Die unvergessliche Schlüsselstelle

Mönch Lauperroute

Prächtige Aussicht aus dem Felsdach in der Mönch-Nordwand, unter anderem direkt auf den Nachbar Eiger.

Beim Bergsteigen oder Klettern gibt es Schlüsselstellen, die bleiben auf ewig in Erinnerung. Oft sind das nicht unbedingt jene, die technisch abartig schwierig waren, oder psychisch besonders herausforderten. Sondern jene, die richtig speziell sind. Einer solchen begegnete ich vergangene Woche entlang der Lauper-Route am Mönch. Nach einigen hundert Höhenmetern Stapferei durch den Schnee und einer kurzen Kletterei durch einen Felsriss kamen wir zum berühmten Felsdach. Als ich am Abend die Bilder auf meinen Computer geladen hatte, musste ich lachen. Es war eine ernsthafte Tour, aber so lustige Fotos brachte ich noch nie nach Hause:

Mönch Lauperroute

Der Berg zeigt mir mal wieder deutlich, wer grösser ist. Wie um Himmels Willen soll ich über dieses Felsdach kommen, mehr als ein Kopf höher als ich? Im Tourenführer wird ein Schulterstand empfohlen. Wie ein solcher mit Steigeisen gehen sollte, ist mir ein Rätsel. Zum Glück hängt eine Schlinge. Ich befestige meine Eisgeräte am Gurt und versuche, meine Bedenken zu ignorieren.

Mönch Lauperroute

Hände hoch und die Frontzacken der Steigeisen in die Schlinge stecken. Hoffentlich hält sie, hoffentlich rutsche ich mit den Handschuhen nicht ab.

Mönch Lauperroute

Andere machen es sicher besser und eleganter. Ich versuche es mit Hauruck: Mit dem rechten Bein das Körpergewicht hochdrücken, gleichzeitig mit den Händen Halt suchen und mit Körperspannung irgendwie das Gleichgewicht kontrollieren.

Mönch Lauperroute

Der Oberkörper ist schon mal drüber, jetzt gehts nur noch um die Beine. Ich nehme sofort ein Eisgerät vom Gurt, um mich zu damit halten zu können. Oben auf dem Fels klebt Wassereis. Hätte ich weniger Schnee an den Schuhen, wäre ich wahrscheinlich ein gefühltes Kilo leichter. Aber das sehe ich erst später auf dem Foto.

Mönch Lauperroute

Mit dem Knie abzustützen bringt hier nichts, das Goretex würde auf dem Eis abschlipfen. Ich muss das Steigeisen raufbringen. Das schaffe ich mit Krafteinsatz kombiniert mit einem ordentlichen Schwung. Ich bieste und schnaufe. Huch! Dann ist der Spuk vorbei. Ich stehe auf dem Dach und kann es kaum fassen.

Mönch LauperrouteAnsonsten ist die Lauperroute am Mönch durchgehend steil, oder sehr steil. Erstbegangen wurde sie im Juli 1921 von Hans Lauper und Max Liniger. Im Bild: Die Seilschaft hinter uns, gleich unterhalb des Felsdachs. Wir sind an diesem Tag die einzigen in dieser Route.

Mönch LauperrouteKein Zickzack, immer Direttissima. Ich mag das. Die Hangneigung beträgt plus/minus 50 Grad. Hier, im oberen Teil des Bergs, ist der Schnee an diesem Tag kompakter als unten, also weniger anstrengend. Streng bleibts dennoch unentwegt, aber immerhin angenehm kühl.

Mönch LauperrouteDen Grat und die Sonne erreicht, gefolgt von der anderen Seilschaft (siehe Aufstiegsspur in der Bildmitte). Unten markant sichtbar: Der Schatten der steilen Mönch-Nordwand. Jetzt Brille montieren und Gesicht mit Faktor 50 eincremen. Von mir aus könnte der Gipfel hier sein, aber vor uns haben wir noch 150 Höhenmeter. Ich merke die dünne Luft, das letzte Mal war ich vor fünf Wochen in solcher Höhe, bin also schlecht akklimatisiert. Der Schneegrat zum Gipfel ist von der Sonne aufgeweicht, ich sinke mehr als ein Mal bis zu den Oberschenkeln ein, spule an Ort und Stelle, frage mich zeitweilig, was ich hier eigentlich mache – und das noch freiwillig. Zum Glück schwächelt mein ekelhafter innerer Schweinehund mehr als meine Beine. Und mein Kopf bleibt stark wie der eines Berner Oberländer Muni.

Mönch LauperrouteSieben Stunden nachdem wir von der Guggihütte aufgebrochen waren, stehen wir auf dem Mönch-Gipfel (4107 m.ü.M.). Die Anstrengung ist wie auf Knopfdruck vergessen. Hier die letzten Meter unseres Aufstiegs.

Mönch LauperrouteMein Grinsen ist so breit, dass es rundum ginge, hätte ich keine Ohren. Darum zeige ich lieber die fantastische Aussicht. Unten der Jungfraufirn und der Konkordiaplatz. Der grosse weisse Berg vorne rechts ist das Aletschhorn.

Mönch LauperrouteGuten Tag, schöne Jungfrau! Rechts unten das Jungfraujoch und die Sphinx.

Mönch LauperrouteDen Abstieg nehmen wir über den Normalweg. Vorne sehen wir drei Personen mit Ski auf dem dem Buckel aufsteigen. Als wir sie später kreuzen erfahren wir, dass sie über den Nollen abfahren wollen. Die Verhältnisse könnten kaum besser sein – es ist der 13. Juni 2013!

Mönch LauperrouteZurück bei der Station Eigergletscher, wo wir unser Abenteuer am Vortag gestartet haben. Blick auf den Mönch (links) und unsere Route über die Nordwandrippe. Danke an Dres Abegglen, Bergführer aus Grindelwald, dass er mir diese Tour vorgeschlagen hat. Ohne seine Lockerheit, Kollegialität und vor allem Zuversicht, dass ich genug «Reserve» mitbringe, hätte ich mich nie im Leben getraut. Ausserdem: Respekt an den SAC Interlaken, der die unbewartete Guggihütte so gepflegt hält.

12 Kommentare zu «Die unvergessliche Schlüsselstelle»

  • hallo natascha

    super gratuliere.
    tolle fotos, und sehr schöner bericht.

    ich wünsche allen eine gute sommer saison 2013

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • kathi sagt:

    liebe frau knecht
    normalerweise bin ich kein fan von ihren berichten. aber die letzten beiden waren richtig gut! weiter so!!

  • Luise sagt:

    Tolle Bilder, gut geschrieben!

  • Beat Wyss sagt:

    Hallo Natascha
    Schöne Bilder und guter Komentar, danke.

    Zeig diech wieder mal in Unterbach
    Gruss Beat

  • einfach beeindruckend, spannend, photografische erlabung und die freude kommt in bericht durch……..danke!!!

  • J. Kluger sagt:

    Hallo Frau Knecht,

    herzlichen Dank für die interessanten Tourenberichte sowohl vom Eiger als auch vom Mönch.
    Die Mischung aus Tourenberichten und Kommentaren zu aktuellen Ereignissen der Alpinszene macht Ihren Blog (… sogar bei uns in Deutschland…) zu einem echten Leserlebiss.

    Mit freundlichen Grüßen

    J. Kluger

  • Pille sagt:

    Toller Bericht !

    ( …einemal kein Journalist, sondern einer der Ahnung hat , wovon er schreibt…)

    • Hansueli Koch sagt:

      @Pille: Schade, dass ich dich enttäuschen muss, Natascha Knecht ist natürlich Journalistin (angestellt bei Tamedia). Weisst, es gibt auch Journalisten, die etwas davon verstehen, wovon sie schreiben – nur so, wegen allfälliger Vorurteile, ja?!

      • Pille sagt:

        @Hansueli Koch

        eeemmh….ich weiss … Natascha Knecht ist Journalistin ( steht ja überall…) bloss merkt man die Bergsteigerseele zwischen ihren Zeilen; dies ist eben bei nur „Journalisten oft nicht der Fall……ja ?!

  • Joachim Adamek sagt:

    Für geübte Kletterer dürfte die vorgestellte Tour ein toller Start in die Sommersaison sein. Die Herausforderungen (Gletscherquerung, Schneehöhen, Eis) haben es allemal in sich. Dafür sind die “frühsommerlichen” Panoramen grandios. Kann mir vorstellen, dass das Spuren an den Kräften gezehrt hat. — Für mich wäre die Tour sicherlich an der Guggihütte zu ende gewesen. Sie ist wirklich grossartig gelegen! Die Leute, die sie im Ehrenamt unterhalten, haben tatsächliche volle Anerkennung verdient. Hoffentlich machen Sie demnächst mal wieder eine Tour, Frau Knecht, auf die Sie uns mitnehmen. Das hilft die kletterfreie Zeit zu überstehen.

  • mel sagt:

    wieder ein wunderbarer berich! ich musste schmunzeln ab den fotos und den erklärungen zur schlusselstelle, da ich mir gleich vorgestellt habe, wie ich dort in der schlaufe bambeln würde und weder vor noch zurück käme – wie ein käfer auf dem rücken :D

  • Franz Kaiser sagt:

    Sieht cool aus!
    und so was am Morgen von einem schönen Tag den man(n) im Büro verbringen muss… :-(

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