Die Krux mit der Wetterprognose

Ein Gastbeitrag von Meteorologe Thomas Jordi*.

Trübe Aussichten: Die Hörnlihütte vor der Ostwand des Matterhorns. (Bild: Arno Balzarini/Keystone)

Trübe Aussichten: Die Hörnlihütte vor der Ostwand des Matterhorns. (Bild: Arno Balzarini/Keystone)

Wetterprognosen werden tagtäglich konsumiert. Die meistgesehene Sendung im Schweizer Fernsehen ist Meteo. Auch im Print und Internet geniesst das Wetter einen sehr hohen Stellenwert. Als Meteorologe freut mich das Interesse an der Arbeit unserer Zunft. Trotzdem stelle ich überraschend häufig fest, dass diese Prognose zwar konsumiert, aber nicht verstanden wird.

Wie kann es zu solchen Missverständnissen kommen? Die Wetterprognose entsteht an zwei Orten. Zuerst ist da der Meteorologe. Er liefert eine Prognose für den nächsten Tag mit einer Trefferquote von knapp 90 Prozent für die Parameter Wind, Niederschlag, Sonnenschein und Temperatur. Die Prognose muss verbreitet werden, und an diesem Punkt kann viel schiefgehen. Auch die beste Prognose wird wertlos, wenn der Kunde sie nicht versteht und in seinem Kopf eine falsche Prognose entsteht.

Segler, Bauern, Wanderer, Piloten, Stadträte – egal wie unterschiedlich die Bedürfnisse sind, die Wetterprognose in der Zeitung sieht für alle gleich aus. Was bedeutet das Symbol «Sonne, Wolken, Regen», wenn kein erläuternder Text daneben steht? Heisst das, es gibt den ganzen Tag Aprilwetter? Oder heisst es, nach einem sonnigen Morgen ziehen Wolken auf und es setzt Regen ein? Oder beginnt der Tag trüb und es folgt sonniges Wetter? Noch schlimmer: Da ein einziges Symbol oft die ganze Alpennordseite abdecken muss, kann es nicht auch bedeuten: In der Westschweiz sonnig, in der Ostschweiz Regen?

Dazu kommt unsere Psyche: Werden Sie an diesem Tag heiraten, so werden Sie die Sonne hervorheben. Haben Sie zehn Tage Dauerhitze hinter sich und keine Lust mehr aufs Giesskannenschleppen, so werden Sie Regen bevorzugen. Enttäuschungen sind also vorprogrammiert, und auch der Meteorologe nervt sich, dass er sein Wissen nur unzureichend weitergeben kann. Die Prognose leidet unter Sachzwängen von Zeit und Raum.

In den Alpen stehen 152 SAC-Hütten. Viele werden als Ausgangspunkt für Bergtouren genutzt, und dementsprechend ist das Wetter in der näheren Umgebung der Hütte von grossem Interesse. Wenn ich als Meteorologe für jeden Wetterbericht nur 5 Minuten benötigen würde, so wäre ich über 12 Stunden damit beschäftigt, Prognosen zu schreiben. Beginne ich um 4 Uhr, so wäre ich Ende Nachmittag fertig, nur werden Sie kaum in der Hütte warten, bis die hüttenspezifische Prognose eintrifft. Also muss man bereits ein erstes Mal zusammenfassen und verallgemeinern, sprich: Man bildet Regionen, in denen man das Wetter beschreibt. Eine solche Region (z.B das Wallis) ist aber nur bedingt sinnvoll, weil das Wetter in der Bietschhornhütte und in der Monte-Rosa-Hütte nur bedingt ähnlich ist. Ein weiteres Aufteilen der Regionen ist aber ebenfalls nur bedingt sinnvoll, weil der Meteorologe nicht weiss, ob das Gewitter in Gstaad, in der Lenk oder in Kandersteg zündet. Umso wichtiger ist es also, als Berggänger selbst etwas vom Wetter zu verstehen.

Um die Wetterprognose möglichst gut zu nutzen, muss man sich damit auseinandersetzen und möglichst mitdenken. Der Meteorologe weiss fast immer mehr, als in der Prognose steht. Aus diesem Grund sollte bei grösseren Vorhaben, z.B. mehrtägigen Touren, unbedingt eine Wetterberatung engagiert werden. Sie kostet nicht alle Welt. Auch der Alpenwetterbericht (Tel. 0900 162 338), ein spezifisch auf die Bedürfnisse der Tourengänger ausgerichtetes Produkt, enthält mehr Details als der normale Wetterbericht.

Gute Arbeit kostet etwas. Wenn Sie Gratis-Apps verwenden, fluchen Sie nicht über den Meteorologen. Fast alle Apps benutzen vollautomatische Verfahren, um aus einer Kombination von Stationsdaten und Wettermodellen eine Punktprognose zu errechnen. Diese gelten wirklich nur für diesen Ort. Beispiel Zürich: Apps verwenden die Station Zürich/Fluntern für die Prognose. Somit wird z.B. der Wind für Zürich teils massiv überschätzt, denn es windet an dieser höher gelegenen Station oft stärker als im Seebecken.

Gewitter bleiben unberechenbar, besonders wenn in der Prognose von einer «Südwestlage» gesprochen wird. Exakter Ort und Zeitpunkt sind kaum vorhersagbar. Ein Blick auf das Wetterradar schadet nie. Absolute Sicherheit gibt es nicht, deshalb durchaus Ernst gemeint: Schauen Sie auch mal aus dem Fenster, und nicht nur aufs Smartphone.

Thomas Jordi*Thomas Jordi hat in Zürich und Bern studiert und in Fachrichtung Meteorologie und Klimatologie abgeschlossen. Als Prognostiker hat er 8 Jahre beim Schweizer Fernsehen (Redaktion Meteo) gearbeitet und arbeitet nun seit 2012 am Flughafen für MeteoSchweiz als Prognostiker.

14 Kommentare zu «Die Krux mit der Wetterprognose»

  • hallo mitenand

    ich stimme bruno berner bei, ich habe auch beste erfahrungen mit der persönlichen wetterberatung gemacht,
    der schweizer wetterbericht ist auf sehr hohem niveau. 82% der prognosen stimmen.

    an dieser stelle danke ich den meteorologen für Ihre ausgezeichnete arbeit.

    gruesse von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Bruno Berner sagt:

    Habe bisher nur beste Erfahrungen mit der persönlichen Wetterberatung gemacht, wenn irgendwo im Gebirge unsicher war, ob ich noch etwas wagen oder doch lieber den Rückzug antreten soll. Stets ehrliche, kompetente und freundliche Erläuterung der lokalen Lage. Dafür würde ich auch 5.- pro Minute bezahlen! Besten Dank dem Meteorologenteam für die tägliche Arbeit! Und eines ist auch mir als Laie klar: Seriös ist nicht jener Meteorologe, der ausnahmslos Bescheid zu wissen vorgibt, sondern der, welcher in gewissen Situationen ganz einfach konstatiert, dass eine verlässliche Prognose unmöglich ist.

  • Gerber André sagt:

    Das sage ich ja schon lange. Besser als jede Wetterprognose ist ein Blick gen Himmel!!

  • Logi sagt:

    Mal wieder eine schöne Ausrede eines Wetterfrosches für die Lottozahlenvoraussage.

    Wenn selbst die überregionalen Wetterprognosen im 5h takt angepasst werden und zwar massiv,
    dann frage ich mich schon, für was das Geld da ausgegeben wird.

    • Urs sagt:

      Dass die Wahrscheinlichkeit für richtige Wetter-Prognosen etwas höher ist, als die für einen Lotto 6er, werden sie wohl kaum abstreiten. Aber verzichten sie doch am besten ganz auf die Frösche, und schonen sie ihre Nerven.

  • Peter Weierstrass sagt:

    Es lohnt sich auch immer ein Blick auf verschiedene Wetterdienste. Stimmt die Prognose für einen bestimmten Tag überein, dann ist die Prognose auch ziemlich sicher. Es hilft auch, ein Gespür dafür zu bekommen, welche Begriffe (bzw. welche Wettersymbole) in der Prognose was bedeuten – Prognose notieren, mitnehmen, vergleichen!

    Mit genug Erfahrung kann man selber aus Temperatur, Wind und Wolkenbild eine sehr zuverlässige Prognose für die nächsten 1-5 Stunden erstellen. Auch wenn ich das Buch selbst nicht besitze – „Wetterkunde für Wanderer und Bergsteiger“ des SAC ist ein guter Tipp.

  • Joachim Adamek sagt:

    Das war ein interessanter, informativer Insider-Beitrag. Danke, Herr Jordi! Hoffentlich findet sich die eine oder der andere motiviert, sich künftig ein wenig intensiver mit dem Wetter zu beschäftigen. Herr Jordi hat m.E. anschaulich gezeigt, weshalb man selbst der beste Wetterfrosch ist: Nicht nur, weil jeder ganz bestimmte Interessen hat, sondern vor allem weil die Prognose für eine ganz bestimmte Zeit für ein ganz bestimmtes Gebiet gelten soll. Hier braucht es Kenntnisse, die über Meteorologie hinausgehen, geologische und topographische Kenntnisse, jede Menge Erfahrung und Übung.
    Ich weiss nicht, was ich bei der Tourenvorbereitung spannender finde: Der Blick auf die Wetterhistorie oder die Beschäftigung mit der geologischen Besonderheit.
    Klar, ein Klick aufs Wetterradar und die Langzeitprognose unmittelbar vor Tourenbeginn sollte ein MUSS sein. Ausserdem ist es sicherlich sinnvoll, sich bereits vor der Tour mit der neu erworbenen Ausrüstung vertraut zu machen. Denn wer will schon, beispielsweise, morgens im nassen Schlafsack aufwachen, während das Gras ringsum viel trockener ist? Dabei wäre dies vermeidbar gewesen, wären nicht alle Lüftungsreissverschlüsse geschlossen gewesen …

  • chaeppi sagt:

    Hilfreich wäre vielleicht, wenn die Wetterpäpste bereits in Ihrer Prognose jeweils eine gewisse Unsicherheit erwähnen würden. Ihre Prognosen klingen jeweils so, als hätten sie alles im Griff.

    90 % Trefferquote? Scheint mir etwas hoch gegriffen. Und wenn’s nicht klappt, ist der Konsument schuld: Schauen Sie doch aus dem Fenster… Danke für den Tipp, aber dafür brauche ich keinen Bucheli.

    • Peter Weierstrass sagt:

      Zum Beispiel meteoblue.ch erwähnt die Unsicherheiten deutlich:

      Prognose für die Kleine Scheidegg.

      Man kann auch die 14-Tages-Prognose anklicken und erhält dort die Niederschlagsmengen mit einem Fehlerbereich und mit der Wahrscheinlichkeit, dass es am betreffenden Tag überhaupt regnet oder schneit. Das finde ich eine transparente Information – auch wenn die Fülle an Zahlen und Prognosen dort dazu verleitet, Touren mit zu kleinen Sicherheitsmargen zu planen.

      • Thomas Jordi sagt:

        Der Abschnitt über die Wahrscheinlichkeiten fiel leider der Kürzung zum Opfer.
        Rein aus Interesse: wenn Regenmenge 3 mm steht und Regenwahrscheinlichkeit 35 %, was machen Sie dann?

        • Peter Weierstrass sagt:

          Das ist recht einfach. Schadensgrösse x Schadenswahrscheinlichkeit = Gefahr ist eine recht nützliche Formel, und zwar nicht nur hier.

          0.35 * 3 = 1.05. Soviel Regen ist also zu erwarten.

          Je nach dem wieviel Sicherheitsmarge ich brauche kann ich die 3 mm auch nach oben anpassen – also 0.35 * 4.5 zum Beispiel gibt 1.56 mm Regen an einem Tag.

          Aber das kann man gleich wieder nach unten korrigieren, weil die 14-Tages-Prognose von meteoblue nichts darüber aussagt, ob es tagsüber oder nachts regnet. Also doch eher 1 mm für den Tag.

          Fazit: Man *kann* die Zahlen sehr gut interpretieren!

          • Thomas Jordi sagt:

            Ich habe eben befürchtet, dass es so interpretiert wird. Allerings ist es eben nicht die Wahrscheinlichkeit, dass es 3 mm regnet, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt regnet. Es sei denn meteoblue würde sich da sehr unüblich verhalten.
            In dem Fall ist in 35 von 100 Fällen Regen zu erwarten. Fallen sollten 3 mm. Damit haben sie auch noch keine Aussage, wie warhscheinlich es ist, dass es z.B. > 5 mm regnet.
            Das Intervall bezieht sich auf die vergangenen 3 Stunden.

  • Dieter Neth sagt:

    Das ist zwar alles richtig, aber ich kann nicht ganz einsehen,weshalb die sehr nützlichen Radardaten nicht als Service public zugänglich sind.Dasselbe hochauflösende Satellitenbilder,welche auch aktuell sind.Ausgerechnet in den erzkapitalistischen USA sind diese Daten werbefrei und kostenlos über NOAA rund um die Uhr verfügbar. Bei SF Meteo fällt mir zudem auf, dass auch bei einer offensichtlichen Wetteränderung mehr oder weniger an der Prognose vom Vortag festgehalten wird.Auch das 5 stufige Warnsystem scheint fürs Publikum sehr verwirrend zu sein.Für Outdoor Vorhaben ist meteox.de recht gut!

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