Fussballfelder im Gebirge

Diese Woche im Glattalpgebiet (GL/SZ)

Noch zehn Meter zur Furggele, noch fünf, noch einer – und jetzt dieser ganz neue Blick: Zacken sondern Zahl am Horizont. Direkt vor mir zur Linken eine Bergterrasse, geschmirgelt vom vorzeitlichen Gletscher. Rechts vor mir ein Schrattenkalkhang. Und dazwischen die Glattalp und in sie eingelassen ein See von geradezu absurdem Blau. Es ist ein Augenwunder.

Das gute Theaterstück

Ich habe es mir erschwitzen müssen. Und weil ich dabei soviel Abwechslung erlebte, gestatte ich mir, diese Wanderung als Folge einzelner Akte zu präsentieren. Sie gleicht in ihrer Vielgestaltigkeit einem guten Theaterstück.

Erstens: Von Braunwald fahre ich auf den Kleinen Gumen und freue mich über die neue Bahn, zu der ein zumthoresk minimalisiertes Talstationsgebäude gehört. Gut, dass man gehandelt hat; ich mochte den Nostalgiekult um den alten Sessellift nicht. Die speditive moderne Sessel-Gondel-Anlage ist mir lieber.

Zweitens: Durch eine steile Wiesen-Geröll-Flanke gehe ich vom Kleinen Gumen vorwärts und dann auf einem gestuften Felsenpfad hinauf zum Bützi. Schon dieser Teil ist ausserordentlich aussichtsreich. Imposant der Ortstock, Braunwalds Hausberg, ein Doppelgipfel, dem wir recht nahe kommen werden.

Drittens: Beim Bützi wird alles anders. Zur Linken habe ich nun die senkrecht abfallende Legerwand. Vor mir aber erstrecken sich endlos die Karren, sie gehören zum grössten zusammenhängenden Karrenfeld der Schweiz, einer Wüste aus grauweissem Kalk. Regen und Schmelzwasser haben sich in ihn eingefressen wie ätzende Säure. Hier wandern heisst, immer zu Boden blicken, auf dass man nicht in eine der Rillen stürzt.

Der härteste Teil

Viertens: Das Euloch mit dem Lauchboden ist dann ein Naturwunder. Mitten in dem grauen, zerfressenen Mordorkalk erstreckt sich vollkommen ebener Grund, bewachsen mit einer Art Rasen; die wenigen kleinen Steine könnte ein Platzwart in einem Tag Arbeit wegrechen, um dann zwei, drei vier Fussballfelder einzurichten.

Fünftens: Nach dem Lauchboden kommt der härteste Teil der Unternehmung. Ein Wegweiser weist darauf hin mit dem Warnprädikat «anspruchsvoll». Der Hang zur Furggele ist eine abschüssige Geröllhalde, der Weg zickzackt hinauf, die meiste Zeit des Jahres liegt Schnee. Wer den Aufstieg wagt, für den sei ein Sicherheitshinweis deponiert, den ich ernst meine: Er braucht einen Pickel. Oder leichte Steigeisen. Oder mindestens Wanderstöcke. Nein, einfach ist das nicht.

Geländemulde und sagenhafte Temperaturen

Sechstens: Endlich die Furggele, der erwähnte Blick hinab zur Glattalpsee ermuntert mich. Von der Furggele könnte ich mit wenig Aufwand auf den Ortstock hinauf… heute nicht. Ich steige ab, und es dauert und braucht meine Bremsmuskeln, bis ich den See und endlich dessen Westspitze erreiche. Die Glattalp, eine Geländemulde, hält übrigens den inoffiziellen Schweizer Kälterekord. Hier oben werden sagenhafte Minustemperaturen erreicht, im Februar 1991 sollen es -52,5 Grad Celsius gewesen sein.

Dies bedenkend, erreiche ich das Restaurant Glattalp, einen Hort alpiner Gemütlichkeit. Ganz in der Nähe liegt die Seilbahn, die mich hernach ins Bisistal hinabtragen wird. Vorerst nehme ich draussen einen frischgebackenen Nussgipfel und ein Flauder-Panaché und denke: Es gibt leichtere Arten, vom Glarnerland in den Kanton Schwyz zu wechseln. Aber schönere?

Route: Braunwald, Kleiner Gumen (Bergstation Sessel-Gondel-Bahn) – Bützi – Euloch/Laucbhoden – Furggele – Glattalpsee – Glattalp (Bergstation Seilbahn hinab nach Sahli im Bisistal).

Infos

  • Dauer: 5 1/2 Stunden.
  • Höhendifferenz: circa 500 Meter aufwärts, 550 abwärts.
  • Charakter: Anstrengende Route. Der Aufstieg vom Lauchboden zur Furggele ist äusserst steil und wegen der Schneefelder heikel. Stöcke, leichte Steigeisen oder ein Eispickel angeraten.
  • Höhepunkte: Eigentlich jede Minute. Der Schrattenkalk. Der grüne, flache Lachboden mitten in der graune Wüste. Der Glattalpsee von der Furggele aus.
  • Einkehr: Bei der Glattalp zehn Minuten vor der Seilbahnstation. Das Restaurant (kein Ruhetag) ist noch anderthalb Wochen offen.

Landeskarte 1:25 000: 1173 «Linthal».

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch, oder auf www.thomaswidmer.ch

Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com/

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