge, wie das Plateau über Matt heisst. Bevor wir dort die Seilbahn hinab nach Matt nahmen, kehrten wir ein. Die Wirtschaft zum Weissenberg ist bekannt für ihren schrägen Boden; tatsächlich wurde mir beim Gang aufs WC fast schwindlig. Die Rösti war dann göttlich, das Lokalbier «Panix Perle» sowieso. Derweil wir uns von der anstrengenden Wanderung erholten, kroch draussen wieder der Nebel heran. Und war das egal, wir waren voller Licht und Wärme.

***

Route: Weisstannen Oberdorf – Weisstannen Vorsiez (bis hierhin an Wochenenden derzeit auch mit dem Bus) – Obersiez – Risetenpass – Vorder Winggelhütten/Chrauchtal – Matt Weissenberge (Seilbahn hinab nach Matt zum Bus Richtung Bahnhof Schwanden GL).

Gehzeit: 7 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 1360 Meter auf-, 1110 abwärts.

Wanderkarte: 247 T «Sardona», 1: 50 000.

Charakter: Klassische Passwanderung mit ungeheuer viel Aussicht und wechselnden Szenarien. Keine ausgesetzten Stellen. Sehr anstrengend.

Höhepunkte: Das Einlaufen an der jungen Seez Richtung Vorsiez. Der Alpkessel von Obersiez. Der Weit- und Tiefblick auf dem Risetenpass. Das Erreichen der Weissenberge und das Bier «Panix Perle» in der Wirtschaft.

Kinder: Nur für trainierte Kinder, der Weg ist weit.

Hund: Machbar, wenn das Tier fit ist.

Tipp: Am Vortag nach Weisstannen reisen. In der «Gemse» – gemütliche Dorfbeiz – schlafen und eine Forelle aus eigener Zucht essen. Di ist das Restaurant zu.
www.weisstannen.ch

Einkehr: unterwegs nur auf Vorsiez (Alp Siez). offen bis circa Ende Oktober. Ab Mitte September am Montag zu.
www.alpsiez.ch
Edelwyss in Matt-Weissenberge, Di/Mi zu.
www.weissenberge.ch
Wirtschaft zum Weissenberg in Matt-Weissenberge, Do Ruhetag.
www.wirtschaft-weissenberg.ch

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

7 Kommentare zu «Mittelholzers Matter Martyrium»

  • Toni sagt:

    Lieber Thomas Widmer. Obwohl selber lieber in T5/6 Bereichen unterwegs, lese ich sehr gerne Ihre unterhaltsamen Wanderberichte. Wären doch nur alle TA Blogs auf diesem stilistischen Niveau.
    Ein kleiner Faux Pas ist Ihnen hier jedoch unterlaufen: „Panix Perle“ der Adlerbräu zählt nun definitiv nicht zu den Sternstunden schweizerischer Bierbrauerkunst. Das sehen übrigens die Glarner genauso – und trinken lieber das raffiniertere Bügel-Spez der gleichen Brauerei.

    • Thomas Widmer sagt:

      Lieber Toni, ich protestiere, Panix Perle ist wunderbar. Okay, ich gebe auch zu, das Bügelspez kenne ich nicht.

      • Christian Streiff sagt:

        Panix Perle („Spezli“) und das Bügelspez ist das gleiche Bier, nur in verschieden grossen Flaschen.
        Wunderbar sind demnach beide! Wie man sieht macht jedoch das Trinkgefühl aus der grossen Bügelflasche sehr viel mehr her! :)

  • Bochsler Peter sagt:

    Als ehemaliger Militärpilot (1972 – 2008) und Flugunfallexperte würde mich interessieren, für welchen militärischen Flugunfall die Gedenktafel auf dem Risetenpass steht. Meines Wissens hat sich 1988 weder am Risetenpass noch sonst wo in der Schweiz ein militärischer oder ziviler Flugunfall mit 4 Toten erreignet. Für eine aufklärende Antwort wäre ich dankbar.
    P.Bochsler

  • Nenae Willi sagt:

    Danke fuer den guten Bericht. Leider ist im zweiten Abschnitt ein Fehler eingeschlichen. Sie schreiben: „Einige Zeit nach Vorsiez teilen sich die Wege, der Pudelmann hielt gerade aus, wir rechts.“ Stimmt leider nicht, denn der Weg teilt sich vor der Alphuette in Vorsiez .
    Liebe Gruesse aus Neuseeland
    Nenae

    • Tschirky Hugo sagt:

      Auch mir als „Einheimischer“ im Weisstannental hat der Bericht sehr gut gefallen. Leider ist der Zeitpunkt für das Foto im Oberdorf unglücklich. Die Strasse ist dort zum Glück nicht ganzjährig so „vermistet“. Dennoch verstehe ich den Kommentar von Herrn Rittermann nicht, wenn er schreibt “ Gorillas im mist „. Im Bericht hat sich kein Fehler eingeschlichen. Der Wanderweg verläuft so wie beschrieben, nur die Strasse trennt sich vor der Alphütte Vorsiez.
      Liebe Grüsse
      Hugo

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    erinnert mich ein wenig an „gorillas im mist“. einfach ohne gorillas, daür mit dem „pudelmann“. :)

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.