Der Hitchcock der Bergsteiger

Andy Kirkpatrick

Die Kunst des Leidens, ein kalter Stand in der Lafaille-Route: Andy Kirkpatrick in der Westwand der Petit Dru, Chamonix, Frankreich. (Foto: Ian Parnell)

Es war vergangenen Herbst, als das zweite Buch des englischen Extremalpinisten Andy Kirkpatrick «Kalte Kriege» auf Deutsch in die Läden kam. Weil ich mir sein Debüt «Psychovertikal» damals noch nicht zu Gemüte geführt hatte, wollte ich mich erst mit diesem literarischen Bergsteigerwerk auseinandersetzen. Doch dieses zu lesen, artete für mich zu einem Psycho-Krieg aus, der mir Nerven wie Drahtseile abverlangte. Anfangs wunderte ich mich noch, warum ich plötzlich schlecht schlafe, weshalb mich furchtbare Alpträume plagen, wieso ich im Schlaf sogar mal geschrien habe! Irgendmal war klar: Schuld ist «Psychovertikal». Kirkpatrick ist psycho, seine Touren sind psycho, seine Erzählungen sind psycho. Kirkpatrick ist der Hitchcock der Bergsteiger. Ich musste das Buch mehrmals weglegen, wollte es aber trotzdem unbedingt fertiglesen, es hatte mich gefesselt. So ging es über Monate hinweg. Darum meine Besprechung erst jetzt.

Als Kirkpatrick zur Vernissage nach Zürich kam, stellte er sich dem Publikum so vor: «Hallo, mein Name ist Andy und ich bin geistig krank.» Das meinte er natürlich nicht im wörtlichen Sinn, eher mit britischem Humor. Vor seinem Auftritt sei er gewarnt worden, die Schweizer sähen jemanden wie ihn – der nicht allzu sehr am Leben zu hängen scheint – als Verrückten, und zwar als einen Verrückten im negativen Sinn.

Seine Solo-Durchsteigung der Reticent Wall am El Capitan im Yosemite-Valley (USA), «eine der schwierigsten Routen der Erde – die Wand hoch wie ein Wolkenratzer», zieht sich Seillänge für Seillänge durch «Psychovertikal». Zwölf Tage am seidenen Faden, zwölf Tage Angst. «Die Route meines Lebens», sagt er.  Danach schrieb er:

«Noch nie war ich so im Frieden mit mir selbst gewesen.
Gestern um diese Zeit hatte ich mich in der Schlüssellänge der Reticent Wall befunden. Eigentlich könnte ich jetzt eine Leiche sein, die von dem Absatz, an dem ich gestern gestartet war, vom Rettungsteam nach oben gezogen würde, mit zerschmetterten Knochen; die Geschichte eines Kletterers, der verrückt wurde und eine der ernsthaftesten Routen der Welt im Solo versuchte, sich überschätzte, starb.
Die Route lag hinter mir.
Aber ich war nicht gestorben.
Ich hatte es geschafft.
Ich dachte an die Stürze. Ich dachte daran, wie sehr ich mich danach gesehnt hatte, abzubrechen, umzukehren. Ich dachte daran, wie sehr ich an der Grenze gewesen war.
Ich dachte an die Angst.
Ich wusste, dass ich sterben würde.
Ich wollte sterben.
Ich hatte es geschafft. Ich hatte es geschafft.»

Angst hat man nur vor dem Stürzen. Aber wenn man durch die Luft fliegt, dann spürt man …

Aufgewachsen ist Andy Kirkpatrick mit seiner Mutter, seinem Bruder und seiner Schwester in sehr bescheidenen Verhältnissen in England. Seine Eltern trennten sich als er sechs war. «Mein Vater lebte sein eigenes Leben, ich glaube, Väter waren in den Siebzigern anders als heute. Trotzdem hinterliess er ein riesiges Loch, das nie gefüllt wurde, sondern nur oberflächlich bedeckt. Ich habe ihn nie dafür gehasst, und je älter ich wurde, desto besser begann ich zu verstehen, wie es sein konnte, dass ein Vater seine Kinder nicht sehen konnte.»

Als Schüler war Kirkpatrick gescheitert. Dass er an Legasthenie leidet, wurde erst diagnostiziert, als er 19 war.

Kirkpatrick, heute 42, geht in die Berge, um ins Leben zu finden. «Ich klettere nicht, um Rekorde zu brechen, sondern die Barrieren in mir selber.» Er macht Solo-Gänge in den schwierigsten Big Walls, wo er paranoide Angst hat, zu stürzen – und stürzt!

«Ich sah hinunter und versuchte herauszufinden, wie weit entfernt die letzte verlässliche Sicherung wohl sein mochte. Ich konnte mich an nichts Gutes erinnern.
Du fällst 120 Meter, wenn du Scheisse baust.
Dann baue ich halt keine Scheisse.

(…)
Konzentriere dich auf das Hier und Jetzt!
(…)
Mach einfach schnell.
Dann brach ich das Gesetz Nummer eins, das ich von Anfang an eingehalten hatte. Ich testete den Head nicht.
(…)
Die Antwort kam sofort. Der Copperhead riss aus. Mein Herz machte einen Satz.
Du fällst.
Nun geschah alles ganz langsam, als stünde die Zeit still.
Die ersten Meter fühlte ich mich schwerelos. Ich war überrumpelt, schockiert, mein Gehirn versuchte zu errechnen, ob ich wirklich falle.
(…)
Du fällst.
(…)
Du fällst noch immer.
(…) Ich fiel. Weiter und weiter. Ich fiel so weit, dass ich meinte, es gäbe kein Ende. Vierzig Meter, fünfundvierzig Meter. Weiter und weiter.
(…)
Es gab keine Angst. Angst konnte man nur vor dem Stürzen haben. Jetzt, als ich durch die Luft flog, spürte ich nichts als … Neugier.
Du wirst sterben!
Ist doch egal.

Fünfzig Meter.
Ich hielt an.
Eine der Sicherungen hatte gehalten. Ein alter, kaputter, verrosteter Copperhead von der Grösse meines kleinen Fingers hatte mich zurück ins Leben gebracht.
Alles drehte sich um mich herum.
Ich hing eine Sekunde da, dann schrie ich laut.
Warum schreist du?
Ich weiss nicht, ich bin gerade einen verdammten Kilometer heruntergefallen!»

Andy Kirpatrick

Patagonien: Andy Kirpatrick macht es sich in einer Gletscherspalte gemütlich. (Foto: Ian Parnell)

Oder Kirkpatrick macht Winterbesteigungen in Patagonien und in den Alpen, wo er paranoide Angst hat zu erfrieren – und ja – fast erfriert! In seinen Büchern entblösst er das Innerste seiner Seele, wie das kaum ein anderer aktueller Spitzenalpinist auf Papier zu Stande bringt: Sein übermächtiges Verlangen nach dem Extremen, das sein Leben als Ehemann und Vater empfindlich stört. Sein schlechtes Gewissen. «Waren meine Kinder, ihr Lächeln, ihre Fragen und ihr Gelächter nicht viel mehr wert, als alleine auf ein Stück Fels zu klettern, das keine Seele hat?» Es geht ihm nie darum, sich als Superhelden zu beschreiben und seine Supertaten am Berg als Supertat hinzustellen.

«Die Wand wurde zu einem Spiegel, in dem ich mein Leben in völliger Klarheit sah. Hier oben konnte einer wie ich – ein Versager, ein Typ ohne Zukunftsperspektiven, einer mit einem hoffnungslosen Beruf und einer Ehe, die keine war – wirklich jemand sein.»

Andy Kirkpatrick

Kennt auch die Schattenseiten der leuchtenden Gipfel: Andy Kirkpatrick.


«Ein kranker Psycho»

Kirkpatrick macht am Berg Fehler – welcher Bergsteiger macht keine? Aber welcher redet schon darüber? Kirkpatrick verheimlicht nichts. Er beschreibt eine Besessenheit, die er selber als «kriminell» interpretiert. Etwa als er die 1000 Meter hohe, sehr schwierige Maria-Callas-Gedächtnisroute in der Nordwand der Droites (Chamonix) durchsteigen wollte. «Ich hatte nur noch eine Woche Urlaub übrig; ich musste irgendeine harte Tour machen, bevor das nächste Jahr mit Arbeit anfing.» Dummerweise hatte sich sein Kletterpartner an der Nordwand der Grandes Jorasses gerade die Zehen erfroren. Was tun? «Bergsteiger, die mehrere Nächte an einem kalten Berg mitten im Winter biwakieren wollen, sind dünn gesät. Es gab nur ganz wenige von dieser Sorte, und mit den meisten, die Ja gesagt hätten, wollte ich nicht klettern. Es waren komische Vögel. Die Alternative bestand darin, jemanden zu finden, der keine Ahnung hatte, auf was er sich einliess. Jemanden, der jung und blauäugig genug war, so etwas mitzumachen. Jemanden, von dem man wusste, dass er es drauf hat, aber noch nichts von seinen Fähigkeiten ahnt. Er musste bereit sein, sich darauf einzulassen, unter der Voraussetzung, dass ich alles vorstieg. Er würde sichern und nachsteigen. Eine perfekte Symbiose: Ich konnte nicht ohne ihn klettern, und vice versa.»

Für dieses Abenteuer konnte er Esmond gewinnen, einen 18-jährigen, fleissig trainierenden Kletterer, den er von zuhause kannte und der nach Chamonix gekommen war, um einfache, kurze Routen im Tal zu machen, Eisfälle mit ein oder zwei Seillängen. «Er sah aus wie ein Schüler, der gerade den Unterricht schwänzte. Sein hageres, fast mageres Aussehen erinnerte an einen Fünfzehnjährigen. Er war sozial unangepasst und scheu.» Kurz: Die beiden sind im Schneesturm schier verhungert und erfroren. Esmond erzählte, einer seiner Freunde hätte ihm den Rat gegeben, nicht mit Kirkpatrick klettern zu gehen. Der Freund sei an einer Diashow von Kirkpatrick gewesen und hätte gesagt, dieser sei ein «kranker Psycho».

Fazit:
Andy Kirkpatricks «Psychovertikal» gehört zur packendsten Bergsteigerliteratur der Neuzeit. Eine Mischung zwischen Autobiografie und Tourenerlebnissen, die man gelesen haben muss, die aber auch das Verständnis gewöhnlicher Alpinisten zuweilen übersteigt. Dass man vor dem Aufbruch Wetterprognosen prüfen könnte, oder selbst Extremkletterer ihre Limiten kennen sollten, scheint Kirkpatrick immer wieder auszublenden. Er bevorzugt die harte Lehre, die nicht unbedingt Schule sein sollte. «Kalte Kriege», Kirkpatricks zweites Werk, ebenfalls schonungslos mitreissend, kann nicht ganz an das Debüt anknüpfen. Zum Glück! Ein eine erneute nervliche Belastung wie mit «Psychovertikal» wäre zu viel verlangt.

Link zu seiner Webseite mit Videos, News und Blog: andy-kirkpatrick.com

Psychovertikal«Psychovertikal – Wenn Klettern zum Leben wird» von Andy Kirkpatrick. Aus dem englischen übersetzt von Robert Steiner. AS Verlag. 400 Seiten, 66 Bilder. 13,5 x 21,5 cm, Hardcover mit Schutzumschlag. ISBN 978-3-909111-72-5, Verkaufspreis 39.80.

Kalte Kriege«Kalte Kriege – Der schmale Grat zwischen Risiko und Realität» von Andy Kirkpatrick. Aus dem englischen übersetzt von Robert Steiner. AS Verlag. 400 Seiten, 50 Fotos. 13,5 x 21,5 cm, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-906055-01-5, Verkaufspreis: 39.80 Franken.

www.as-verlag.ch

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5 Kommentare zu «Der Hitchcock der Bergsteiger»

  • hallo mitenand

    bestimmt ein grossartiges buich. ich habe einige ausschnitte gelesen.
    einfach schonungslos, offen und ehrlich. ich bewundere solche menschen, die solche bücher schreiben.

    irgend etwas kann jeder bergsteiger da rausnehmen.
    ich wünsche alllen guten touren.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Joachim Adamek sagt:

    Danke, für die “Entdeckung” dieses Autors. Er war mir bislang völlig unbekannt. Ich werde seine Bücher lesen, sobald ich etwas Zeit habe.
    Warren Harding hat einmal geschrieben: “Klettern ist nicht besser oder schlechter als alles andere.” Und Royal Robbins über Alleingänge: “Das Schöne an einer Besteigung im Alleingang ist, dass sie dir ganz allein gehört. Du musst sie mit niemandem teilen. … Ein Alleingang ist wie ein grosser Spiegel…. Es ist auch eine Art, etwas zu beweisen, auch ein Test deiner selbst, um festzustellen, aus welchem Holz du geschnitzt bist.” — Ist das nicht auch Psycho? Ich jedenfalls kann meine nächsten Alleingänge kaum erwarten. Bergsteigen ist zwar nie ganz ohne Risiko, aber mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl für die Gefahren.

  • neni sagt:

    diese bücher werde ich lesen ! jeder ist doch verrückt auf seine weise…………

  • Heinz Blaser sagt:

    jedem das Seine, solange man seinen eigenen Hals riskiert.

    Aber beim heiligen Duden, man GEHT Risiken EIN oder man NIMMT sie AUF SICH, nichts anderes

  • Gerd Klugenberger sagt:

    Es ist natürlich Andy´s eigene Angelegenheit, wie viel Risiko er geht. Wenn seine Glückssträhne irgendwann endet, reißt er hoffentlich keinen 18-jährigen mit in die Sch*****.
    Für uns „Normalsterbliche“ sollte Sicherheit weiterhin oberstes Gebot sein.

    Gruß,

    Gerd

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