Das Knabenkrautpaar

Diese Woche von Baden über die Lägern nach Dielsdorf (AG/ZH)


Der Sonntag war windig und kühl. Um viertel vor acht nahm ich in Baden den Lift von der Bahnhofterrasse hinab zur Limmat; ich geriet in eine Zeile uralter Häuser, darunter das Haus zur Tanne von 1497. Dann die gedeckte Holzbrücke über den Fluss samt der Statue des Heiligen Johannes Nepomuk. Dieser böhmische Priester wurde im mittelalterlichen Prag ertränkt; er gilt als Schirmherr der Brücken.

Auf der Nordseite der Limmat begann der Aufstieg: über Steinstufen zum Schloss Schartenfels, einem Ausflugsrestaurant. Einmal blieb ich stehen, blickte mich um, schaute mir Baden aus der Höhe an samt der Limmatklus. Ein Plakat erklärte mir, der Chrüzliberg gegenüber bestehe aus Molasse und gehöre geologisch zum Mittelland. Das Plakat hingegen und sein Leser befänden sich im Jura, dessen nordöstlicher Ausläufer die Lägern ist.

Reichhaltige Flora und Fauna

Blüemlifreunde und Käferfans geraten in Wallung, wenn sie «Lägern» hören. Weil im Kalk das Wasser versickert, ist der Höhenzug ausserordentlich trocken. Am Südhang ist ein Waldreservat eingerichtet. An der Lägern gedeiht eine eigene Fauna und Flora. Der Schwarzspecht und die Schlingnatter leben hier sein, man findet aber auch die Feuerlilie und die lange verschollene verschiedenblättrige Platterbse.

Bald merkte ich: Die Lägern ist apart und heikel zugleich. Die schräggestellte Kalkscholle bildet zuoberst eine Schneide, der Wanderer muss an einigen Stellen balancieren; und er muss auf dem unebenen Grund die Schritte sorgfältig setzen. An meinem Tag setzte mir der Wind zu. Beim Lägernsattel war die Gefahr gebannt. Enttäuschend dann die Burghorn-Terrasse. Laut meinem Wanderführer sieht man einen Teil der Berner Alpen, das Finsteraarhorn etwa, sowie den Feldberg im Schwarzwald. Aber dafür war der Himmel zu dunstig.

Entzückte Blumensammler

Nun hatte ich vor mir ein älteres Paar, sie gingen in einigem Abstand zueinander und riefen sich Zahlen zu. Er: «23!» Sie, eine halbe Minute später: «24, 25!» Und er: «Ha! 26.» Die beiden zählten die Knabenkräuter am Weg – oder eine Unterart desselben; leider kenne ich mich mit Orchideen nicht aus. Später, nachdem ich die Ruine Alt-Lägern passiert hatte, langte ich beim Gasthaus Hochwacht an. Draussen sassen in Jacken gehüllt Leute auf Stühlen; ein Pfarrer predigte über den Wind und den Heiligen Geist. Das Paar mit den Orchideen traf auch bald ein. Auf 93 Knabenkräuter seien sie gekommen, berichteten sie.

Auf breiten Forstwegen stieg ich weiter ab zum Städtchen Regensberg. Sein Markenzeichen ist der historische Rundturm. Aber ehrlich gesagt hatte mir einige Zeit vorher ein anderer Hochbau bei der Hochwacht mehr Eindruck gemacht: das Radom der Firma Skyguide, die den Flugverkehr des Flughafens Zürich leitet. Deren Radarantenne ist durch eine Fiberglaskuppel von 18 Metern Durchmesser geschützt. Durch ein Radom eben, das Wort ist zusammengesetzt aus «Radar» und «Dom».

Auf dem Burgweg hinab nach Dielsdorf stellte ich fest, dass ich Hunger hatte. Ich ging per iPhone aufs Internet, suchte mir das Restaurant Bienengarten, freute mich wenig später, als verschwitzte Erscheinung doch freundlich begrüsst und bedient zu werden. Ich nahm den Spargel mit Hollandaise und ein Entrecôte mit Sauce Béarnaise. Der Regensberger dazu mundete auch – so dass am Bahnhof Dielsdorf die Wanderung in Zufriedenheit enden durfte.

***

Route: Baden SBB – Lift hinab zur Limmat – gedeckte Holzbrücke – Schartenfels – Lägerngrat – Lägernsattel – Burghorn – Hochwacht – Regensberg – Dielsdorf – Dielsdorf Bahnhof.

Gehzeit: 4 Stunden.

Höhendifferenz: 560 Meter auf-, 520 abwärts.

Wanderkarte: 215 T «Baden», 1: 50 000.

Charakter: Viel Geschichte und historische Gemäuer in Baden und Regensberg. Abenteuerliche Bergwanderung; der Lägerngrat zwischen Schartenfels und Lägernsattel ist heikel! Trittsicherheit und allgemeine Vorsicht nötig.

Höhepunkte: Baden von Schartenfels aus. Der Lägerngrat als Nervenkitzel. Die Sicht bei gutem Wetter vom Burghorn aus. Das Mittelalterstädtchen Regensberg.

Kinder: Der Grat ist gefährlich.

Hund: Machbar.

Einkehr: Hochwacht, Montag Ruhetag. Bienengarten Dielsdorf, kein Ruhetag, aber am Samstag nur abends offen.
Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

5 Kommentare zu «Das Knabenkrautpaar»

  • Hanspeter.Estermann sagt:

    In Europa ist die Spargelernte ,wie seit jahrz.üblich am 24.Juni (Johannistag) zu Ende.Muss wohl um Importiertware aus
    exotischem Anbau sein.Ebenso serviert man nie zwei Buttersaucen im gleichen Menu ! Eine etwas sehr „kurilige“ Menugestaltung….jedem das seine,aber kulinarisch niemals das meine..Werde trotzdem in Kürze diese Wanderung unternehmen,allerdings lieber mit selbst hergestelltem „falschem Hase“ und eigenem Holzofenbrot.

  • Jürgen Zipf sagt:

    Den Lägern muss man unbedingt im Winter bei Neuschnee erlebt haben! Traumhaft! Und wenn mann früh genug aufbricht, trifft man am Burghorn einen rüstigen alten Mann aus Ehrendingen, der seit 25 Jahren jeden Tag auf den Lägern läuft, inzwischen wird er bei 9’000 Begehungen sein… Seiner Aussage nach ist er rein rechnerisch zwei mal um die Welt gelaufen! Der Lägern und seine Geschichten!

  • Viktor Voegeli sagt:

    Leider wurde de Planetenweg nicht erwähnt!

  • René Edward Knupfer sagt:

    ja, der Lägerngrat – Jura vom Feinsten, intakte Natur – und das in unmittelbarer Nähe zur Stadt Zürich !
    … der Start zur Wanderung über den Grat lässt sich (sehr empfehlenswert !) mit etwas Spannung aufpeppen, indem man den unteren Teil des öden Treppenwegs hinauf zum Schartenfels rechts liegen lässt und stattdessen, nach links haltend, die glatte Platte „direttissimo“ hinaufsteigt und dann – oben angekommen – über den scharfen Grat rechts hochklettert, bis man wieder auf die markierte Wanderroute trifft; … die kurze Turnübung am Fels ist unschwierig und – falls man die gebührende Vorsicht walten lässt – nicht gefährlich und macht echt Spass – ein Absturz allerdings ist strengstens verboten !!!

  • Oliver Marfurt sagt:

    Obschon praktisch vor der Haustüre und im Mittelland: der Lägerngrat ist tatsächlich nichts für Halbschuh- und Flipflopwanderer und vor allem bei Nässe sehr gefährlich!

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