Chapfwacht und Chuderhüsi

Diese Woche im Emmental (BE)

Mein gelegentlicher Wanderfreund Andreas Staeger, bis vor kurzem Präsident der Berner Wanderwege, hat für ebendiese Organisation einen schönen Führer geschrieben. «Kurzwanderungen» präsentiert 52 Routen im Kanton; die kürzeste schafft man in einer Stunde und 10 Minuten, die längste will vier Stunden.

Solche Kurzunternehmungen haben ihr Publikum, denke ich – das Buch ist eine gute Sache. Am ersten Mai allerdings bedurfte ich des Gegenteils. Ich wollte den ganzen Tag lang wandern, ausgesprochen den ganzen Tag. Denn in der Stadt waren jene linken Feierlichkeiten angesagt, die dann oft von Krawallen begleitet sind – ich fliehe am ersten Mai traditionell aufs Land.

Zwei Stunden den Hügel erkeuchen

Diesmal reiste ich nach Signau im Emmental, einer Gegend, die mich jedesmal neu verblüfft. Auch diesmal rieb ich mir die Augen angesichts der allgegenwärtigen Bauernherrlichkeit: arche-noah-artig ausladende Häuser, anrührende Stöckli und opulente Vorgärten – war das denn möglich, war es real?

Es war real. Und der Name meines Ziels, Chuderhüsi, passte perfekt ins beschriebene Ambiente. Freilich wählte ich nicht die Direttissima, sondern den Umweg via den Chapf, der mir von einem Freund als Aussichtspunkt empfohlen worden war. Ich musste mir den Hügel erkeuchen, es ging die meiste Zeit der ersten zwei Stunden aufwärts. Bei der Käserei Höhi spielten zwei kleine Buben am Brunnen vor dem Haus mit Eimern. Beide waren sie ziemlich nass:«He, du, schau mal», krähte der eine, «mein Eimer ist leer.»

Der eisige Chapfwald

Ich quittierte routiniert mit «Au ja, du, der ist total leer» und ging weiter. Im Chapfwald war es eiskalt, der Boden zauberhaft vermoost, keltisch, irgendwie. Bei Ausserchapf sah ich einen Abzweiger zum «Dachsebou»; mein Smartphone zeigte mir die Facebook-Seite der Familie Zürcher, die bauert und unter diesem charmanten Namen eine Kleinwirtschaft betreibt. Schliesslich der Chapf, dessen oberster Punkt auch «Chapfwacht» heisst. Freilich war das Wetter dunstig, ich sah nicht viel, glaubte immerhin den Hohgant zu erkennen.

Auch das Chuderhüsi, das ich fünf Viertelstunden später erreichte, ist als panoramischer Punkt berühmt, vor allem dank dem zehn Gehminuten weiter oben im Wald platzierten Turm, an dem ich später auf dem Weg nach Bowil vorbeikam. Auch beim Chuderhüsi war die Sicht nicht gut. Ich beschloss, einzukehren und zu essen, betrat am ausgestopften Füchslein vorbei die Gaststube, bestellte ein Rahmschnitzel, lauschte in der nächsten Stunde dem Gespräch zweier Rentnerpaare. Schliesslich stand der eine Mann auf und sagte: «So, die Schulreise geht weiter.»

Zum ersten Maientag ein Spitzbub

Als ich unten in Bowil anlangte, war ich schmutzig, eine lange Passage hatte durch einen Hohlweg im Wald geführt, dessen Boden vom Regen aufgeweicht war. Doch längst war die Sonne durchgekommen. Umso lieblicher kam mir das Örtchen abseits der Bahnstation vor. Anschliessend bei der Station hatte ich Musse, mir im Volg einen Spitzbuben zu kaufen und auf einem Bänkli den ersten Maiennachmittag zu geniessen. Ein Luzerner im Velooutfit, ausgemergelt mit hervortretenden Kniescheiben, irrte über den Platze und fragte herum, wo Schwarzenburg liege. Zwei alte Frauen bedeuteten ihm, dass es nach Schwarzenburg noch sehr, sehr weit sei. «Kann das sein?», schrie er, «meiner Meinung nach ist es ganz nah.»

Route: Bahnhof Signau – Vorder Mutte – Hasliwald – Höhi – Langenegg – Chapfwald – Ausser Chapf – Junkholz – Chapf (Chapfwacht, höchster Punkt) – Vorder Chapf – Chuderhüsi – Aussichtsturm – Bowil – Bowil Station.
Gehzeit: 4 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 610 Meter auf-, 590 abwärts.

Wanderkarte: 244 T «Escholzmatt» und 243 T «Bern», 1: 50 000.

Charakter: Mittlere Anstrengung. Bei gutem Wetter sehr aussichtsreich. Viel Berner Bauernland mit schönen Bauernhäusern, Stöckli und Vorgärten.

Höhepunkte: Das Erreichen des Chapfs. Der Turm über dem Chuderhüsi. Die Prachtsdörfer Signau am Anfang und Bowil am Schluss.

Kinder: gut machbar. Für den Kinderwagen nicht geeignet.

Hund: gut machbar.

Einkehr: Dachsebou bei Ausser Chapf (Gemeinde Eggiwil), kleiner Abstecher vom Wanderweg. Chuderhüsi, Ruhetag Mo, Di (Gemeinde Röthenbach).

Wanderführer: Andreas Staeger, Kurzwanderungen. 52 leichte und attraktive Ausflüge zu Fuss im Kanton Bern. Bernerwanderwege.ch

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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6 Kommentare zu «Chapfwacht und Chuderhüsi»

  • Thomas Widmer sagt:

    Kleines Update im Sinn einer Warnung: Das Chuderhüsi (Restaurant) ist inzwischen nicht mehr offen – Konkurs.

    • pit sagt:

      hallo leute kennt ihr das beizli,wenn ja sagt es weiter habe ihnen hompage gemacht .
      mfg pit

      ein aargauer der das emmental mag

  • Astrid Sidler sagt:

    Wir waren am Sonntag auf dieser Tour. Das hat sich wirklich gelohnt. Es war zwar heiss, aber die Sicht vom Chapf und vom Chuderhüsi war super toll. Der Hohlweg nach Bowil runter war immernoch ziemlich feucht und matschig, hat trotzdem Spass gemacht. Danke für den Routenbeschrieb.

  • René Edward Knupfer sagt:

    Super Tour vor unserer Haustür (bin in Linden zuhause). Für den Abstieg vom Chuderhüsiturm nach Bowil empfehle ich einen kleinen Umweg, der erstens die Morastpassage durch den finsteren Hohlweg umgeht, zweitens den Genuss des prächtigen Alpenpanoramas vom Churzenberggrat verlängert und drittens (wichtig!) eine gediegene Einkehr im „Ringgis“ ermöglicht (Käthi und Rüedu Graber, die Wirtsleute dort, werfen jeweils sonntags den Grill an und brutzeln Holzhackersteaks, Koteletts und Bratwürste, welche sich, je nach Gusto, mit einem zischenden Hellen, einem fruchtigen Roten oder – ortsüblich – mit einem sauren Most begiessen lassen).
    Der Routenverlauf für die empfohlene Variante lautet folgendermassen: Aussichtsturm Chuderhüsi – Müliseile – Ringgis (Bergrestaurant) – Wintersite – Brüegg – Längeney/Felli – Bowil. Ab Brüegg sind zwei Abstiegsvarianten möglich: entweder direkt hinunter über den schmalen, teilweise steilen Grat (bei Nässe oder Schnee heikel) oder via Fridersmatt ins Tal (plus 1 Stunde Gehzeit – Höhendifferenz: plus 100 m aufwärts, plus 100 m abwärts).

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    „keltisch“ triffts. schauen sie sich mal „centurion“ an – der wald wo die 9. in den hinterhalt geriet, hat was vom chapfwald.

  • hallo mitenand

    als walliser der seit 18 jahren in der schönen stadt bern wohnt, ist das emmental immer wieder ein
    schönes ausflugsziel.
    diese wanderung kenne ich, und kann sie bestens empfehlen.

    ich wünsche allen eine gute wander saison 2013.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

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