Biken schafft Ablenkung und Linderung

In diesem Gastbeitrag schildert Ueli Freudiger, wie nächtliche Ausfahrten auf seinem Bike ihm halfen, die Zeit mit seiner sterbenden Frau zu ertragen. Nachdem sie an ihrem Krebsleiden erlag, trat er für sie am Race Against Cancer in die Pedale.

Vor einigen Jahren begann sich meine Frau Vroni für das Saxophon zu begeistern und spielte schon bald mit Leidenschaft in einer Blasmusik. Ich meinerseits entdeckte das Radfahren und Biken als gelegentlichen Ausgleich zu unserem gemeinsamen intensiven Berufsleben in einem Seeländer Landwirtschaftsbetrieb. Gegenseitig unterstützten wir uns: Ich besuchte mit Freude ihre Konzerte, sie feuerte mich an den Bike-Events lautstark vom Strassenrand an. 27 Jahre waren wir verheiratet, arbeiteten hart, gingen gemeinsam durch dick und dünn, zogen zwei Kinder gross, Sarah und Reto.

Wir teilten ein liebevolles Leben praktisch 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Unser Motto, sowohl im Betrieb wie auch zu Hause: «Geht nicht  gibt’s nicht!» Ausser für unsere fünfwöchigen Flitterwochen in Australien 1985 gönnten wir uns ausschliesslich Kurzurlaube, drei, vier Tage am Stück und etwas längere Winterferien. Wir waren zufrieden, einzig eine Kreuzfahrt stand weit oben auf unserer Liste der Dinge, die wir irgendwann mal unternehmen wollten. Irgendwann.

Am 4. Oktober 2009, zwei Tage nach Vronis Geburtstag, änderte sich unser beider Leben, das Leben unserer Familie, radikal. Bereits seit Tagen fühlte sich Vroni unwohl. Sie suchte ihren Hausarzt auf, der ihr mitteilte, etwas sei ganz und gar nicht ok: Verdacht auf Krebs. Die Nachricht wühlte uns auf. Obwohl Krebs in unseren Familien kaum je auftrat, fand sich in unserem Bekanntenkreis mittlerweile eine stattliche Anzahl Personen, die an unterschiedlichen Krebsarten erkrankten und teilweise daran starben. Vroni wurde ins Berner Engeriedspital überwiesen. Die Ärzte entdeckten verdächtige Schattierungen und bestätigten die vermutete Diagnose: Brustkrebs.

Positive Wirkung von Sport in der Natur

Im nahe gelegenen Restaurant Neufeld tranken wir einen Kaffee und einen Tee, sassen still da, hielten uns an den Händen und umarmten uns. Wir hatten keine Ahnung, wie wir dies den Kindern mitteilen wollten. Eines aber war klar, wir wollten nichts verheimlichen, nichts beschönigen. In der Familie und in unserem Bekanntenkreis kommunizierten wir immer sehr offen. Und gerade in diesem Augenblick wollten wir uns erst recht daran halten. Einmal monatlich luden wir Angehörige und Bekannte in den Betrieb ein, sprachen über Vronis Gesundheitszustand, assen und tranken gemeinsam. Unsere Bekannten erkundigten sich entsprechend unbefangen nach Vronis Gesundheit.

Die guten Augenblicke, wenn es Vroni wieder besser ging, wurden immer rarer. Wir erhielten von den Ärzten bezüglich des Krankheitsverlaufs immer öfters schlechte Berichte und immer seltener gute Neuigkeiten. Dennoch waren wir zuversichtlich. Gemeinsam waren wir all die Jahre stark, auch diese Prüfung glaubten wir zu meistern. Wir waren sicher, dass wir nur durch diesen langen dunklen Tunnel zu gehen hätten, an dessen Ende aber wieder die Sonne scheinen werde. Wir sprachen wir oft darüber, was wir noch gemeinsam unternehmen, gemeinsam erleben wollten. Die geplante Kreuzfahrt war nun in die Ferne gerückt, wir wollten diese aber baldmöglichst nachholen. Leider verschlechterte sich Vronis Gesundheitszustand derart rasant, dass dies zumindest vorläufig ein Traum blieb. Ein schöner Traum.

In dieser schweren Zeit entwickelte sich mein Hobby, welches ich ein paar Jahre zuvor unregelmässig gepflegt hatte, zur eigentlichen Therapie: Mein Rad wurde zu einem wichtigen Begleiter. Nach der Arbeit fuhr ich nach Bern ins Spital zu Vroni und kehrte erst gegen zehn Uhr Abends nach Hause zurück. Schlafen wäre allerdings unmöglich gewesen, meine Gedanken kreisten in einer Endlosschlaufe um Vroni, ihren sich zunehmend verschlechternden Gesundheitszustand, unsere Familie, unseren Betrieb. Unmöglich, zur Ruhe zu kommen. Also montierte ich die Stirnlampe an meinen Helm, setzte ich mich aufs Bike und fuhr noch ein, zwei Stunden bis weit nach Mitternacht durch Felder und Wälder. Dies ermöglichte es mir einigermassen, Abstand zu den Sorgen zu gewinnen, den Kopf wieder etwas frei zu kriegen. Sport in der Natur wirkte sich auf meinen Gemütszustand deutlich positiver aus als jede Form einer ärztlichen Psychotherapie.

«Vroni lebte noch, als ich die Magnesiumflasche auf dem Baumstrunk deponierte»

Weil wir nie ein Geheimnis aus Vronis Krebserkrankung machten, kannten auch meine Kollegen des Veloclubs unsere private Situation und wussten auch, wie es Vroni im Augenblick ging. Während dem Biken und der anschliessenden gemeinsamen Zeit bei einem Glas Bier und dem gemeinsamen Nachtessen sprachen wir oft stundenlang über Vroni. Sie merkten, wann ich über die Krankheit sprechen konnte und wann mir nicht danach war. Sie nahmen grossen Anteil an unserer Situation, unterstützten mich mit lieben Worten und guten Ratschlägen. Dann und wann waren wir nur in einer kleinen Gruppe unterwegs, setzten uns nach einer schönen Tour auf einer Juraweide auf den Boden, sprachen über das Leben und das Sterben.

«Geht nicht, gibt’s nicht» funktionierte dieses Mal nicht. Vroni und ich mussten zur Kenntnis nehmen, dass der Krebs trotz aller medizinischen Fortschritte oft stärker ist. Am 1. März 2011 starb Vroni. In den letzten Wochen und Tagen war immer jemand der Familie bei ihr. Ich kündigte meinen Besuch auf 18.30 an, telefonieren war nicht mehr möglich. Ich bereitete mich im Büro vor, meinen Sohn Reto am Krankenbett abzulösen. In dem Augenblick, als ich losfahren wollte, kam der Anruf von Reto. Er verliess das Spitalzimmer nur für einen kurzen Augenblick. Als er wieder reinkam, lebte seine Mutter nicht mehr. Meine Tochter Sarah und ich stiegen sofort ins Auto, wir fuhren ins Spital um gemeinsam Abschied zu nehmen.

Am Morgen des Tages, als Vroni starb, ereignete sich etwas Eigenartiges. Ich ging frühmorgens im Wald joggen. Unterwegs nahm einen Schluck von meinem Magnesiumdrink, stellte die Flasche auf einen Baumstrunk und dachte dabei an Vroni. Die Fläschchen vergass ich dort. Seither gehe oder laufe ich ungefähr alle 14 Tage an dieser Stelle vorbei. Das Magnesiumfläschchen steht immer noch dort. Und jedes Mal wenn ich dort vorbeikomme, bleibe ich einen kurzen Augenblick stehen und sage zu mir selbst: «Vroni lebte noch, als ich dieses Fläschchen auf dem Baumstrunk deponierte.»

Radsport-Event zugunsten der Krebsliga

Nach Vronis Beerdigung und den unvermeidlichen Formalitäten stürzte ich mich schon bald wieder in mein Hobby, welches sich mittlerweile zur wahren Leidenschaft entwickelt hatte. Das Biken gab mir Dinge, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Ich brauchte einen Fokus. Auch heute, zweieinhalb Jahre nach Vronis Tod, realisiere ich, wie mir Biken Ablenkung und Linderung verschafft. Nur so schaffte ich es, den grössten Schock meines Lebens zumindest teilweise zu verarbeiten.

Noch während eines Spitalbesuchs im Wartsaal des Engeriedspital las ich in der «Berner Zeitung» einen Beitrag über einen Radsport-Event zugunsten der Krebsliga, das «Race Against Cancer». Ich entschied spontan, mich anzumelden. Am 27. August 2011 wollte ich mit zahlreichen anderen Personen, die ein ähnliches Schicksal wie ich teilten, zwölf Stunden am Gotthard fahren. So viele Male rauf auf die Passhöhe und wieder runter nach Airolo wie möglich.

An diesem ersten Tag an der Tremola, frühmorgens eingeläutet mit Blitz und Donner, intensivsten Regenfällen, Wasser, das auf die Strassen in Airolo runterlief und Schnee auf der Tremola. Ich bekam Hühnerhaut. War da jemand, der mir zeigen wollte, was der Grund für meine Teilnahme an diesem Anlass ist? Die Mystik der Route und die Gewalt der Natur setzen ihr Zeichen. Der Start musste unwetterbedingt um zwei Stunden verschoben werden, wir fuhren anschliessend in einen wunderschönen Regenbogen – ein weiteres schönes Zeichen. Auf der Tremola, in den unzähligen Kurven und auf den abertausenden Pflastersteinen spürte ich während jeder Minute Vronis Präsenz, erlebte unser gemeinsames Leben, ihre Krankheit und ihren Tod neu. Hinter jeder Kurve erwartete ich meinen Schatz zu sehen, der mich lautstark anfeuert: «Mach, Ueli, gib alles, es ist nicht mehr weit.» Drei Mal fuhr ich an diesem Tag bis Motto Bartola und weitere vier Male auf den Gotthard.

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14 Kommentare zu «Biken schafft Ablenkung und Linderung»

  • Folgende Nachricht kommt vom Autor Ueli Freudiger:

    ********

    Besten Dank für all die Kommentare SMS und E-Mails.

    Ich hoffe, dass dadurch weitere Velobegeisterte am nächsten Event der
    Krebsliga vom 7. September mitmachen werden.

    Jeder Spendenfranken ergibt zusätzliche Forschungsgelder und damit können
    Leben gerettet werden.

    Wer einmal bei diesem Anlass dabei war, wird das nie mehr vergessen.

    Gruss und bis bald in Root

    Ueli Freudiger

  • Marcus sagt:

    Vielen Dank für diesen persönlichen und bewegenden Bericht. Ich bin froh, dass er einen Platz in diesem Sport-Blog finden durfte.

  • Rebekka sagt:

    Ein sehr bewegender Beitrag…Alles Gute!

  • Doris sagt:

    Mit meinem Velo fuhr ich während der tödlichen Erkrankung meines Vaters, fast täglich durch den Wald. Ich erlebte die Natur viel intensiver. Der Wechsel des Laubes an den Bäumen, vom zarten Grün bis zum leuchten des Herbstwaldes. Der Winter mit den eiskalten Backen und tränenden Augen. Ich tankte auf und konnte anschliessend wieder in den Alltag als Mutter von zwei Jungen und der Arbeit als Pflegefachfrau eintauchen. Mein Vater starb kurz nach seiner Pensionierung. Das Velofahren hilft mir seit dieser Zeit meine Gedanken zu ordnen, den Wind zu spüren und im hier und jetzt zu sein.

  • Sandra sagt:

    Vielen Dank für diesen ehrlichen und aufrichtigen Beitrag.

  • Lucky_Looser sagt:

    Der Tod ist immer der letzte Gewinner. Den Tod werden wir niemals aus dem Leben verbannen können, da helfen auch keine Rennen gegen Krebs und keine guten Sprüche.

    Viel Leid kommt dadurch, dass wir nach Kräften den Tod aus unserem Leben verbannen und ihn auf später verschieben.
    Doch gestorben wird immer und das seit Menschengedenken… auch heute an diesem schönen, heissen, sonnigen Tag sterben Leute, meisst abgeschoben unter unwürdigen Bedingungen.

    Der Rest gibt sich der Illusion des Lebens ohne Tod hin und gönnt sich einen kühlenden Drink.

    Wir sollten den Tod wieder in unserem Leben willkommen heissen statt ihn immer mehr aus unserem Leben zu verdrängen.
    Dann würden wir auch nicht so vielen unnützen Dingen hinterherjagen.

    Der Tod gehört zum Leben und zu einem guten Leben gehört auch ein guter (=würdiger) Tod.

    • felixberger sagt:

      Hallo Lucky,
      Es gibt nur eine Wahrheit. Du hast diese Wahrheit ausgesprochen obwohl sich alles in uns dagegen sträubt.
      Dem ist nichts hinzuzufügen.

    • Marcus sagt:

      Sie haben Recht, den Tod als Teil des Lebens zu begreifen. – Aber der kühle Drink in der Sommersonne hat nichts mit Illusion oder Verdrängung zu tun. Im Gegenteil: Geniesst das Leben, solange das geht!

  • Kusi Gallati sagt:

    Ich musste schon drei Mal miterleben, wie engste Angehörige an Krebs gestorben sind. Ihr Beitrag hat in mir all die Emotionen, von Hoffnung über Wut bis zur Hilflosigkeit und Trauer, wieder hervorgebracht und mich zu Tränen gerührt. Ich wünsche allen Betroffenen und allen Angehörigen alles Gute und die Kraft, ihr Leben weiterzuleben und Trost in anderen Dingen zu finden. Sei dies nun im Sport, in der Meditation oder im Glauben. Uns allen wünsche ich, dass Krankheiten wie Krebs, ALS, MS und alle die anderen, kaum bekannten tödlichen Krankheiten irgendwann heilbar sind.

  • Gerhard Priewe sagt:

    Das Radsportereignis am Gotthard ist eine gute Sache. In Deutschland gibt es die Regenbogenfahrt von der Kinderkrebsstiftung..
    40 ehemalige Krebspatienten fahren ca. 600 Km durch das Land und besuchen auf der Tour Krebskliniken um den Patienten und Eltern Mut zu machen. Sie zeigen den jungen Patienten, dass man nach dieser schlimmen Krankheit wieder gesund werden kann und sportliche Höchstleistung erbringen kann. Meine Tochter ist auch von einer Krebserkrankung geheilt worden und macht die Tour jedes Jahr mit. Es ist für die Teilnehmer ein tolles Erlebnis, kranken Kindern Mut zu machen und über ihre Erfahrungen zu sprechen.

  • Mike sagt:

    Wow – was für eine Geschichte. Kann ich voll nachvollziehen. Mein Vater ist diesen Frühling ebenfalls an Krebs gestorben. Auch mir gab sowohl das Fahrradfahren sowie das Laufen viel Kraft und Ablenkung. Nur wenige Tage bevor er einschlief, absolvierte ich den 10Km Cityrun am Zürich-Marathon. Die Gedanken an ihn gaben mir viel Kraft und halfen mir eine Zeit zu laufen, die ich im Traning bei weiten nie erreichen konnte.
    Dein Bericht hat mich gleich motiviert am race against cancer 2013 mitzumachen.
    Vielen dank für einen so offenen und bewegenden Bericht.

  • Mellifera sagt:

    ich hab Tränen in den Augen…. lieber Ueli, ich wünsche dir alles alles Gute und dass in der Zukunft wieder vieles geht!

    liebe Grüsse

  • Joachim Adamek sagt:

    Es fällt mir schwer, einen Kommentar über den Beitrag von Herrn Freudiger zu schreiben. Manchmal sind Worte einfach nur dürftig, allzu nichtssagend. Biken ist tatsächlich mehr als nur ein Sport. Biken ist eine Lebenseinstellung. — Ich kenne
    sehr viele Leute, die sind dem Krebs davon gefahren, andere sind ihm davon gerannt.

    Danke, Herr Freudiger, dass Sie uns Ihre Geschichte erzählt haben.

  • Nina sagt:

    Lieber Ueli

    mit Tränen in den Augen habe ich deine Geschichte gelesen. Vielen Dank, dass du sie mit uns teilst!
    Ich kenne das nur zu gut. Auch bei mir wurde der Sport zu einem „Lebensretter“, um eine schwere Zeit zu überstehen. Mein Vater starb viel zu früh an Krebs und das Erlebte hat mir damals ziemlich den Boden unter den Füssen weggezogen. Erst jetzt, Jahre später, merke ich, dass ich, dank dem geliebten Sport, einen neuen Weg einschlagen konnte und zu mir zurück gefunden habe. Deshalb habe ich mich auch Anfang Jahr dafür entschieden, dieses Jahr am Race against Cancer mitzufahren – mit dem Sport nicht nur mir, sondern auch anderen etwas Gutes zu tun.
    Bist du auch wieder am Start?

    Herzliche Grüsse,
    Nina

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