Tour de Mürtschenstock

Diese Woche eine Bergumrundung im Glarnerland


Über dem Kerenzerberg, Kanton Glarus, zieht sich ein Ungetüm, dem mit dem Wort «Berg» nicht beizukommen ist. Der Mürtschenstock ist eine Festung. Er schirmt seine Gipfel – es sind gleich mehrere – mit brutalen Wänden und Geröllsteilhalden. Man muss die Bastion erklettern, mit wanderlichen Mitteln kommt man ihr nicht bei.
Aber den Mürtschenstock umkreisen, das kann der Wanderer. Und wie wir feststellten, ergibt sich daraus eine grosse Route. Die Unternehmung begann damit, dass ich und mein Grüpplein den Sessellift von Filzbach hinauf zum Habergschwänd nahmen. Oben war noch Schatten. Sehnsüchtig schauten wir hinüber auf die Nordseite des Walensees, wo das Ferienörtchen Amden bereits von der Sonne gewärmt wurde.

Die erste Wanderetappe führte abwärts, zur Talalp und dem nach ihr benannten See, der die umliegenden Zinnen spiegelte. Bereits zeigte sich die Eigenheit des Gebiets: Der Boden ist sumpfig, die Felsen vermoost und manchenorts auch mit Flechten bewachsen, alles ist entweder grün oder gelb oder rötlich. Aus dem Wirtshaus über dem See stieg anheimelnd Rauch, doch für eine Einkehr waren wir noch zuwenig weit gegangen.

Endlich die Terrasse der Hüttenberge

Es begann der Aufstieg. Nach der ersten Steilstufe sahen wir wieder einen See, den Spaneggsee, freilich führt der Weg weit oberhalb des Ufers vorbei. Bei der Alp Hummel rasteten wir, tranken etwas und benannten nahe Berge wie den Fronalpstock, dem ein paar Menschlein zustrebten. Wir selber hielten durch einen Steingarten hinauf zur Mürtschenfurggel und nahmen dabei den Mürtschenstock zu unserer Linken zum ersten Mal so richtig zur Kenntnis. Grau ist er und abweisend, wäre er ein Mensch, würde man sagen: total streng! Was für eine humorlose Person!

Die Furggel, unser Pass, war recht flach. Wir querten sie und freuten uns gleich an der Ebene Riet zu unseren Füssen und dem mäandernden Bächlein, das fröhliche Kurven in den Boden zeichnete. Bis zum Wiesensattel von Robmen gingen wir im folgenden auf einem Höhenweg, zur Rechten unter uns ein stilles Tal. Hernach sahen wir wieder hinüber Richtung Amden, hatten nun den Speer und den Mattstock am Horizont. Abwärts ging es alsbald mit uns, lange Zeit auf breiten Forstwegen. Endlich die Terrasse der Hüttenberge.

Ein Schlusstrink in der «Mühle»

Im Berghaus Hüttenberg kehrten wir ein. Wir assen. Wir beschauten uns die Verkaufsauslage in der Ecke; die zur Wirtschaft gehörige Landwirtschaft bauert bio nach dem Knospenprinzip. Und wir plauderten mit der Wirtin. Sie erzählte, im Winter habe sie nur gerade zwei Stunden Sonne im Tag; aber dafür sei es wunderbar ruhig. Schliesslich offerierte sie einen Schnaps. «Essacher Luft» aus dem Allgäu gilt als Deutschlands schärfster Schnaps und fühlt sich im Hals an wie ein Mix aus Odol und Pfefferspray.
Nun trennten wir uns.

Die einen schlugen den halbstündigen Weg hinab nach Obstalden zum Bus ein. Und wir anderen gingen zurück zum nahen Abzweiger, bogen Richtung Mühlehorn ein – und bekamen noch einmal ein Spektakel serviert: das Tobel des Meerenbachs, notdürftig bezwungen mit Stegen und Geländern. Unten in Mühlehorn dann ein Schlusstrunk in der «Mühle» und der Gedanke, dass wir zwar nicht den Mürtschenstock, aber doch das Hochland um ihn kennen- und lieben gelernt hatten.

***

Route: Habergschwänd (Bergstation des Sesselliftes von Filzbach) – Vorder Tal – Talalpsee – Rosstannen – Hummel – Chüetal – Mürtschenfurggel – Robmen – Meerenboden – Lauiwald – Hüttenberge, Gasthaus Hüttenberg – retour zum Abzweiger nach Mühlehorn – Meerenbach-Tobel – Katzenboden – Geissegg – Mühlehorn Bahnhof.

Gehzeit: 6 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 850 Meter aufwärts, 1700 abwärts.

Kürzere Variante: Vom Berghaus Hüttenberg hinab nach Obstalden (Bus). So beträgt die gesamte Gehzeit 5 Stunden (840 Meter aufwärts, 1090 abwärts).

Wanderkarte: 237 T «Walenstadt», 1: 50’000.

Charakter: Einfache, lange Bergwanderung. Steile, aber nicht ausgesetze Halden zwischen Mürtschenfurggel und Robmen. Besonders schöne Natur mit Moorböden, Geröllgärten, Bergseen.

Höhepunkte: Der Talalpsee in seinem morgendlich feuchten Bergloch. Die Mürtschenfurggel, wo man die Ebene Riet mit einem mäandrierenden Bächlein zu Füssen hat. Die Präsenz der Bergbastion Mürtschenstock. Die Einkehr im «Hüttenberg». Das wilde Tobel des Meerenbachs. Der milde Walensee am Ende.

Kinder: Machbar.

Hund: Machbar.

Einkehr: Bergrestaurant Habergschwänd gleich zu Beginn: Offen, wenn der Lift fährt. Bergwirtschaft am Talalpsee: bei gutem Wetter offen. Berghaus Hüttenberg über Obstalden. Freitag bis und mit Montag offen. www.hüttenberg-obstalden.ch, Bioknospenbetrieb, hausgemachte Spezialitäten, kleines Angebot an Waren zum Mitnehmen.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

13 Kommentare zu «Tour de Mürtschenstock»

  • Hugo sagt:

    Wir haben heute die Wanderung zu Dritt von Habergschwänd nach Obstalden gemacht. Der Teil bis Meerenboden ist sehr schön. Ab Meerenboden hat uns die breite Kiesstrasse nicht gefallen. Vor allem aber ist die Zeitangabe von 5 Stunden doch sehr am unteren Limit (wir haben einiges mehr gebraucht)

  • Matt Frepp sagt:

    SwissMap 1:50K zeigt beim steilsten Aufstieg im Hintertal einen Sessellift :) Läuft der nicht?

  • Thomas Widmer sagt:

    Danke, Chaeppi!

  • Thomas Widmer sagt:

    Hey, liebe Wanderer und Wanderinnen! Tolle Feedbacks, Ergänzungen und Zusatzkolorit. Danke dafür! Die Wanderzeit berechne ich jeweils mit dem Zeichentool von Schweizmobil, entspricht in etwa der meines Grüppleins. Muss ich da Zeit dazugeben? Überlege mir das, sobald wieder zuhause. Herzliche Grüsse von der Hotelterrasse in Fusio, heute gings über den Campolungopass. Ich verlor auf den Wegweiser eine Stunde!

  • Lieber Thomas Widmer
    Da sassen wir. Am letzten Sonntag nach 15 Uhr. Aufgereiht im Schatten. Auf der Terrasse vom Berghaus Hüttenberg. 3 Frauen und 6 Männer. Paare und Einzelkämpfer. Müde und strahlend – und total heiter. Denn jede und jeder wurde beim Eintreffen gefragt: „Bisch au wägam Tagi do?“ Und ja, wir alle waren wegen dem Tagi da. Und wir (fast) alle haben’s von A bis Z durchgezogen. Bis zum bitteren Ende, das schmeckte wie eine Mischung aus Odol und Pfefferspray. Ein Prachtstag. Wirklich etwas vom Schönsten, was ich in den Bergen je gesehen habe: von den Blumen über die Aussicht bis zu den Begegnungen mit anderen Wanderern. Danke für den Tipp. Und ja, die Zeitangaben dürfen gerne korrigiert werden. Mein Mann und ich sind ziemlich fit; die 5 Stunden haben wir nicht geschafft. Dafür haben wir Mühlehorn in knapp 60 Minuten geschafft – ab Hüttenberg.

  • Lieber Herr Widmer,
    vielleicht war es gestern etwas zu heiss für die Runde um den Mürtschenstock, vielleicht waren wir ja etwas zu spät dran, 10 Uhr ab Habergschwänd. Auf jeden Fall stellten meine Freundin und ich und 8 weitere Wandernde um halb 6 im Restaurant Hüttemberge fest, dass Ihre Zeitangabe (5 Stunden) für die Wanderung sich nur auf supertrainierte und superschnelle Durchwanderer beziehen kann, jedenfalls nicht auf normaltrainierte Genusswanderer. Allerdings habe ich im Wanderführer Glarnerland fast die gleiche Angabe gefunden! Wir haben’s jedenfalls trotzdem und dank dem Organisationstalent der Wirtin in Hüttemberge per Shuttle wieder an die Talstation des Sesselliftes geschafft. Als regelmässige Leserin freue ich mich auf weitere Wanderanregungen mit etwas weniger sportlichem Tempo.
    freundliche Grüsse
    Claudia Bassan

  • Roland K. Moser sagt:

    Danke für den MTB-Tipp Herr Widmerwandertweiter – Und die schönen Bilder.

  • Teilzeitpapi sagt:

    So cool. Genau eine der Tourenideen, welche ich letzthin wieder mal durchgegangen bin. Zusammen mit der 6-jährigen wandern, auf der Mürtschenfurggel biwakieren und am nächsten Tag dann aber wahrscheinlich wieder zurück zur Sesselbahn (solange sie wieder läuft…).

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    ein guter einkehrtipp ist das restaurant bergli, glarus. wunderschöne lage und aussicht.

    • neni sagt:

      familien-spunte…………

    • Federi sagt:

      …. aber doch noch ein schönes Stück zu Fuss bis is Bergli z’Glaris.
      Nach der Mürtschenwanderung würde ich ein kühles Bier in Obstalden oder Filzbach oder
      dann ev. noch in der SAC Fronalp vorziehen wenn die Kraft noch reicht übers Habergwend, die Alp Nüen (Alpwirtschaft) und Mullern (Alpenrösli) weiter zu wandern ;-)

  • neni sagt:

    ich kann die luft förmlich riechen, auf diesem marsch…….danke!!!

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