Ein Ingenieur und zwei ruinöse Kirchenglocken

Diese Woche von Filisur durch die Zügenschlucht nach Monstein (GR)


Selten hat man in vier Stunden soviel Abwechslung wie auf dieser dreiteiligen Route. Teil eins bietet Wald, Wiese und einen lehrreichen Naturpfad. Teil zwei führt durch eine wilde Schlucht. Und in Teil drei steigen wir auf zu einem rührenden Walserdorf.

Am Bahnhof Filisur ist Etappenziel eins aufgeführt: der Wiesner Viadukt mit der Station Wiesen. Schnell kommen wir ins Grüne, ins Gebiet Visura, was irgendwie klingt wie eine Krankenkasse oder… huch! Ich habe das Wort gegoogelt. So heisst eine Treuhandfirma.

Bei Schönboden gelangen wir in den Wald, und wie schon vorher steht ab und zu eine Infotafel am Weg – ein Naturlehrpfad eben. Eine Tafel besagt: Wir befinden uns in einem Plenterwald. Bäume jeden Alters bilden dabei eine Gemeinschaft. Jeder Baum wird einzeln geholzt, der Wald als Ganzes ist besonders stabil.

Technikwunder im Naturwunder

Eine gewaltige Brücke zeigt sich durch die Bäume, der Wiesner Viadukt. 210 Meter lang ist er und mit fast 90 Metern Höhe der höchste Viadukt der Rhätischen Bahn. Schon einmal, in einer Reportage, schilderte ich ihn. Darauf schrieb mir ein erzürnter Leser. Ich hatte seinen Vater nicht erwähnt, den Ingenieur Hans Studer, der den Viadukt einst entwarf und berechnete – so, jetzt ist das nachgeholt.

Auf dem Fussgängersteg parallel zu den Schienen queren wir die Schlucht. Dann die Station Wiesen. Im Freak-Beizli können wir einkehren. Es folgt Etappe zwei: wieder ein Technikwunder im Naturwunder. Die Zügenschlucht, vom Landwasser in den Berg gefräst, weist hunderte Meter hohe Wände aus. Im 19. Jahrhundert schaffte man es, eine Strasse durch die Schlucht zu legen. Bis 1974, als der Landwassertunnel sie ersetzte, war sie exakt 100 Jahre im Betrieb. Seither ist sie mit ihrem Kiesbelag eine optimale Wanderstrecke – grosses Landschaftskino. Jeder Wanderer, der Strecken sammelt, muss diese gemacht haben und wird sie in seinem imaginären Routenmuseum mit Liebe ablegen. Sofern er nicht unterwegs von einem Stein getroffen wurde, dieses Risiko besteht.

Die zerstörerische Glocke

Beim Schmelzboden ist fertig Schlucht. Es gibt hier ein Restaurant gleichen Namens mit einem Bergbaumuseum. Und wir könnten die Wanderung bei der nahen Bahnstation Davos-Monstein beenden. Schöner ist es, eine dritte Etappe anzufügen. Hoch oben am Hang hockt das Dorf Monstein. Der Weg dort hinauf beginnt bei der Station Monstein, und man verpasse es nicht, nach einiger Zeit die Abkürzung durch die Wiesen zu nehmen, die auf der Landeskarte 1: 50 000 gestrichelt ist.

Bald haben wir unser Dorf vor uns. Es besitzt zwei Kirchen. Die neue wurde am Ende des 19. Jahrhunderts nötig, nachdem man mit zwei frischen Glocken die alte von 1669 ruiniert hatte. Beim ersten Läuten der Glocken nämlich bildeten sich Risse in den Kirchenwänden. Die alte Kirche wurde dann zwischenzeitlich zum Feuerwehrlokal degradiert.

In Monstein (übrigens wird der Name auf der zweiten Silbe betont) endet die Wanderung. Das passende Belohnungsgetränk: im Ort gebrautes Bier der Brauerei Monstein. Zwei Restaurants laden zur Einkehr, das Ducan und das Veltlinerstübli. Wir landeten im Veltlinerstübli, ich ass die allerbeste Gerstensuppe der Welt mit zwei Schweinswürstli, die in der Suppe schwammen wie glückliche Alligatoren. Und wir stiessen mit einem Glas Lokalbier an auf eine Route, die ihren Wanderer von Anfang bis Ende unterhält.

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Route: Filisur Bahnhof – Visura – Schönboden – Wiesner Viadukt – Station Wiesen – Zügenschluchtweg – Schmelzboden – Station Davos-Monstein – Monstein Dorf (retour mit dem Bus zur Bahnstation Davos-Glaris).

Gehzeit: 1.40 bis Station Wiesen. 1.15 durch die Zügenschlucht bis Davos-Monstein Station. 1.00 nach Monstein Dorf. Insgesamt knapp Stunden. Alle Teile sind einzeln attraktiv und wanderbar.

Höhendifferenz: 730 m aufwärts, 190 abwärts. Die Aufwärtsmeter zieht man sich vor allem im letzten Drittel hinauf nach Monstein Dorf zu.

Wanderkarte: 258 T «Bergün/Bravuogn», 1: 50 000.

Charakter: Drei verschiedene Teile. Etappe eins führt durch Wiese und Wald. Naturlehrpfad mit Informationen zu Tier und Pflanze. Etappe zwei besteht aus der Zügenschlucht, spektakulärer Verbindung von Natur und Verkehrstechnik. Etappe drei zieht sich eine steile Wiesenhalde hinauf zum aparten Walserdorf Monstein.

Höhepunkte: Die Querung des Wiesner Viadukts. Die wilden Felsbänder der Zügenschlucht von einer kleinen Aussichtsplattform. Das rührend kleine, an den Hang sich schmiegende Monstein. Das kalte Bier, das im Dorf gebraut wird.

Kinder: Machbar, spannend und abwechslungsreich. Kurz vor dem Wiesner Viadukt und in der Zügenschlucht muss man sie im Auge behalten.

Hund: Machbar. Auf dem Wiesner Viadukt besteht der Weg aus gelochten Metallplatten (kein Gitter).

Einkehr: Statiönlikiosk Wiesen. Sommers immer offen. Einfaches Restaurant. Restaurant Schmelzboden (mit Bergbaumuseum, Mi und Sa offen) vor der Station Davos-Monstein, Ruhetage Mo, Di. Zwei gute Restaurants, Ducan (Mi Ruhetag) und Veltlinerstübli (Mo Ruhetag), im Dorf Monstein.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

11 Kommentare zu «Ein Ingenieur und zwei ruinöse Kirchenglocken»

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