Ins Vorarlberger Vogelparadies

Diese Woche zum Rohrspitz am Bodensee (SG/Österreich)

Bei St. Margrethen, dem St. Galler Grenzort zum Österreichischen, separieren sich die zwei Rheine. Der alte Rhein verschlauft sich nach Westen, findet letztlich aber den Weg in den Bodensee. Der neue Rhein, auch einfach Rhein genannt, wirkt im Vergleich humorlos; schnurgerade zieht er auf den Bodensee zu. Das Delta zwischen den beiden Wasserläufen ist weitgehend siedlungsfrei; es ist bekannt als Vogelparadies. Und als Wanderoase.

Wir begannen am Bahnhof St. Margrethen. Wie Höchst auf der anderen Seite des alten Rheins ist es eine unromantische Angelegenheit, stellten wir fest, während wir bei der Zollstation Fluss und Grenze querten. Wir vollzogen einen Linksschwenker, wanderten nun am Flussufer Richtung Gaissau. Heiss war es und besagter alter Rhein eine träge Sache, es hätte mich nicht gewundert, in ihm Krokodile zu sehen. Ein Gift- und Kräutergarten stand zur Besichtigung, Zutritt für Kinder nur in Begleitung Erwachsener.

«Hey, weg da vom Kies, blödes Wandervolk!»

Schliesslich bei Höchst-Mittelwald wieder ein Schwenker, hinein ins Gaissauer Riet. In unserem Rücken lagen nun die Höhen des Appenzeller Vorderlandes. Und vor uns die gewaltige, als Ganzes nur erahnbare Fläche des Rheindeltas. Bald gab es eine Überraschung. Ein Bauer hielt seine frisch gepflückten Erdbeeren feil. Wir kauften und schmatzten. Über uns hing ein weisser Zeppelin in der Luft.

Beim Steakhaus «Patagonia» touchierten wir noch einmal den Alten Rhein, hielten im Folgenden nach Osten, waren eingespurt Richtung Rohrspitz. Rita musterte per Fernglas Vögel. Velos sausten vorbei, manche Leute fuhren aggressiv im Stil von: Hey, weg da vom Kies, blödes, träges Wandervolk! Die längste Zeit gingen wir geradeaus, hatten zur Linken den Bodensee, darauf Segelboote. Endlich das Seerestaurant Rohrspitz, zu dem auch ein Campingplatz gehört. Der Service, der unsere Bestellungen drahtlos in die Küche übermittelte, kommentierte jede einzelne Wahl mit «Passt!».

Bald hatten wir Fisch vor uns; ich bekam einen Felchenteller, schön war alles arrangiert und präsentiert. Dazu trank ich Vorarlberger Bier, «Mohren». Auf dem Glas war das Brauerei-Logo abgebildet, ein klischierter Afrikanerkopf mit krausem Haar und wulstigen Lippen. Ich dachte, so etwas gäbe es nicht mehr.

Die grösste Eule der Welt

Nun kam der feinste Teil der Wanderung: zuerst auf Kies, bald auf Erde und Sand hinaus zum eigentlichen Rohrspitz, der gut anderthalb Kilometer als riedbestandene Halbinsel in den See hinausragt. An einer Kiesbucht hielten wir inne, schauten hinüber nach Deutschland und Richtung Bregenz; es war ein Ort zum Verweilen. Und doch mussten wir irgendwann weiter. Via den schnurgeraden Rheindamm gelangten wir zurück nach Höchst und St. Margrethen.

Von Fussach, das wir dabei querten, habe ich auf Wikipedia gelesen, dass zu seinen berühmten Söhnen und Töchtern ein Erich Gerer gehört. Der Mann ist Bildhauer und hat die grösste Eule der Welt geschnitzt. Unheimlich! Und noch eine Nachbemerkung: Am besten macht man diese Wanderung bei verhangenem, regnerischen Wetter. Denn erstens macht dies das Ried geheimnisvoller. Zweitens wird man nicht wie wir riskieren, in der grossteils baumlosen Delta-Ebene zu verschmachten. Und drittens bleiben dann die Velofahrer zuhause. Aber unternehmen soll man den Ausflug nach Österreich auf alle Fälle!

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Route: St. Margrethen SBB – Brücke über den Rhein/ alte Zollstation – dem alten Rhein entlang bis Höchst Mittelwald – Gaissauer Ried – Steakhouse Patagonia – Speichenwiesen – Seerestaurant Rohrspitz – zum Rohrspitz und retour – Baumgarten – Fussach – Rheindamm – Höchst – St. Margrethen.

Gehzeit: 5 1/2 Stunden mit dem Abstecher zum Rohrspitz.

Höhendifferenz: praktisch keine.

Wanderkarte: Am praktischsten ist die Wanderkarte von Kümmerly + Frey «Bodensee» 1: 60 000. Alternative: Landeskarte der Schweiz 1: 50 000 Nr. 218 «Bregenz» (ohne rote Wanderwege). Wer die Karte konsultiert, findet auch kürzere Varianten zum Rohrspitz.

Tipp: Bei mässigem oder schlechtem Wetter gehen. An schönen Wochenenden wimmelt es von wilden Velofahrern.

Charakter: Flach, flach, flach. Vogelparadies und so etwas wie Ostsee-Stimmung zuvorderst im Sand des Rohrspitzes. Leicht, aber weit.

Höhepunkte: Die Weite. Der gewaltige Bodensee. Die vorderste Stelle des Rohrspitzes.

Kinder: etwas weit. Die Route eignet sich für Kinderwägen.

Hund: Machbar, aber weit.

Einkehr: Das Seerestaurant Rohrspitz passt, weil man in der Mitte der Wanderung dort ankommt. Derzeit kein Ruhetag. http://www.salzmann.at/de/angebot/seerestaurant.html

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

4 Kommentare zu «Ins Vorarlberger Vogelparadies»

  • Thomas Widmer sagt:

    Danke fürs liebe Lob und die kleine Hundekritik, Frau Heinz; ich werde das beherzigen.

  • Lotte Heinz sagt:

    Ich liebe ihre Wandertipps! Soviel vorab und ich habe auch schon den ein oder anderen als Inspiration benutzt. Aber ein ganz kleines Manko bei diesem Tipp. Ich bin mir nicht ganz sicher, was für Hunde Sie kennen, aber meine haben immer den längeren Atem. Wenn es nicht gerade ein übergewichtiger und/oder alter Hund ist, dann sind diese uns läuferisch um Längen überlegen, besonders, wenn sie regelmässig mit auf Wanderschaft kommen.

  • Urs Kyburz sagt:

    Zur Verteidigung der Velofahrer möchte ich sagen, dass nicht alle so sind, wir jedenfalls nicht. Ist halt auch eine Erziehungs- und Anstandsfrage. Wir, 2 Erwachsene und 2 Kinder, machten ziemlich die gleiche Tour mit den Velos an einem nebligen Herbsttag, der noch golden endete. Zusätzlich fuhren wir noch auf den Rheindamm hinaus, der ornithologisch auch sehr interessant ist. Am Ende des Tages hatten wir an diesem Ruhetag (wir waren auf der Veloroute Nr. 2 von Waltensburg nach Schaffhausen unterwegs) doch 27 Kilometer auf dem Kilometerzähler.

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